REFLEXE-INTERVIEW: "Ich war ein Draufgänger - und bin es heute noch"

Die Fussball-EM war das letzte Turnier für Peter Stadelmann als Delegierter der Schweizer Nationalmannschaft. Im Interview zieht der Flawiler Bilanz, charakterisiert Nationalcoach Vladimir Petkovic und redet über die Zeit als Tankwart.

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Peter Stadelmann, abtretender Nationalteam-Delegierter SFV und Anwalt. (Bild: Ralph Rib)

Peter Stadelmann, abtretender Nationalteam-Delegierter SFV und Anwalt. (Bild: Ralph Rib)

Herr Stadelmann, Sie erscheinen mit 20minütiger Verspätung zum Gespräch. Wie hoch wäre die Busse im Nationalteam?
Peter Stadelmann:
Ich entschuldige mich für die Verspätung. In der Nationalmannschaft würde die Busse der Verfehlung angepasst: Komme ich zu spät zum Nachtessen, kostet es mich 50 Franken. Versäume ich die Abfahrt zum Spiel, zahle ich 500 Franken.

Die EM ist vorbei. Wie lautet Ihr Fazit?
Stadelmann:
Auf dem Rasen präsentierte sich mir ein ambivalentes Bild. Es wurde gut verteidigt, viel gelaufen. Das absolute Schlagerspiel gab es aber nicht. Es war nicht das Turnier der Einzelkünstler, oft fehlten Spielwitz und Tempo nach vorne. Die Frage ist, ob man Mittel findet, diese Abwehrbollwerke zu durchbrechen. Heute kann man fast nur noch Tore aus Standardsituationen erzielen, oder wenn der Gegner in der Vorwärtsbewegung überraschend den Ball verliert.

Dieser defensive Fussball gefällt Ihnen wohl nicht besonders?
Stadelmann:
Der Fussball ist in den vergangenen Jahrzehnten athletischer geworden. Er ist teilweise zu schnell, als dass die Spieler den Ball kreativ verarbeiten könnten. Ich bin geprägt von einer Zeit, als Günter Netzer und Franz Beckenbauer grosse Namen waren.

Das war stehender Fussball.
Stadelmann:
Das sagt man heute so, ja. Aber es war halt wirklich Fussball.

War das auch Ihr Stil als Spieler?
Stadelmann:
Man sagte, ich könne eigentlich nicht tschutten, aber ich sei ein Skorer. Ich war Stürmer und auf viel tieferem Niveau vergleichbar mit dem ehemaligen St.?Gallen-Spieler Moreno Merenda.

Sind Sie mit dem Abschneiden der Schweiz in Frankreich zufrieden?
Stadelmann:
Der Achtelfinal war das erklärte Minimalziel. Das haben wir erreicht, aber eben auch nicht mehr.

Woran liegt es, dass die Schweiz erneut im Achtelfinal gescheitert ist?
Stadelmann:
Fussball ist im Prinzip ganz einfach. Es geht zunächst darum, keine Tore zu erhalten. Das ist uns weitgehend gelungen. Aber es geht eben auch darum, mit Entschlossenheit Tore zu erzielen. Und da haben wir ein gewisses Manko. Wir brauchen mehr Tempo nach vorne, Effizienz. Wir müssen uns eingestehen, dass die Schweiz nicht auf jeder Position so stark besetzt ist wie etwa im Goal. Unsere Stürmer müssen durchschlagskräftiger werden. Käme einer wie der Franzose Antoine Griezmann, müsste er bei uns ganz bestimmt kein Probetraining absolvieren.

Welcher Schweizer Spieler hat Sie an der EM positiv überrascht?
Stadelmann:
Ohne die Leistung der anderen schmälern zu wollen, nenne ich beispielhaft Granit Xhaka. Er spielte eine hervorragende EM, fand sich in seiner neuen Position rasch zurecht. Und Michael Lang.

Könnte Lang an Stephan Lichtsteiners Position rütteln? Der Captain und Juventus-Verteidiger hat nicht überzeugt.
Stadelmann:
Zahlreiche Akteure dieser EM, die am Ende der Saison viele Spiele in den Beinen hatten, waren etwas «überspielt». Stephan Lichtsteiner hatte zu Beginn mit seiner Form zu kämpfen, konnte sich aber im weiteren Verlauf des Turniers steigern.

Die vier EM-Spiele waren bezeichnend für die Schweiz: Auf schwache erste folgten sehr gute zweite Halbzeiten.
Stadelmann:
Es ist uns tatsächlich nicht gelungen, konstante Leistungen über neunzig Minuten zu zeigen. Das lag auch an den Gegnern. Besonders gegen Albanien spürten wir, dass die Situation für einzelne Spieler nicht einfach gewesen ist. Gegen Polen lief es uns in der ersten Halbzeit schlecht, die zweite und auch die Verlängerung dominierten wir. An dieser EM waren wir ganz nahe am Viertelfinal.

Wer reagierte nach dem Aus am emotionalsten?
Stadelmann:
Ganz bitter war es für Xhaka, der den Penalty verschossen hat. Schnell sagten gewisse Leute, er müsse die Verantwortung übernehmen. Das ist Mumpitz. Verbockt hat es die ganze Mannschaft, weil wir den Match nicht vorher entscheiden konnten.

Wie viel Geld bekommen die Spieler für die Achtelfinalqualifikation?
Stadelmann:
Jeder Spieler erhält 55'000 Euro. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Ist Vladimir Petkovic der richtige Nationaltrainer für die Schweiz?
Stadelmann:
Ja. Vlado hat drei Eigenschaften, die ihn dafür prädestinieren. Er hat ein unglaubliches Fussballwissen, er lebt den Fussball. Er ist ein Schnelldenker – natürlich wirkt das nicht so, wenn er Deutsch sprechen muss. Deshalb redet er nun mehr Italienisch. Und ganz wichtig: Er hat Empathie, merkt sofort, wenn die Stimmung schlecht ist, er antizipiert blitzartig.

Haben Sie ihm gesagt, er solle Italienisch reden, um authentischer rüberzukommen?
Stadelmann:
Vor allem Deutschschweizer hatten Mühe mit ihm – vielleicht wegen der Sprache. Also überlegten wir gemeinsam: Wie können wir den Nationaltrainer so nach aussen darstellen, wie er wirklich ist? Und er ist eben nicht schroff und arrogant. Unser Nationalcoach ist viel eher ein typischer Schweizer. Wenn gegen ihn geschossen wird, geht er in eine gewisse Igelhaltung. Das wollten wir vor der EM verhindern. Es gehörte zu meinem Job, den Laden reibungslos am Laufen zu halten.

Haben Sie das Delegierten-Amt bereits an Ihren Nachfolger Claudio Sulser übergeben?
Stadelmann:
Ich nehme das Amt momentan noch wahr, die Übergabe an Claudio Sulser erfolgt aber in den nächsten Tagen. Für ihn geht es darum, die WM-Qualifikation vorzubereiten. Ich selbst bin weiterhin Mitglied im Komitee der Swiss Football League.

Haben Sie Mühe loszulassen?
Stadelmann:
Keineswegs. Mir geht es einzig darum, eine saubere Übergabe zu machen. Danach nehme ich mich sofort zurück.

Sie werden noch in diesem Monat 64 Jahre alt, würden in einem Jahr als Anwalt pensioniert. Dennoch machen Sie nicht den Eindruck, bald den Ruhestand zu geniessen?
Stadelmann:
Das ist richtig. Ich habe soeben eine Mitteilung an die Pensionskasse des Schweizerischen Anwaltsverbandes aufgesetzt, dass ich meine Erwerbstätigkeit über das ordentliche Pensionsalter fortsetzen werde.

Dann können Sie also doch nicht loslassen?
Stadelmann:
Ein Selbständiger hört nicht einfach so auf. Mein Sohn Thomas ist auch in der Kanzlei tätig – ein Glücksfall für uns. Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass wir nicht mehr im Hermes-Adler-System unterwegs sind. Er hat neue Techniken wie Computer eingeführt und, soweit vermittelbar, auch vermittelt. Bald habe ich mehr Freiräume. Diese Zeit möchte ich vermehrt der Familie widmen. Zudem will ich fit bleiben.

Was tun Sie dafür?
Stadelmann:
Ich fahre viel Velo, spiele Fussball, fahre Ski. Ich fühle mich gut, was nicht heisst, dass nicht hie und da etwas schmerzt.

Ist es denkbar, dass Sie beim FC St.Gallen wieder eine Funktion übernehmen und irgendwann Präsident Dölf Früh beerben?
Stadelmann:
Das ist sehr unwahrscheinlich. Wenn ich nochmals etwas mache, will ich der Chef sein. Und der Chef eines grösseren Fussball-Unternehmens muss ziemlich gut betucht sein. Diese Diskussion können wir kurz fassen: Es ist sehr unwahrscheinlich, wenn nicht ausgeschlossen, dass ich dort Präsident werde.

Wie wäre es mit dem FC Wil?
Stadelmann:
Das ist für mich nicht vorstellbar. Abgesehen davon gehen die Dinge beim FC Wil in eine andere Richtung. Mit Verlaub: Ist es wirklich realistisch, dass die Champions-League-Hymne im Wiler Stadion angestimmt wird?

Im Gegensatz zum Fussball sind Sie in Ihrem Beruf als Rechtsanwalt wohl ein Einzelkämpfer. Womit beschäftigen Sie sich?
Stadelmann:
Ich betreue vor allem Fälle im Bau- und Planungsrecht, ebenso im Erbrecht. Zudem beschäftige ich mich häufig mit wirtschaftsrechtlichen Fragen und solchen aus dem Bereich des Sportrechts. Das Hauptziel bei der anwaltschaftlichen Tätigkeit ist, wie beim Fussball, zu gewinnen. Ich verliere unglaublich ungern.

Waren Sie schon immer ehrgeizig?
Stadelmann:
Ja. Ich war ein Draufgänger. Und das bin ich immer noch.

War die Jugend eine prägende Zeit für Sie?
Stadelmann:
Sehr. Ich war immer etwas gefordert, hatte neben der Kanti noch einen Job. Zeitweise betreute ich nämlich eine Tankstelle in Wil. Mit den Schulfächern Physik und Chemie hatte ich aber meine liebe Mühe.

Sie waren mit 18 Jahren Tankwart?
Stadelmann:
Ja. Und weil viele Italiener bei uns tankten, lernte ich nebenbei ein wenig Italienisch. Dank meines Jobs hatte ich immer etwas Geld im Sack und konnte im «Corso» Schnitzel mit Pommes frites essen, um mich für den harten Schulnachmittag zu stärken. Die Kanti war für mich eine richtige St.?Galler Zeit, mit allem Drumherum – da wurde auch mal ein Schluck Grenadine-Bier zu viel getrunken.

Welches war Ihr erstes Auto?
Stadelmann:
Unvergesslich. Ein roter VW Käfer, der sich dadurch ausgezeichnet hat, dass die Heizung nie abstellte. Doch es war ein gutes Auto. Dazumal lag noch alles vor mir. Ich spielte bei den Junioren des FC Wil. Wir trainierten dreimal die Woche, am Wochenende hatten wir Spiele. Das war nicht mein Ding. Waldfest-Abstürze waren nicht gerne gesehen.

Haben Sie die Hippiezeit mitgemacht?
Stadelmann:
Durchaus. Ich war nie ein leichter Schüler, bekam beim Betragen nicht immer eine Sechs. Ich hatte lange Haare, sogar sehr lange. Später dann hat sich dies geändert.