Tour de France
Froome im Fokus: Die Spiessrutenfahrt und eine Schweizer Lösung

Der Start der Tour de France steht ganz im Zeichen von Chris Froome und den Folgen seines Doping-Freispruchs.

Rainer Sommerhalder
Drucken
Chris Froomes Aufruf an die Velofans: «Bitte, bringt keine negative Energie mit.»

Chris Froomes Aufruf an die Velofans: «Bitte, bringt keine negative Energie mit.»

Keystone

Wenn heute in der Normandie zur 105. Ausgabe der Tour de France gestartet wird, sind alle Augen auf Titelverteidiger Chris Froome gerichtet. Der Umgang mit seinem Testbefund als auch der Ausgang der Salbutamol-Affäre dominieren die Diskussionen in der Welt des Radsports. Hat der britische Star auch vor den Doping-Instanzen eine exklusive Sonderstellung?

Der zu hohe Wert des Asthmamittels Salbutamol in der Urinprobe vom 7. September 2017, nach der 18. Etappe der von ihm gewonnenen Spanienrundfahrt, führt zwar zu keinen Sanktionen, hat aber dennoch einen grossen Einfluss auf den Umgang mit dem viermaligen Gesamtsieger der Tour de France.

Der 33-Jährige muss damit rechnen, dass ihm das velobegeisterte französische Publikum mehr als die kalte Schulter zeigt. Die Tour könnte sich für ihn spätestens in den Bergen in eine Spiessrutenfahrt verwandeln. Die an das Team von Lance Armstrong erinnernde Überlegenheit von ihm und seinen Helfern bei „Sky“ haben bereits in der Vergangenheit zu körperlichen Übergriffen geführt. Während der Tour 2015 wurde Froome mehrfach angespuckt und mit Urin übergossen.

Ein Urteil, viele Meinungen

Vor drei Jahren gab es im Gegensatz zu heute keine konkreten Dopinggeschichten um den Sohn eines Briten und einer Kenianerin. Seit der verdächtige Befund im Dezember über Medien und entgegen den Antidoping-Bestimmungen öffentlich wurde, haben viele ihr Urteil über Froome gefällt. Bekennende Radsportfans empörten sich zu Tausenden in den sozialen Medien über den Freispruch. Mehr oder weniger kompetente Experten analysierten in teilweise dramatischen Worten die Folgen für den Radsport und den Kampf gegen Doping.

Konkurrenten schüttelten den Kopf über den Umgang mit dem Fall. So sagte der Franzose Romain Bardet, der in den letzten beiden Austragungen auf dem Podium stand: „Ich würde mich schämen, mit einem solchen Fall in Verbindung zu stehen.“ Der französische Sportheld Bernhard Hinault gab den Sky-Captain in einem Interview praktisch zum Abschuss frei. Und selbst die Tour-Organisatoren wollten Froome noch einen Tag vor der Verkündung des Freispruchs vom Rennen ausschliessen.

UCI-Präsident meldet sich

Dieser explosive Cocktail an Meinungen könnte sich in den nächsten drei Wochen auf Frankreichs Strassen entladen. Wenn Chris Froome auf Twitter schreibt, „die vergangenen Monate waren sehr emotional", dann kommentiert er vielleicht erst die dunklen Wolken und noch nicht das Gewitter, das sich über ihn ausschütten wird. Er selber versucht es mit Charme zu verhindern, in dem er das Publikum in französischer Sprache über den Klee lobt und gleichzeitig darum bittet, „keine negative Energie mit zu bringen“.

Auch David Lappartient, Präsident des Internationalen Radsport-Verbands (UCI), sieht die Gefahr realistisch, in dem er sagt: "Ich fordere alle Zuschauer auf, jeden Athleten zu schützen, die getroffenen Gerichtsentscheidungen zu respektieren und sicherzustellen, dass Chris Froome sich wie jeder andere Fahrer bei der Tour sicher fühlen kann".

Sky ist vorbereitet

Team Sky, für das Froome seit 2010 fährt, hat sich in den letzten Wochen minutiös auf das drohende Szenario vorbereitet und bei Sicherheitsprofis Empfehlungen zum Verhalten bei potenziell feindseligen Zuschauern eingeholt sowie für den Schutz von Froome zwei Bodyguards verpflichtet.

Derweil Froome möglichst umfassend vor emotionalen Anfeindungen abgeschirmt werden soll, diskutiert das grosse Peloton der Radsportwelt ebenso ausführlich und leidenschaftlich über den Freispruch des Radstars. Dessen Verteidigung hatte entgegen den Regeln, die eine "kontrollierte pharmakokinetische Studie" zur Entlastung des Athleten vorsehen, erfolgreich die Zuverlässigkeit des Urinanalyse in Frage gestellt und dabei den Salbutamol-Wert mit jenen der 20 (!) weiteren Dopingproben Froomes während der Vuelta verglichen. Letztlich musste die Welt-Antidoping-Agentur zähneknirschend anerkennen, dass "in seltenen Fällen Sportler die Konzentrationsgrenze überschreiten können, ohne die maximal erlaubte inhalierte Dosis zu überschreiten", selbst wenn Froome diesen Umstand nicht beweisen konnte.

Das Urteil im Vergleich

Der Ausgang des Verfahrens wirkt willkürlich und steht in Widerspruch zu früheren Salbutamol-Urteilen mit verhängten Sanktionen bis zu einer zweijährigen Sperre. Der norwegische Skistar Martin Johnsrud Sundby zum Beispiel hat deswegen einen fünfstelligen Betrag an Preisgeldern verloren. Ob von ihm und anderen betroffenen Athleten Klagen drohen und überhaupt möglich sind, wird kontrovers diskutiert. Der drohende Millionenprozess mit dem finanziell potenten Team Sky hat gemäss mehreren Insidern die Wada zu dieser Entscheidung angetrieben. Eine Entscheidung, deren formeller Ablauf bei jedem Anwalt Kopfschütteln auslöst: Anstatt das Urteil der Fachorganisation UCI zu prüfen und allenfalls vor dem Sportgerichtshof anzufechten, wie es die eigenen Regeln vorsehen, soll die Wada dem Radsportverband den Freispruch praktisch aufgezwungen haben.

Mit Froomes Freispruch dürfte der Urintest als alleiniger Analyse-Wert einer unerlaubt hohen Salbutamol-Dosierung beerdigt sein, selbst wenn die Wada ein wenig trotzig zu Protokoll gibt, sie sehe keinen Grund für eine Änderung der Regeln. Vielleicht existieren ja tatsächlich zwingende, spezifische wissenschaftliche Beweise. Dann wäre die Wada gut beraten, diese zu publizieren, um die Vorwürfe einer Sonderbehandlung von Chris Froome zu zerstreuen.

Naheliegender ist aber, dass man sich neue Ansätze und Konzepte überlegen muss. Ein Ende aller Bestimmungen mit erlaubten Höchstmengen, wie es von verschiedener Seite verlangt wird, ist dabei nicht notwendig. Ein hoch angesehener Experte im Kampf gegen Doping sagt, jetzt seien die Wissenschaftler und die Labors gefordert, neue Methoden aufzuzeigen und die Teststandards zu verbessern. Diese werden keinesfalls auf dem falschen Fuss erwischt. Seit Jahren gibt es in diese Richtung vielversprechende Forschung. Eine Lösung für die analytische Bestimmung des Salbutamol-Grenzwerts liegt auf dem Tisch und sie hat ihren Ursprung in der Schweiz. Noch sei es zu früh, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen, sagen die Verantwortlichen. Man will den Betrügern keinen Vorteil verschaffen. Aber sie dürfte bei der Wada auf Interesse stossen.

Aktuelle Nachrichten