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Der Emmer Bobfahrer Meyerhans: «Die ganze Geschichte stört mich»

Kaum erobert, ist er schon wieder weg: Pius «Billi» Meyerhans verliert den Startplatz im Zweierbob-Weltcup nach einem internen Selektionsrennen. Der 51-Jährige aus Emmen ist frustriert und schliesst einen Rücktritt auf Ende Saison nicht aus.
Stephan Santschi
Pius Meyerhans (vorne) darf nur noch im Viererbob Weltcup fahren. Bild: pd (Königsee, 10. Januar 2018)

Pius Meyerhans (vorne) darf nur noch im Viererbob Weltcup fahren. Bild: pd (Königsee, 10. Januar 2018)

Die einst grosse Bobnation Schweiz, welche die Medaillen an Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften aneinanderreihte, darbt vor sich hin. Belegt wird dies durch den Blick auf die Weltcuprangliste, wo der beste Schweizer bis gestern sowohl im Zweier- (Rang 18) als auch im Viererbob (16) nicht über eine mässige Platzierung hinauskam. Das Problem akzen­tuiert sich, wenn man feststellt, dass beide Klassierungen von Pius «Billi» Meyerhans gehalten werden. Der unverwüstliche Emmer Landwirt ist mittlerweile 51 Jahre alt. Die altersbedingte Unterlegenheit beim Anschieben am Start macht er mit fahrerischem Können und gutem Material wett. Das ist zweifellos bewundernswert, wirft aber kein gutes Licht auf den Rest der Schweizer Szene, die sich nach einer Rücktrittswelle im Sommer im Neuaufbau befindet.

Der Schweizer Bobverband Swiss Sliding weiss um die Missstände, leistet mittlerweile gute Nachwuchsarbeit, doch einem Routinier ohne Zukunftsper­spektive einen Platz im Weltcup anzubieten, war den Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Meyerhans wehrte sich, machte einen Diskriminierungsantrag und berief sich auf den Ethik Code von Swiss Sliding. «Darf einer nicht Bob fahren, weil er zu alt ist? Oder keine Haare hat?» Meyerhans bekam recht, fuhr im Dezember vier Weltcuprennen und etablierte sich prompt als bester Schweizer.

Meyerhans hinterfragt die interne Selektion

Den Platz im Zweierbob ist er nun aber bereits wieder los. Am letzten Wochenende beraumte Swiss Sliding kurzerhand einen internen Selektionswettkampf an, nachdem die dafür vorgesehenen Schweizer Meisterschaften in den März verschoben werden mussten. «Davon erfuhr ich erst eine Woche vorher», berichtet Meyerhans. Vor allem ärgert ihn das Aufgebot für diesen nationalen Ausscheidungskampf. «Nur Timo Rohner und ich traten gegeneinander an. Weshalb nicht auch noch andere?» Michael Vogt sei ohne entsprechenden Leistungsnachweis für den Weltcup gesetzt. Und Simon Friedli als Nummer zwei in der Gesamtwertung des Europacups wurde nicht berücksichtigt. «Der Verband macht bei den Junioren gute Arbeit, aber nicht alle werden gleich behandelt.» Es brauche nicht nur Leistungstests in Magglingen, sondern wieder richtige Selektionsrennen im Eiskanal wie zu den grossen Zeiten. «Damals haben sich Athleten wie Gustav Weder, Reto Götschi, Marcel Rohner, Christian Reich, Martin Annen und Ivo Rüegg schon vor der Saison auf den Deckel gegeben.»

Grosse Freude über das Talent seiner Tochter

Wie dem auch sei: Meyerhans verlor den Platz im Zweierbob-Weltcup vor einer Woche an den 21-jährigen Timo Rohner, weil «ich nicht so gut gestartet bin. Ich tätigte die falsche Bremsenwahl», gibt sich der Unterlegene selbstkritisch. Im Viererbob setzte sich der Routinier aber klar durch. Damit konnte er gestern in Königssee immerhin im grossen Schlitten sein nächstes Weltcuprennen bestreiten – der Anlass wurde gleichzeitig als Europameisterschaft gewertet. Danach folgen die Auftritte in Innsbruck und St. Moritz, ehe die weitere Fortsetzung der Saison unklar ist. «Die WM in Whistler von Anfang März war eigentlich mein Ziel. Anscheinend bezahlt mir der Verband nun aber die Vorbereitungswoche mit dem Weltcup in Calgary nicht. Ich möchte mich deshalb noch nicht festlegen, was ich mache», sagt Meyerhans und wirkt etwas entmutigt.

Grosse Freude über das Talent seiner Tochter

Die Frage sei deshalb erlaubt: Weshalb tut er sich das im Alter von 51 Jahren noch an? «Wissen Sie: Beim Verband bin ich ja seit 22 Jahren zu alt. Ich fahre einfach verdammt gerne Bob», antwortet er. Ob er, wie angedacht, bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking weitermacht, wisse er indes nicht. Einerseits sei es für ihn schwierig, gute Anschieber zu engagieren – heute in Königsee werden mit Roger Leimgruber und Mario Camelin zwei Weltcup­debütanten in seinem Viererbob sitzen. Andererseits hätten ihm die erneuten Querelen mit dem Verband zugesetzt, «die ganze Geschichte stört mich». Vielleicht höre er Ende Saison mit dem Bobfahren auf und widme sich seiner Leidenschaft in einer anderen Form. «Meine 14-jährige Tochter Jill ist ein unglaubliches Talent im Skeleton, das macht mich als Vater sehr stolz. Vielleicht erweist sie sich rückblickend ja als Grund, weshalb ich so lange weitergemacht habe», erklärt Meyerhans. An ihr und auch seinen beiden anderen Kindern, Jimmy-Lee (18) und Jenny (16), sei das Ringen des Vaters mit dem Bobverband nicht spurlos vorbeigegangen. «Sie haben gelernt, dass man für seine Leidenschaft kämpfen sollte.»

Analyse des ehemaligen Spitzenbobpiloten Martin Annen: Die Schweiz hat besten Nachwuchs seit Jahren

Ich werde in letzter Zeit so oft wie nie auf den angeblich fehlenden Nachwuchs im Schweizer Bobsport angesprochen. Das liegt vor allem an der Berichterstattung der Presse, die, meiner Meinung nach, diese Sportart in einem schlechten Licht dastehen lässt. Leider fehlt im Moment ein Team, das an die Weltspitze fahren kann. Doch das wird sich bald ändern. Insider wissen, dass die Schweiz über den besten Nachwuchs seit Jahren verfügt. In der Eisbahn sind junge Piloten mit ihren Hintermännern, die fahrerisch talentiert und athletisch sehr stark sind. Ich bin zwar Präsident des Bobclubs Zentralschweiz, aber leider nicht mehr nahe genug am nationalen Geschehen. Deshalb ist es für mich schwierig, vorauszusagen, welches das nächste Schweizer Top-Team an der Weltspitze sein wird. Ich bin mir aber sicher: Wir werden wieder Medaillen holen! In naher Zukunft, ich denke schon in der nächsten Saison, werden wieder Schweizer Spitzenresultate im Weltcup zu sehen sein. Im Bobsport kann dies sehr schnell gehen.
Dass der 51-jährige Billi Meierhans, der bei mir Anschieber war, im Viererbob Weltcuprennen fahren wird, ist nicht nur eine Notlösung. Der Emmer ist im Moment der stärkste Schweizer Pilot. Doch mit dem Schwyzer Michael Vogt (21), dem Baarer Timo Rohner (21), Cédric Follador (24/GR), Marco Lorenzoni (26/BL), Simon Friedli (27/SO), Yann Moulinier (25, NE) und Michael Kuonen (21/VS) bahnt sich in Zukunft etwas an.
2022 finden in Peking die Olympischen Winterspiele statt. Das ist eine gute Werbeplattform für den Bobsport. Es ist wichtig, dass der Nachwuchs an Olympia um Medaillen fahren kann. Das würde junge Leute für diesen Sport begeistern und den Konkurrenzkampf anheizen.
Um an die Weltspitze zu kommen, ist aber nebst einer guten Startzeit gutes Material und präzise Fahrtechnik nötig. Damit ein schneller Bob und Kufen gekauft und die nötigen Trainingsfahrten absolviert werden können, braucht es sehr viel Geld. Leider ist dieser Sport nach wie vor sehr kostenintensiv. Sobald du an der Spitze mitfährst, ist es einfacher, gute Sponsoren zu finden. Aber bis dahin ist der Weg schwierig. Immerhin steht der Schweizer Bobverband Swiss Sliding finanziell so gut da wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das stimmt mich sehr positiv. Es sind gute Leute am Werk, die die Finanzen im Griff haben. In meiner Aktivzeit plagte den Bobverband ein Schuldenberg, dieser ist mittlerweile abgebaut. Das sind gute ­Voraussetzungen, damit die Schweiz in Zukunft wieder Spitze sein wird.

Martin Annen (44) startete 1993 seine Bobkarriere als Anschieber im Team von Marcel Rohner und wechselte ab der Saison 1996/97 zu Dominik Scherrer. Später absolvierte der gebürtige Zuger die Bobschule in St. Moritz und gründete als Steuermann ein eigenes Bobteam im Zweier- sowie Viererbob. Er gewann drei olympische Bronzemedaillen (2002, 2006), holte je vier WM- und EM-Medaillen, wurde Europameister 2006 und viermal Gesamtweltcupsieger. Heute lebt der ehemalige Schwinger (21 Kränze) in Arth, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Beruflich ist er in der Gastronomie tätig.

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