Reise durch Raum und Zeit

SCHAFFHAUSEN. Die Zeit steht still im Hotel Tanne in Schaffhausen. Die Thurgauerin Katrin Sauter hat dem Ort eine Familiengeschichte auf den Leib geschrieben – als theatralen Rundgang «Hotel Tanne», der die Räume und die Jahre lebendig werden lässt.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Schaffhausen, 1944, Eva-Maria (Lisa Brühlmann) in ihrem Zimmer. Was wollte Major Sennhauser von ihrer Schwester Johanna, warum hat der Vater Johanna fortgeschickt? (Bild: pd/Karin Bucher)

Schaffhausen, 1944, Eva-Maria (Lisa Brühlmann) in ihrem Zimmer. Was wollte Major Sennhauser von ihrer Schwester Johanna, warum hat der Vater Johanna fortgeschickt? (Bild: pd/Karin Bucher)

Unerhört, das ist doch verboten! Ein knallroter Döschwo fährt über den autofreien Herrenacker, am Zelt des Sommertheaters vorbei, biegt in die Tanne genannte Gasse ein, hält vor dem Hotel Tanne, zwei Frauen steigen aus. Die Passanten lächeln und sind gar nicht böse. Denn sie sind Premierenbesucher, und im Theater ist Verbotenes erlaubt, wird Illusion Wirklichkeit. Mehr noch – das Theater kann durch die Zeit reisen und Vergangenes ins Jetzt holen.

Unverändert seit 100 Jahren

Die Vergangenheit des Hotels Tanne. Jeder Schaffhauser kannte die «Tanne», viele waren Stammgast bei Fräulein Zimmermann, die sich partout nicht als Frau Zimmermann ansprechen liess. Seit 1997 ist die «Tanne» geschlossen, Margrit Zimmermann im Altersheim. Die Stadt hat die Liegenschaft übernommen und sich verpflichtet, «das unverwechselbare Cachet und die historischen Einrichtungen der Gaststube zu erhalten».

Eine Steilvorlage für das Sommertheater Schaffhausen und eine herrliche Gelegenheit für Katrin Sauter. Die in Basadingen aufgewachsene Regisseurin und Theaterpädagogin ist in das Haus eingetaucht – Restaurant und Hotel sind seit hundert Jahren nicht mehr renoviert worden – und hat eine fiktive Familiengeschichte geschrieben, die drei Generationen umspannt. Donnerstag war Premiere von «Hotel Tanne» im Hotel Tanne, die Besucher hatten ihre helle Freude. Längst sind alle Vorstellungen ausverkauft.

Gleich zu Beginn vermischen sich die Zeiten. Erst steigt Johanna Abegg mit ihrer Tochter Sophie aus dem Auto, kehrt nach fünfundzwanzig Jahren in Paris in den elterlichen Betrieb zurück, dessen Zukunft geregelt werden muss – gleich darauf spielen sie und ihre Schwester Eva-Maria auf der Strasse und schieben einen Karren mit Kartoffeln vors Haus.

Alles fliesst ineinander

Geschickt verweben Katrin Sauter, Szenographin Karin Bucher und Projektleiter Benno Muheim die Zeitebenen; geschickt nutzen sie Gaststube und Hotelzimmer, Innenhof und Weinkeller, Fenster und Treppenhaus für die Szenen; Erdachtes und Vorgefundenes, Requisiten und originale Einrichtung, Musikeinspielungen und Installationen lassen sie ineinanderfliessen für die Geschichte, die sich hier und anderswo zugetragen haben könnte. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich, zitiert das Programmheft Leo Tolstoi. In der Familie Abegg findet sich beides, das Glück und das Unglück.

Das Publikum ist mittendrin im Geschehen. Sitzt neben den Gästen in der Wirtsstube, steigt die Stiegen hoch, betritt zu dritt oder zu viert je ein Zimmer, bekommt mit, was in den andern Räumen vor sich geht, wird wieder nach unten geführt.

Fliegeralarm und «Azzurro»

Raffiniert hat Katrin Sauter ihr Stück angelegt, raffiniert sind die wichtigen und die liebevollen Nebenszenen des theatralen Rundgangs zeitlich und räumlich verzahnt. Die Zuschauer erleben sie – auf zwei Gruppen verteilt – in unterschiedlicher Reihenfolge, werden geleitet von Spielern, die Wegweiser, Erklärer, Darsteller zugleich sind. Und als die neunzehn Spieler und die vierzig Zuschauer wieder in der Gaststube zusammenkommen und wieder der Walzer erklingt, fügt sich zusammen, was sich während der knapp zwei Stunden vielleicht nicht immer gleich hat auflösen lassen.

1969. Paolo Contes «Azzurro» am Radio, Mondlandung in der Zeitung. Hochbetrieb in der «Tanne», die besser läuft, seit Vater Abegg tot ist. Im Säli gerät sich der Verein für das Frauenstimmrecht in die Haare, in der Küche sind sich die Schwestern uneinig, wie es weitergehen soll.

1944. Nachrichten am Radio. Vater herrisch, Offizier, den Deutschen zugetan wie Major Sennhauser, der auf die Neutralität pfeift und im Keller einen geheimen Kommandoposten betreibt, der über Frauen Witze reisst und des Nachts Johanna bei sich im Zimmer behält. Vater schlägt sie, verbannt sie ins Welschland: «Du kommst mir allein zurück!»

1969. Nationalrat Sennhauser kämpft gegen das Frauenstimmrecht. Er erkennt Johanna, zeigt auf Sophie: «Wer ist das?» Sucht sich eine andere Beiz. Auch die junge Frau ist da, die vom Prime Tower Schaffhausen schwärmt, der hier entstehen soll. Auch Stadtpräsident Thomas Feurer ist da. Als Premierengast.

Aktuelle Nachrichten