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Regisseur schreibt eigenes Märchen

Er heisst mit Zweitnamen Thor, ist eigentlich Filmemacher – und lässt Stars verzweifeln. Islands Goalie Hannes Halldorsson ist der Gegenentwurf zum modernen Profi. Heute (17 Uhr, SRF zwei) trifft er auf Nigeria.
Dominik Kortus (SID)
Erst mit 29 erhielt er einen Profivertrag: Hannes Halldorsson. (Bild: Matthias Hangst/Getty (Moskau, 16. Juni 2018)

Erst mit 29 erhielt er einen Profivertrag: Hannes Halldorsson. (Bild: Matthias Hangst/Getty (Moskau, 16. Juni 2018)

Hannes Halldorsson hielt sich vornehm zurück, doch ein Schmunzeln konnte sich der isländische Torhüter dann doch nicht verkneifen. Welcher Star ihn denn in einer möglichen Verfilmung des WM-Auftaktspiels gegen Argentinien verkörpern solle, wurde Halldorsson nach dem sensationellen 1:1 gefragt. Doch anstatt etwa George Clooney oder Brad Pitt zu erwähnen, erwiderte er nur: «Das müssen andere entscheiden.» Sprach’s, lächelte – und nahm die Trophäe als Spieler des Spiels entgegen.

Dabei ist Halldorsson doch selbst der Experte für die optimale Besetzung von Filmrollen. Denn bis vor etwas mehr als vier Jahren war er hauptberuflich Regisseur. «Es ist keine normale Kombination, Regisseur und Fussballer zu sein», sagte er. «Aber ich hatte immer eine Leidenschaft dafür.»

Selbst für Hollywood ein wenig zu kitschig

Eine bessere Geschichte als seine eigene hätte sich der 34-Jährige aber wohl auch nicht ausdenken können. Selbst für Hollywood mutet sein Weg nach Russland fast ein bisschen zu kitschig an. Denn eigentlich war Halldorssons Fussballkarriere schon vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ein Snowboardunfall verhinderte, dass sich der 14-jährige Hannes Thor – so heisst Halldorsson mit vollem Namen – von einem talentierten Torhüter zum Profi entwickeln konnte. «Bis ich 19 war, habe ich praktisch keinen Fussball gespielt, weil meine linke Schulter ständig auskugelte», sagt er. Dann, mit 20, folgte die erste Operation. An echtes Goalie-Training war in dieser Phase nicht zu denken. Der Ersatz: eine Betonwand in einem Vorort von Reykjavik. Stundenlang schoss sich Halldorsson die Bälle selbst um die Ohren, versuchte im Alleingang, die Jahre des Stillstands aufzuholen. Zunächst vergeblich, selbst ein isländischer Viertligist lehnte ihn ab. Und dann das: Ein Jahr später sass er bei einem Drittligisten bis zur letzten Begegnung der Saison auf der Bank, kam dann doch im entscheidenden letzten Spiel zum Einsatz – und patzte. Sein Team verpasste den Aufstieg. «Ich dachte: Das war’s!», erinnert er sich. Also wendete er sich realistischerweise seinem zweiten Hobby zu, dem Filmemachen. Er arbeitete sich schnell nach oben, drehte bald Dokumentationen, Werbespots, Kurzfilme. Und, oh Wunder, nebenbei nahm auch die Fussballkarriere wieder Fahrt auf. Halldorsson spielte in der zweiten, dann in der ersten Liga, wurde Meister und Pokalsieger in Island und debütierte 2011 in der Nationalmannschaft. Erst mit 29 Jahren unterschrieb er seinen ersten Profivertrag.

Ein Jahr darauf drehte er das Musikvideo für Islands Teilnehmer am Eurovision Song Contest, dann für ein schwedisches Möbelhaus und einen Spot für die Fluglinie, die Islands Kicker sponsert.

Vater weint vor Stolz im Stadion

Schon bei der EM 2016 war er der Rückhalt des Sensationsteams, brachte den späteren Europameister Portugal mit Cristiano Ronaldo beim 1:1 im Gruppenspiel genauso zur Verzweiflung wie später beim Überraschungssieg im Achtelfinal das englische Team um Wayne Rooney. Und nun folgte in Russland der nächste Höhepunkt gegen Argentinien. Er hielt einen Elfmeter von Superstar Lionel Messi («Daran werde ich mich den Rest meines Lebens erinnern») und liess die argentinischen Superstars das eine oder andere Male verzweifeln. Seine Leistung brachte sogar seinen Vater im Stadion vor Stolz zum Weinen.

Zuletzt drehte Halldorsson übrigens einen Clip für einen ­Getränkehersteller. Hauptdarsteller: die isländische Nationalmannschaft und der legendäre Schlachtruf «Huh». Halldorsson spielt sich dabei selbst, Gänsehaut ist garantiert. Auch ohne George Clooney oder Brad Pitt.

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