Die Gisins prägen Alessia Bösch

Die grossen Vorbilder der Engelberger Skirennfahrerin Alessia Bösch (16) stammen quasi aus der Nachbarschaft.

Peter Gerber Plech
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Alessia Bösch trägt an ihren Rennen jeweils eine Glückssocke.

Alessia Bösch trägt an ihren Rennen jeweils eine Glückssocke.

Bild: Rosmarie Knutti (Wengen, 2. März 2019)

Am Ende war es der 4. Platz. Weil die Walliserin Emma Dugast am vergangenen Donnerstag in Davos vier Hundertstelsekunden schneller gewesen ist, gab es für Alessia Bösch an den U18-Schweizer-Meisterschaften in der Abfahrt keine Medaille. «Für einen Moment habe ich mich geärgert und gedacht, dass ein kleiner Fehler weniger zur Medaille gereicht hätte», sagt die Engelbergerin. Wenige Stunden nach Rennschluss hat sich ihre Wahrnehmung verändert. «Ich bin ohne Erwartungen nach Davos gereist. Auch, weil ich heuer erst die zwei weniger anspruchsvollen FIS-Abfahrten in Zinal gefahren bin.» Am Ende sei sie überrascht gewesen, wie gut letztlich alles geklappt habe. Aber irgendwie auch nicht, denn die weiche Piste hätte Fahrerinnen mit einem sich an der sauberen Linienwahl und der feinen Fahrweise orientierenden Stil bevorteilt. Genau jenem Stil, den die 170 Zentimeter grosse Alessia Bösch fährt.

Die Absolventin der Sportmittelschule Engelberg ist mit ihrem ersten FIS-Jahr sehr zufrieden. 26 Rennen hat Bösch seit dem 12. Oktober 2019 bestritten. Sieben davon hat sie mit einem Rang im einstelligen Bereich beendet und nur zwei Mal ist sie ohne Resultat geblieben. «Ich habe meine Trainingsleistungen in den Rennen abrufen können, und das ist ein gutes Zeichen», sagt die Allrounderin, die sich in den technischen Disziplinen etwas wohler fühlt.

Bruder Fabian ist Big-Air-Weltmeister

Vielleicht 100 Meter neben dem Klostermatte-Skilift steht das Elternhaus, in welchem Alessia Bösch mit zwei Schwestern und ihrem Bruder, dem ehemaligen Slopestyle- und aktuellen Big-Air-Weltmeister Fabian, aufgewachsen ist. Logisch, dass sie als Engelbergerin von den Erfolgen der Gisin-Geschwister geprägt worden ist. «Dominique, Marc und Michelle haben sich bei Skiclub-Anlässen stets sehr um uns Kleine gekümmert und uns Tipps gegeben. Das hat mich beeindruckt.» Die grossen Empfänge nach den Olympiasiegen von Dominique (2014) und Michelle Gisin (2018) gehören für die Teenagerin zu den unvergesslichen Momenten. Prägende Figuren ausserhalb der Familie waren Walter Windlin (Chef alpin) sowie Claudia und Markus «Tschüss» Müller, die Trainer im örtlichen Skiclub.

Beinahe hätte Alessia Böschs Ski-Karriere mit einem Fehlstart begonnen. Beim ersten nationalen Vergleichsrennen, einem Slalom, trug sie die Startnummer 3. Weil sie zu schüchtern gewesen sei, um sich beim Lift vorzudrängen und so rechtzeitig an den Start zu gelangen, wurde die Zeit knapp. Sekunden vor dem Beginn stand sie im Starttor. Erst der Startrichter machte die Rennfahrerin darauf aufmerksam, dass sie noch Protektoren anziehen sollte. «In all der Hektik habe ich meine Nervosität, dass ich ein Rennen zu fahren habe, vergessen.» Verloren hat Alessia diese Eigenschaft aber nicht. Heute sind es klare, sich wiederholende Rituale, die ihr helfen, die Anspannung vor dem Start erträglich zu machen. Und dann sind da noch die besondere Glücksrenn­unterwäsche und eine Glückssocke, die möglichst bei keinem Rennen fehlen dürfen.

Pragmatisch, was die Zukunft betrifft

Wo soll der Weg von Alessia Bösch hinführen? Wie schnell sollen die Schritte erfolgen? Die Antwort der jungen Frau beinhaltet Ziele und ist dennoch sehr pragmatisch. «Es gibt derart viele Fahrerinnen im Weltcup, bei denen es wegen einer Verletzung nicht immer aufwärtsgegangen ist. Ich mache mir keinen Stress und setze mir nicht zum Ziel, dass ich mich in vier Jahren im Weltcup etabliert haben muss.»

Alessia Bösch setzt auf die Karte Leistungssport. Für Aktivitäten neben Sport und Schule bleibt kaum noch Zeit. Gelegentliche Treffen mit Freundinnen liegen noch drin, vielleicht auch mal das Lesen eines Buches. Ganz sicher aber das Zusammensein mit der zwei Jahre jüngeren Schwester Luana, die selber auch Skirennfahrerin ist. Und vielleicht wird ja Alessia für Luana das, was Dominique Gisin für Alessia gewesen ist: ein Vorbild.