Jessica Keiser: «Jeden Morgen um 6 Uhr geweckt zu werden war ein Schock für mich»

Jessica Keiser ist letzte Woche erstmals in die Weltcup-Punkte gefahren. Die 24-jährige Nidwaldnerin spricht über ihren Aufwärtstrend und erklärt, weshalb sie Weihnachten lieber im Sommer feiern würde.

Stephan Santschi
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Die Nidwaldnerin Jessica Keiser will in diesem Winter den Aufstieg ins A-Kader schaffen. (Bild: Norbert Schnatterer (Lachtal AUT, 20. Januar 2018)

Die Nidwaldnerin Jessica Keiser will in diesem Winter den Aufstieg ins A-Kader schaffen. (Bild: Norbert Schnatterer (Lachtal AUT, 20. Januar 2018)

Jessica Keiser, mit den Rängen 25 und 24 sind Sie letzte Woche in Italien erstmals in die Top 30 des Weltcups gefahren. Ihr Fazit?

Ich bin mega zufrieden. Klar wäre ich gerne schneller. In dieser Saison sehe ich mich aber noch als Europa-Cup-Fahrerin, welche die Einsätze im Weltcup als Zückerchen betrachtet. Mein nächstes Ziel auf dem Weg nach ganz oben ist ein Top-3-Platz im Gesamtklassement des Europacups – dann schaffe ich den Aufstieg in den A-Kader von Swiss Ski.

Dieses Ziel haben Sie letzte Saison mit Platz vier nur knapp verpasst. Frustrierend?

Wenn ich etwas schneller gefahren wäre, hätte ich jetzt A-Kader-Status, das ist Fakt. Ich habe in diesem Jahr aber sehr viel lernen können. Ich zog die Saison von August bis April durch. Das gab es davor nicht, irgendetwas hatte ich immer, zuletzt war es ein Wadenbeinbruch.

Was fehlt noch, damit Sie sich als Weltcupfahrerin fühlen?

Ich brauche mehr Vertrauen in mich und das Brett. Es geht darum, das Puzzle aus Leistung im Schnee, Erholung, Ernährung, Kraft- und Mentaltraining zusammenzusetzen. Ich muss es laufen lassen oder anders formuliert: Es ist Zeit, das Röckchen auszuziehen und Gas zu geben.

Am Wochenende stehen im österreichischen Hochfügen die ersten Europa-Cup-Rennen dieses Winters an. Was erwartet Sie dort?

Es werden viele Fahrer aus dem Weltcup starten. Darauf freue ich mich, weil sie mir aufzeigen werden, was auf der Piste möglich ist. Da will ich natürlich möglichst mithalten können.

Wie gestaltet sich die Woche zwischen zwei Rennen?

Am Montag kam ich zurück aus Italien. Bis und mit Dienstag standen Physiotherapie, Massage, Osteopathie, Mental- und Konditionstraining auf dem Programm. Am Mittwoch erfolgte die Anreise nach Hochfügen, Donnerstag und Freitag ist Schneetraining, Samstag und Sonntag sind die Wettkämpfe.

Da bleibt wenig Zeit für anderes. Ihr Bachelorstudium in Betriebsökonomie haben Sie abgeschlossen. Liegt der Fokus nun voll auf dem Sport?

Ich habe mich aus Interesse nachträglich für den Executive Master of Business Administration an der Fernfachhochschule Schweiz eingeschrieben. Wenn ich Lust habe und es in meine Trainingsplanung passt, besuche ich den Unterricht in Zürich – den Rest mache ich online. Der Fokus liegt zwar voll auf dem Snowboarden, das Schulbuch habe ich aber immer im Koffer. Ich lerne aus Freude und sehe die Ausbildung als Pluspunkt neben dem Sport.

Apropos Schule. Wo haben Sie holländisch gelernt?

(lacht). Das habe ich mir selber beigebracht. Während meiner Gymnasialzeit im Engadin war ich im Französisch weit voraus und ein richtiger Schnorri. Mein Lehrer bat mich deshalb, ruhig zu sein und mich selber zu beschäftigen. So übersetzte ich alles auf Holländisch. Heute kann ich während der Termine mit den holländischen Physiotherapeuten sprechen. Oder ich lese holländische Donald-Duck-Comics.

Können Sie vom Sport leben?

In einer Randsportart wie Snowboard Alpin muss ich alle Auslagen rund um den Sport selber zahlen. Das bedeutet Lift, Startgeld, Hotel, Flug, Trainings und Physio gehen auf mich. Deshalb bin ich meinen Sponsoren und Ausrüstungspartnern sowie dem Kanton Nidwalden für die Sport-Fördergelder extrem dankbar. Zusätzlich bin ich im Gefäss Spitzensportförderung der Armee.

Wie haben Sie die Spitzensport-RS erlebt?

Ich rückte im vergangenen Mai für fünf Wochen ein. Zunächst hatte ich die normale Grundausbildung, lernte das Männchen zu klopfen, hatte Sanitäts- und Feuerwehrunterricht. Danach konnte ich nachmittags jeweils trainieren. Die Infrastruktur in Magglingen ist perfekt, zudem traf ich andere Spitzensportler. Von jedem kann ich etwas lernen. Nächsten Sommer werde ich die restlichen 13 Wochen absolvieren. Die Rekrutenschule kann ich übrigens jeder Frau empfehlen.

Weshalb?

Disziplin! Zudem wurde ich jeden Morgen um sechs Uhr geweckt. Zunächst war das für mich ein Schock. Als Athletin war ich mich an acht bis zehn Stunden Schlaf gewohnt. Mittlerweile stehe ich immer um diese Zeit auf. In der Ruhe des Morgens kann ich so viele Dinge erledigen.

Wie werden Sie die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr verbringen?

Mit Training. Klar werde ich zu Hause in Oberdorf sein, ich kann aber nicht einfach abschalten. Mir wäre es lieber, Weihnachten würde im Sommer stattfinden.