Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Schwitzen am Seil und in der Sauna

Die Schweizer Topcracks rüsten sich für die Seilzieh-EM in Irland. Stans-Oberdorf entsendet 14 Athleten – ein Besuch im Abschlusstraining.
Stephan Santschi
Vorbereitung auf die EM: gemeinsames Training des Schweizer Mixed-Nationalteams. (Bild: Manuela Jans-Koch (Stans, 29. August 2019))

Vorbereitung auf die EM: gemeinsames Training des Schweizer Mixed-Nationalteams. (Bild: Manuela Jans-Koch (Stans, 29. August 2019))

Im Eichli, direkt an der A2 gelegen, befindet sich das Ballungszentrum des Stanser Sports. In der Halle trainieren unter anderen die NLB-Handballer, auf den Rasenplätzen tummeln sich die Fussballer. Die Leichtathleten erfreuen sich seit kurzem einer neuen Sprintbahn und im Skatepark wird fleissig auf Rollbrettern geübt. Etwas unscheinbar am Rand des Areals steht seit 26 Jahren aber noch eine andere Trainingsanlage. Jene der Seilzieher oder im internationalen Wortlaut: jene des Tug of War Club Stans-Oberdorf.

Schweiz zählt zu den Topfavoriten

In Castlebar (Irland) finden von Donnerstag bis Sonntag die Elite-Europameisterschaften und die Nachwuchs-Weltmeisterschaften im Seilziehen statt. Bei den Männern wird an der EM in vier Kategorien gezogen (560, 640, 680, 720 Kilo), bei den Frauen in zwei (520, 560), hinzu kommt die Mixed-Klasse (580). Die Junioren-WM teilt sich auf in ein U23- und ein U19-Turnier mit jeweils einer Mädchen-, Knaben- und Mixed-Kategorie.

Neben den 14 Vertretern aus Stans-Oberdorf werden auch Seilzieher aus anderen Klubs auf Medaillenjagd gehen – etwa aus den Zentralschweizer Hochburgen Engelberg und Ebersecken. Die Schweiz zählt zu den stärksten Seilziehnationen, an der WM im letzten Jahr ergatterte sie fünf goldene, zwei silberne und eine bronzene Auszeichnung. Andere Nationen mit einer ausgewogenen Spitze im Seilziehen sind Holland, England, Deutschland und Chinesisch Taipeh. (ss)

Kein Verein in der Region ist erfolgreicher, über 50 Schweizer-Meister-Titel und zahlreiche internationale Erfolge füllen das Palmarès der Nidwaldner. Unvergessen ist der Gewinn von WM-Gold 1985 in Stans vor über 8000 Zuschauern oder die beiden EM-Titel sechs Jahre später an gleicher Stätte. Kurz gesagt: Stans-Oberdorf war in den 1980er- und 1990er-Jahren das Mass der Dinge im nationalen und internationalen Seilziehen.

Engelberg und Ebersecken sind vorbeigezogen

Mittlerweile ist es ruhiger geworden um die Stanser, in der Königsklasse (640 kg) warten sie beispielsweise seit 1997 auf den nächsten Schweizer-Meister-Titel – längst sind Engelberg und Ebersecken an ihnen vorbeigezogen. Doch es tut sich etwas im Verein, «seit 2012 investieren wir vermehrt in die Jugendförderung», erklärt Bruno Vogler. Mehrere Meistertitel im Nachwuchs zeugten in jüngerer Vergangenheit davon. Der 61-jährige Bruno Vogler ist Cheftrainer und einer der alten, erfolgreichen Garde – unzählige Trophäen zieren seine Karriere. «Unser Ziel ist es, die grosse Zeit wieder aufleben zu lassen», betont er. «Im Verein haben wir einen schönen Zulauf und auch ehemalige Fans lassen sich wieder begeistern.» Nächste Saison traue er dem 640er-Team den Sprung in die Top 2 des Landes zu.

Vorderhand gilt der Fokus aber einem anderen Ziel, von Donnerstag bis Sonntag stehen in Castlebar die Elite-EM und die Nachwuchs-WM auf dem Programm (siehe Kasten). 14 Athletinnen und Athleten wird Stans-Oberdorf nach Irland entsenden, der Grossteil der Delegation fällt auf das Mixed-Nationalteam. In dieser Kategorie gewann Stans-Oberdorf heuer den einzigen Meistertitel und deshalb vertritt es nun die Schweizer Farben an der EM. Eines der Teammitglieder ist Jessica Beerli, die 2015 Seilzieherin des Jahres war und die schon sechs EM- und vier WM-Medaillen gewonnen hat. «Seilziehen ist eine Ganzkörpersportart und die Stimmung im Verein sehr familiär» – so erklärt sie ihre Leidenschaft.

Ein Mixed-Team besteht aus vier Frauen und vier Männern, in welcher Reihenfolge sie sich am Seil anordnen, ist frei. «Es muss harmonisch sein», sagt Brigitte Ziegler, die mit Jahrgang 1986 die Teamseniorin ist. «Wenn alle miteinander ziehen, erzeugt man am meisten Druck.» Teamkollege Robin Burch erklärt, dass «es keine Rollenverteilung gibt. Es ist ein Miteinander». Und Reto Wagner, der an der Nachwuchs-WM für die U19-Nationalmannschaft startet, sagt ganz allgemein: «Es ist einfach ein geiler Haufen hier.»

Ein Tüftler auf der Suche nach dem besten Harz

Und so schenken sie sich nichts, die Schweizer EM- und WM-Fahrer im letzten gemeinsamen Training im Eichli. Nach dem Einlaufen üben sie normalerweise am Bock. Dabei ziehen die Teams auf drei Bahnen Gewichte in die Höhe. Danach treten sie gegeneinander an. Als das Mixed-Team einen ersten Fight verliert, kommt Frust auf. «Den Zug haben wir selber vergeigt», ärgert sich einer. «Nicht leger werden», mahnt ein anderer. «Das Positive rausnehmen, es war ein guter Kampf», erwidert Vogler, der das Mixed-Nationalteam als Trainer begleiten wird. Kein Zweifel, die Ambitionen sind gross. Egal, wen man fragt: Alle setzen sich in Irland eine Medaille zum Ziel.

Als Beobachter steht mittlerweile Armin Burch am Rand des Geschehens. Er ist Nachwuchs-Coach und der oberste Tüftler des Vereins. Zu Hause in seiner Garage stellt er mit einem Gaskocher und einer Pfanne verschiedene Harzmixturen her. «Nach Irland werde ich vier Sorten mitnehmen – je nach Wetter kommen sie dann zum Einsatz», erzählt er lächelnd. Mit der Hilfe des Harzes halten die Athleten das Seil fest in den Händen – es ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Ebenso wie gutes Schuhwerk, womit wir beim zweiten Steckenpferd von Burch wären.

Warum Seilzieher auf Schlittschuhe setzen

Seit einigen Jahren nutzen die Seilzieher alte Schlittschuhe, um im Morast einen besseren Stand zu haben. Die Stanser bestellen sie entweder im Internet oder Burch fährt in den Sporting Park nach Engelberg und holt ausrangierte Mietschuhe. Daraufhin entfernt er die Kufen und verstärkt die Schuhe vorne mit einer Holzplatte. «Das führt zu mehr Stabilität», erklärt er. Seilziehen mag ein urchig-schöner Sport für Traditionalisten sein, einer modernen Entwicklung steht dies aber nicht im Weg. Auch Videostudium ist mittlerweile gang und gäbe.

Heute Dienstag fliegt die Stanser Delegation nach Dublin, von dort in einer dreistündigen Fahrt mit dem Bus in den Nordwesten Irlands nach Castlebar. «Eigentlich wollten wir am Mittwoch fliegen, doch da war alles ausgebucht», erzählt Brigitte Ziegler. Schweizer Fans belegen die Flieger, nicht wegen des Seilziehens, sondern weil die Fussballer am Donnerstag in Dublin in der EM-Qualifikation antreten.

Vor Ort angekommen gilt der Fokus dem Abnehmen. Vor den Wettkämpfen werden die Teams gewogen, Übergewicht wird nicht toleriert. «Innerhalb ein, zwei Tagen müssen bei mir vier Kilos runter», berichtet Sportchef Stefan Mathis, der die Schweiz in zwei Kategorien (680, 560 kg) verstärken wird. Wie er die Kilos so schnell verliere? «Ich passe die Ernährung an, der Körper ist sich das aus der Saison gewohnt. Der Grossteil ist eh ausgeschwitztes Wasser. Darum geht es gleich ab in die Sauna.» Ab Donnerstag wird dann am Seil geschwitzt. Dann soll sich die harte Trainingsarbeit am Rande des Eichli-Areals einmal mehr in Erfolgen auf der grossen Bühne auszahlen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.