«Es herrscht Panik, wenn die Waschmaschine kaputt ist»: Zentralschweizer Fussballvereine kämpfen um Geld und Personal

Zahlreiche Vereine im Innerschweizer Amateurfussball plagen dieselben Sorgen: Wer soll den Vorstandskarren ziehen?

Turi Bucher
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The Show must go on – auch für den 2.-Liga-inter-Club FC Kickers Luzern (in Rot-Schwarz Marko Brzovic).

The Show must go on – auch für den 2.-Liga-inter-Club FC Kickers Luzern (in Rot-Schwarz Marko Brzovic).

Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 7. September 2019)

FC Kickers Luzern, FC Sarnen, FC Sursee, FC Zug 94, FC Willisau – das sind fünf Beispiele von Zentralschweizer Fussballclubs, von denen man in den vergangenen Monaten Hilferufe hörte (siehe auch Kasten ganz unten). Wo man auch hinhört oder fragt, derselbe Ruf, dieselbe Antwort: Es sind zu wenig Leute da, die sich für den Verein engagieren wollen. Auch das Geld ist vielerorts knapp.

Roger Wicki (56), seit 2006 Vorstandsmitglied des Stadtluzerner FC Kickers, sagt beispielsweise: «Eben erst ist eine wichtige Quelle versiegt. Unsere Donatorenvereinigung Club 90, die es mit rund 40 Mitgliedern 30 Jahre lang gab, hat keinen Präsidenten gefunden. Nun hat sie sich leider aufgelöst. Das sind 10000 bis 12000 Franken pro Jahr, die uns in Zukunft fehlen.»

Der FC Kickers selber sucht schon seit vier Jahren einen neuen Vereinspräsidenten. Wicki: «Wir brauchen einen mit Netzwerk.» Will heissen: Einen, der Zugang zu Firmen, zu möglichen Sponsoren verschafft. Wicki nennt ein weiteres Beispiel: «Die Waschmaschine des FCK ist kaputt. Sofort bricht Panik aus. Wer soll das bezahlen?» Immerhin: Kickers steht schuldenfrei da, aber «wir leben von der Hand in den Mund.»

Dabei gehöre, behauptet Wicki, Kickers wohl zu jenen 2.-Liga-inter-Clubs, die ihren Fanionspielern minimste Spesen und dem Trainer der 1. Mannschaft eine für diese Liga «sehr bescheidene» (Wicki) Saisonentschädigung entrichtet. Eine sehr tiefe fünfstellige Zahl soll es sein, erfährt man aus Insiderkreisen.

Ohne Präsident keine Sponsoren – ohne Sponsoren kein Präsident

Wicki musste schon vor rund 13 Jahren miterleben, wie Kickers beinahe bankrott ging, musste mit anpacken, damit die Sanierungsmassnahmen griffen. «Es hatte auch etwas Heilsames», sagt Wicki heute. «Abenteuer? Gibt es beim FCK sicher keine mehr.» Aber dieser Leitsatz alleine verschafft dem Luzerner Quartierclub auch keine gesunde finanzielle Basis. «Wir haben Dutzende von Firmen angeschrieben», erzählt Wicki, «wenn du nicht in deren Raster passt, hast du keine Chance.» Was tun? Wicki sieht auch den Innerschweizer Fussballverband (IFV) in der Pflicht, die Vereine mehr zu unterstützen. «Wir stottern pro Jahr rund 20 000 Franken an den Verband ab. Ein Verband, der sich zu fünfzig Prozent durch Bussengelder finanziert.»

Seit 2007 hilft Roger Wicki mit, Kickers über Wasser zu halten. Damals fasste er zusammen mit Emanuel Willi auf Tribschen den Auftrag, den Scherbenhaufen aufzuschäufeln und den kurz vor dem Ruin stehenden FCK zu sanieren beziehungsweise eine Schuldenlast von 140 000 Franken abzutragen. Schon damals hiess der Teufelskreis: Ohne Präsident kommen keine Sponsoren – ohne Sponsoren kommt kein Präsident. Die beiden Sanierer sorgten dafür, dass Kickers wieder zu funktionieren begann, strukturell und sportlich. Heute sagt er ernüchtert: «Die Luft wird immer knapper, es wird immer enger.» Von strukturell jährlich 20 000 Franken ist die Rede, dann hätte Kickers seine Verschnaufpausen. Wicki betont, dass das Fundament des Luzerner Stadtclubs der Juniorenfussball ist. «Mit unserer grossen Juniorenabteilung leisten wir ja auch Integrationsarbeit.» Rund die Hälfte der Junioren beim FCK sind ausländischer Herkunft.

Wenn der Junior vor 12 wechselt, gibt’s keine Entschädigung mehr

Wicki erwähnt und klagt zudem: «Pro Jahr schaffen es in der Schweiz vielleicht zehn Nachwuchsspieler in die Super League. Wir geben jedes Jahr zwei bis vier Spieler an den FC Luzern ab. Wenn der Junior aber vor dem 12. Altersjahr den Verein wechselt, erhalten wir, welche die Basisarbeit geleistet haben, mittlerweile keine Ausbildungsentschädigung mehr. Dafür würden wir, so wird vom Fussballverband argumentiert, mit den Mitgliederbeiträgen schon genügend entschädigt.» Auch auf diese Einnahmen müssen die kleinen Vereine unterdessen also verzichten, und Wicki fragt sich: «Deshalb die Mitgliederbeiträge verdoppeln oder sogar verdreifachen?» Seine umgehende Antwort: «Das können wir den Familien unserer Junioren nicht antun.» Wicki reklamiert: «Es ist eine One-Way-Show des Fussballverbandes, nichts fliesst an die Basis zurück, dorthin, wo die gesellschaftliche Integrationsarbeit verrichtet wird. Es kommt der Moment, an dem wir mit unserem Angebot runterfahren müssen, damit der Betrieb noch gestützt werden kann. Dass wir uns bis heute über Wasser halten konnten, ist unter anderem auch den grosszügigen Jugendförderbeiträgen der Stadt Luzern zu verdanken.»

Wicki bedauert auch, dass auf Grund der gesellschaftlichen Entwicklung «die Matchbesucher kaum noch die Club-Beiz besuchen. Vor 20 Jahren hatten wir mit dem Restaurant pro Jahr noch einen Nettoertrag von 30 000 Franken. Heute ist es vielleicht ein Drittel des Betrages. Das sind für uns existenzielle Beträge, die wegbrechen.» Er wünscht sich, dass nachhaltige Lösungen gefunden werden, welche es den Vereinen erlauben, auch in Zukunft ihren gesellschaftlichen Auftrag wahrnehmen zu können.

«Wenn man ganz unten ist, ist alles ein Aufwärtstrend»

Der FC Sarnen rief im vergangenen November seine Mitglieder zu einer «obligatorischen Informationsveranstaltung». Thema: Die mangelhafte Besetzung des Vereinsvorstandes. Vizepräsidentin Nathalie Giger forderte die Anwesenden in einem flammenden Appell auf, sich zu melden, sich zu engagieren. Dann: Zehn Minuten Stille im Saal, niemand meldete sich zu Wort. Giger sagte hinterher: «Es ging mir auch darum, den Leuten bewusst zu machen, was es bedeutet, in einem Verein zu sein.» Jetzt, drei Monate später, kann Giger, die Tochter des ehemaligen Spitzenlinienrichters Roger Giger, erfreut mitteilen: «Es gab eine starke Reaktion, eine positive Bewegung. An der nächsten Generalversammlung im Juli können wir einen vollzähligen Vorstand präsentieren.» Deshalb hat Giger sich entschlossen, nach einem Jahr als Vizepräsidentin beim FCS nun als Präsidentin zu amtieren. «Ich habe keine Angst vor dieser Aufgabe. Aber ich habe immer gesagt, dass sie für mich nur in Frage kommt, wenn der Vorstand komplett besetzt ist», erklärt Giger. «Jetzt weiss ich, dass Kollegen da sind, die Wissen mitbringen, die sich auskennen.» FC Sursee im 100. Vereinsjahr auf Präsidentensuche Beim FC Sursee tritt Präsident Daniel Willimann in diesem Jahr, wenn der Verein sein 100-jähriges Bestehen feiert, zurück. Die 99. GV besuchten lediglich 40 Mitglieder. «Das ist mir unerklärlich», sagte Willimann im September der «Surseer Woche». Auch die Surseer sind besorgt um die Vorstandsbesetzung. Neben Willimann treten im Jubiläumsjahr drei weitere Vorstandsmitglieder zurück. Wo suchen, wo finden? «Intern und extern», sagt Willimann. Und jetzt, im Jahr 100? Daniel Feuchter wird Erich Möstl auf dem Posten des Sportchefs ablösen, die Charge des Finanzchefs wird auf mehrere FCS-affine Schultern verteilt. Ein Aufwärtstrend? «Wenn man ganz unten ist, ist ja alles ein Aufwärtstrend», philosophiert Präsident Willimann, der weiterhin nach seinem Nachfolger Ausschau hält. «Er soll intern Verantwortung tragen und nach aussen präsentieren.» Und er soll möglichst an der nächsten GV vorgestellt werden können. Voraussichtlich nach den Sommerferien – das Datum der GV ist noch nicht fixiert, der aktuelle Präsi möchte noch eine vierwöchige USA-Reise antreten. Zum FC Willisau sagte Präsident Bruno Peter, von Beruf Stadtschreiber in Sursee, Ende 2019 gegenüber dem «Willisauer Boten»: «Der FCW ist ein grosser Laden. In jedem Bereich und auf allen Ebenen müssen Leute bereit sein, mitzuhelfen und Verantwortung zu übernehmen.» Auch beim 2.-Liga-inter-Spitzenreiter FC Willisau sind die Finanzen ein Thema. Peter: «Ich kann ganz offen sein: Im Verein hat sich in den vergangenen Jahren ein grösseres strukturelles Defizit ergeben. Dieses konnte jeweils durch ausserordentliche Einnahmen gedeckt werden. Doch das wird auf lange Sicht nicht Jahr für Jahr möglich sein.» Und Peter spricht aus, was vereinsintern da und dort durchaus auch auf Gegenwind stösst: «Unter den gegebenen Voraussetzungen ist klar: Bevor wir nicht über deutlich höherer Erträge verfügen, müssen wir ernsthaft über das Budget der ersten Mannschaft diskutieren.» Erstligist Zug 94 mit rund 100 000 Franken Schulden Und zum Schluss noch der Erstligist Zug 94, krasser Tabellenletzter in der 1. Liga. Dort hat sich der 44-jährige Aydogan Cilingir bereiterklärt, bis zur nächsten GV im Oktober interimistisch als Präsident zu amten. Cilingir klagt: «Rund 100 000 Franken Schulden, kein Hauptsponsor, sportlich in Abstiegsgefahr. Wir sind in der Krise.» Aber Cilingir sagt auch: «Jetzt erst recht! Am 28. März wollen wir, wenn uns das Corona-Virus nicht einen Strich durch die Rechnung macht, an unserem ‹Open Day› den Verein Zug 94 näher bringen.» (tbu.)