Marathonläuferin Franziska Inauen: «Die Zeit steht für mich nicht im Zentrum»

Franziska Inauen, Vierfachsiegerin beim Swiss City Marathon, strahlt die Leichtigkeit des Marathonlaufens aus.

Interview Jörg Greb
Hören
Drucken
Teilen
Franziska Inauen feiert 2019 ihren vierten Sieg beim Swiss City Marathon in Luzern.

Franziska Inauen feiert 2019 ihren vierten Sieg beim Swiss City Marathon in Luzern.

Bild: pd

Alle Schweizerinnen, die über die Marathonstrecke im Jahr 2019 schneller waren als Franziska Inauen, liefen entweder an einem grossen City-Marathon im Ausland oder auf den flachen Strecken von Zürich oder Lausanne mit. Nicht so die 33-Jährige aus Nottwil, deren Rekordzeit über 42,195 km bei 2:51:08 Stunden liegt.

Franziska Inauen, wieso versuchen Sie nicht auf einer schnelleren Strecke ihre Bestzeit zu verbessern?

Die Zeit steht für mich nicht im Zentrum. Der Marathon in Luzern ist eine Herzensangelegenheit, es ist mein Heimrennen. Daran gekoppelt sind wunderbare Erinnerungen, Gefühle und Vertrautheit. Ich habe sieben der bisher zehn Austragungen mitgemacht.

Ihre Verbundenheit mit Luzern zeigt sich auch darin, dass Sie vom Aargau nach Nottwil zurück gezogen sind.

(lacht)

Mein Partner ist einem Umzug in die Zentralschweiz offen gegenüber gestanden. Für mich ist viel Qualität damit verbunden. Der See, die Berge, da bieten sich fantastische Gelegenheiten zum Laufen.

Etwa?

Loslaufen und wenn möglich die Komponenten Flachstrecke, Bergstrecke und Heimkehr mit dem öV verbinden – das ist etwas vom Schönsten. Hier ist vieles möglich, zum Beispiel ein Longjog dem Sempachersee entlang, via Luzern auf die Rigi oder auf das Stanserhorn. Mit dem GA im Gepäck bin ich stets flexibel, eine Teilstrecke mit dem öV zu machen. Je nach Zeit, Energie, Wetter, Bedürfnis.

Wer begleitet Sie?

Meist bin ich alleine unterwegs. Ich geniesse es, den eigenen Gedanken nachzuhängen, den Kopf durchzulüften. Diese Art von Unterwegssein ist entspannend und inspirierend. Nicht selten komme ich so auf gute Ideen, werden Probleme unbedeutend oder lösen sich fast von selbst. Auf solchen Pfaden kann ich den Gedanken freien Lauf lassen, die Natur geniessen, die Jahreszeiten erleben.

Aussergewöhnlich bei Ihnen: Sie laufen ohne Coach, ohne Trainingsplan, ohne Uhr. Sehen Sie sich überhaupt als Leistungssportlerin?

Fragt sich, wie der Begriff Leistungssportler definiert wird. Läuft die Definition über Leistungen, dann kann ich mich einigermassen mit dem Begriff identifizieren. Aber wenn ich als Leistungssportlerin auf die gelaufenen Zeiten und Ränge reduziert werde, entspricht das nicht meinen Vorstellungen.

Wie kontrollieren Sie Ihre Formkurve?

Das basiert bei mir nicht auf Zahlen und Messungen, sondern vor allem auf Intuition. Ich merke beim Laufen, wie fit ich bin. Und dank meiner Erfahrung kann ich mich immer besser einschätzen. Einschneidendes hat mich auch weitergebracht. In den Jahren 2015 und 2016 musste ich zweimal notfallmässig ins Spital. Die Regeneration nach den Operationen dauerte länger als ich vermutete. An Laufen war eine Zeit lang nicht zu denken. Es wurde eine Zeit, die mein Bewusstsein schärfte. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass der Körper mit all seinen Komponenten funktionsfähig ist. Wohl auch deshalb versuche ich, bei einem Lauf nicht an das absolute Limit zu gehen.

Beim Laufen ist Ihnen die Freude ins Gesicht geschrieben. Wie schaffen Sie das?

Das Rezept ist, dass ich den Laufsport ohne Verpflichtung ausführen darf. Ich kann mich primär dem Laufflow hingeben und flexibel vor- und nachgeben. Ich sehe mich nicht als Maschine, die immer dieselbe programmierte Leistung abrufen muss. Die Natur geniessen, dankbar sein, wenn es läuft. Die Zufriedenheit und die Ausgeglichenheit nach dem Laufen spüren. Lustig ist auch, dass ich das Wort Training selten bis nie benutze. «Ech gang chli go seckle» sind wohl eher meine Worte.

Gab es Schlüsselerlebnisse in Ihrem Läuferleben?

Bestimmt, bedeutend waren meine beiden längeren Volontariats im Ausland: die drei Monate in Uganda und der Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Griechenland. Beide Male erkannte ich, dass es Wichtigeres gibt, als einen Sieg oder eine Niederlage als Läuferin. Dort lernte ich Gelassenheit.