RADSPORT: Der Kampf um den Etappensieg

Seit dem zweiten Rang von Stefan Küng im ersten Zeitfahren haben die Ostschweizer Radprofis in der ersten Woche der Tour de France keine Schlagzeilen mehr geschrieben. Doch die Thurgauer kämpfen weiter.

Urs Huwyler
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Stefan Küng, Michael Albasini und Reto Hollenstein (v. l.) auf ihren Rädern. (Bild: Urs Huwyler)

Stefan Küng, Michael Albasini und Reto Hollenstein (v. l.) auf ihren Rädern. (Bild: Urs Huwyler)

Urs Huwyler

sport@thurgauerzeitung.ch

Abgehakt hat Stefan Küng den 1. Juli 2017 sportlich noch nicht. «Es war eine einmalige Chance auf das gelbe Leadertrikot. Ich weiss ja nicht, ob in den kommenden Jahren wieder mit einem Zeitfahren gestartet wird», schaut der BMC-Profi aus Wilen noch immer enttäuscht auf den Start zurück. Fünf Sekunden hatten ihm in Düsseldorf zum Traumdebüt an der Tour de France gefehlt.

Wie hell das Objekt der Begierde leuchtet, weiss der BMC-Profi spätestens seit der 8. Etappe. Bis zum letzten Aufstieg rollte Stefan Küng mit angezogener Handbremse am Hinterrad von Leader Chris Froom mit.

«Die ersten Tage habe ich trotz der enormen Hitze mit bis zu 35 Grad gut überstanden. Aber die Tour dauert noch zwei Wochen und wie schnell sich die Ausgangslage ändern kann, haben wir heute beim fürchterlichen Sturz von unserem Leader Richie Port gesehen.», meint der Thurgauer.

Ausschluss von Sagan sorgt für Diskussion

Von den ersten neun Etappen verlief mehr als die Hälfte nach «System X»: Eine Spitzengruppe wird geduldet und kurz vor dem Ziel eingeholt. Die Teilstücke könnten deshalb auf 100 Kilometer gekürzt werden. «Oder nur 185 km lang sein. Es müssen nicht immer über 200 km sein. 35 km weniger wären sinnvoll», betont der tempofeste Roller, der vom Tour-Spektakel bisher nicht überwältigt wurde.

Der Ausschluss von Weltmeister Peter Sagan nach dem Sprint in Vittel (Ellbogen-Check gegen Marc Cavendish) sorgte tagelang für Diskussionen.

Stefan Küngs Kommentar dazu: «Die Sanktion aufgrund des Sprints war wohl zu hart. Aber Sagan erweckt durch seine Fahrweise im Feld manchmal den Eindruck, er könne sich alles erlauben. Dies ist aber falsch. Vielleicht trägt der Ausschluss in dieser Hinsicht zu einer gewissen Beruhigung bei.»

Hollenstein verursacht einen Massensturz

Ähnlich sieht es Reto Hollenstein, der Katusha-Alpecin-Sprinter Alexander Kristoff auf den letzten Kilometern nach vorne bringen musste.

«In den ersten beiden Reihen wird ohne Rücksicht auf Verluste um die besten Positionen gefightet. Jede Mannschaft versucht ihren Zug aufzubauen. Bei Sagan hätte eine Verwarnung oder ein Punkteabzug genügt.»

Würde künftig der gleiche Massstab angewandt, käme es nach Ansicht von Hollenstein vermehrt zu Disqualifikationen. Er selbst hatte auf dem Teilstück von Düsseldorf nach Lüttich 30 km vor dem Ziel einen Massensturz verursacht.

«In einer Wasserlache rutschte mir an das vordere Rad weg. Ich hatte keine Chance, den Sturz zu vermeiden», verteidigt sich Hollenstein. Auch die Tour-Favoriten Chris Froome und Geraint Thomas gingen zu Boden. «Glücklicherweise verletzte sich niemand ernsthaft. Vorwürfe wurden mir keine gemacht. Alle scheinen sich bewusst, dass so etwas passieren kann.»

Zweitletzter Rang wegen Knieverletzung

Reto Hollenstein konnte wegen der Knieschmerzen nur mit fremder Hilfe aufstehen. Schliesslich fuhr der Sirnacher weiter, rutschte aber auf den zweitletzten Rang ab. Nachdem nichts gebrochen war, entschied er sich, die Tour fortzusetzen.

Hollenstein war erst auf die Tour de Suisse hin nach einer sechswöchigen Verletzungspause zurückgekehrt und 2014 musste er die Frankreich-Rundfahrt nach einem Sturz (Lungenverletzung) in der 16. Etappe aufgeben. «Allmählich reicht es», findet der WM-Neunte im Zeitfahren.

Ein Tour-Auftakt wie jedes Jahr

Michael Albasini (Lanterswil), der dritte Thurgauer aus dem Micarna-Team, zählte in der 2. Etappe nach Lüttich (Sieg von Sagan) zum erweiterten Favoritenkreis.

Bei seiner neunten Tour-Teilnahme bringt den dreifachen Familienvater nichts mehr aus der Ruhe. «Insgesamt verläuft die Tour wie jedes Jahr. Der Zuschaueraufmarsch ist enorm, die Hektik und Unruhe gross, Stürze gehören dazu, nicht nur bei den Sprints, sondern auch Bergetappen. Mit zunehmender Müdigkeit der Fahrer und den ersten Strukturen im Gesamtklassement wird es ruhiger.» Und die Chancen für die Helfer auf einen Etappensieg steigen.