«Sind nicht arme Rollstuhlfahrer»

Die neue Schweizer Meisterschaft ist am Wochenende in Nottwil eröffnet worden. Die Beteiligten blenden ihre körperliche Behinderung aus, kämpfen mit harten Bandagen um den Sieg. Ein Besuch vor Ort.

Stephan Santschi
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«Kein Spiel für schwache Nerven.» So wirbt das Plakat an der Wand für das Geschehen, das ein paar Schritte weiter in der Turnhalle zu sehen ist. Im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil begann am vergangenen Wochenende die neue Schweizer Meisterschaft im Rollstuhlrugby. Lange dauert es nicht, bis klar wird, dass dem Beobachter nicht zu viel versprochen wurde. Es geht hart zur Sache, die Viererteams schenken sich nichts. Wer sich den Ball nicht schnell genug vom Boden krallt, kommt im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder und riskiert einen Fingerbruch. Zu Zweit einen Gegner mit dem Rollstuhl einklemmen, ist erlaubt. Metallisches Krachen zeugt von Zusammenstössen, manchmal so wuchtig, dass der Sportler samt seines fahrbaren Untersatzes auf die Seite oder den Rücken kippt.

Nicht jeder ist dabei so austrainiert wie Jeremy Jenal, der sich mit einem Handstand gleich selber zurück in die Waagrechte hievt. Geht ein Reifen kaputt, erfolgt noch auf dem Platz der Boxenstopp in Sekundenschnelle. «Nicht die Behinderung, sondern die Leidenschaft steht im Vordergrund», wird Christian Hähnel später sagen. «Wir sind nicht die armen Rollstuhlfahrer. Im Duell Mann gegen Mann möchten wir um jeden Preis gewinnen. Mir persönlich gibt das ein Gefühl von Freiheit und Selbstständigkeit.»

Nottwil dominiert die Schweizer Szene

Christian Hähnel spielt bei den Nottwiler Lokalmatadoren «Fighting Snakes» und er ist der OK-Präsident des ersten Meisterschaftswochenendes. Sein Verein dominiert seit eineinhalb Jahrzehnten die Schweizer Szene, auch wenn die Konkurrenz aus Zürich (Blue White Eagles) zuletzt den Titel holte. «Wir profitieren davon, dass viele Patienten hier am SPZ ihre Ersttherapie absolvieren. Sie schauen rein und bleiben bei uns hängen», erklärt Hähnel. Dass die Nachwuchsrekrutierung funktioniert, zeigt auch der Blick auf das Teilnehmerfeld. Neben dem ausländischen Gast aus Freiburg stehen fünf Schweizer Mannschaften am Start – zwei davon kommen aus Nottwil. Die Fighting Snakes und die Snakes, die ihr Personal allerdings aus dem gleichen Verein beziehen. «Wir versuchen jeweils, zwei in etwa gleich starke Teams zusammenzustellen.»

Wie gut ihnen das gelingt, zeigt sich am Samstagnachmittag, als die Fighting Snakes und die Snakes zum Nottwiler Derby bitten. Auf dem Basketballfeld mit einem Volleyball spielend, geht es darum, mit Rollstuhl und Ball über die gegnerische Torlinie zu fahren. Für einen Angriff bleiben 40 Sekunden Zeit, endet er erfolgreich, gibt es einen Punkt. Obwohl mit harten Bandagen verteidigt wird, dominieren im Rollstuhlrugby die Offensivreihen. Schöne Passkombinationen wechseln sich mit Einzelleistungen ab, manchmal ist es eine Frage von Millimetern, ob der Rollstuhl durch die Lücke passt oder am gegnerischen Gefährt hängen bleibt. Wer es kann, dreht sich schwindelerregend um die eigene Achse, kurvt im Slalom durch die Konkurrenz oder entwischt den Verteidigern mit einem Sprint. So, wie der eingangs erwähnte Jeremy Jenal oder seine Teamkollegin Silvana Hegglin. «Es ist intensiv. Sich auf diese Weise auspowern zu können, ist cool. Der Muskelkater aber wird sicher kommen», sagt die 20-Jährige aus St. Erhard und lacht.

Ein Spiel dauert netto 4-mal 8 Minuten, die vielen Unterbrüche ziehen die Partie aber in die Länge. Das Nottwiler Vereinsduell ist mittlerweile 85 Minuten alt, kurz vor Schluss steht es 45:45, «ein Hitchcock-Finale», schwärmt ein Zaungast und reibt sich die Hände. Fünf Sekunden vor dem Abpfiff punktet Hähnel zum 46:45, drei Sekunden vor Schluss gleicht Hegglin aus, weil die Uhr erst dann weiter läuft, wenn sie den Ball nach dem Wiederanspiel gefangen hat. 46:46 also – es geht in die dreiminütige Verlängerung. Am Ende setzt sich die routiniertere Auswahl um Christian Hähnel mit 50:49 durch. So spannend kann Rollstuhlrugby sein.

Im April und Mai werden in Bäretswil und Embrach die beiden weiteren Meisterschaftsturniere ausgetragen, dann steht der neue Schweizer Meister fest. Wie auch immer Hähnel mit seinen Fighting Snakes abschneidet, ein anderes Highlight steht bereits jetzt im Fokus: Die Europameisterschaft in Dänemark im August 2019. Die Schweiz ist jüngst in die A-Division aufgestiegen und wird sich dann mit der kontinentalen Elite messen. Gewiss auch dann kein Spiel für schwache Nerven.

Hinweis

Bildergalerie unter: www.luzernerzeitung.ch/Bilder