RAD: Sieger im Sekundenspiel

Chris Froome gewinnt zum vierten Mal die Tour de France. Dank seiner cleveren Strategie – aber auch, weil die Gegner des 32-jährigen Briten die entscheidenden Momente verschlafen.

Tom Mustroph, Paris
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Chris Froome feiert den Gesamtsieg mit seiner Familie. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Chris Froome feiert den Gesamtsieg mit seiner Familie. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Tom Mustroph, Paris

Chris Froome gewann im Modus der Entschleunigung. Wenn es ihm schlecht ging, schlug sein Team ein langsameres Tempo an. Hatte er Materialprobleme, warteten die Kontrahenten. Mit seiner farblosen Freundlichkeit hat er das Peloton eingeschläfert – und den grössten Gewinn daraus gezogen.

Manchmal kann aber selbst ein Froome gemein sein. Ein wenig nur, denn der Mann ist ausgesprochen höflich. Mit einer Spur Genuss in der Stimme erzählte er aber auf der grossen Abschlusspressekonferenz, wie er auf der zwölften Etappe nach Peyragudes in ein Energiedefizit geraten war, weil er nicht für den richtigen Nahrungsnachschub unterwegs gesorgt hatte. Seine Gegner hatten dies aber nicht ausgenutzt. Erst 500 Meter unterhalb der Kuppe versuchten sie es mit einer Attacke – und hatten Froome in den Seilen. Vorher hatte sein Team ein Tempo angeschlagen, das den hungernden Captain nicht in Schwierigkeiten brachte, das aber auch nicht verdächtig niedrig war, um die Konkurrenz zu Attacken zu verleiten. Diese schien von der Aura der Unbesiegbarkeit von Sky ohnehin so geblendet, dass sie einen Angriff weiter unten gar nicht mehr in ­Erwägung gezogen hatte. Als Froome diese Schwäche preisgab, huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht.

Ritterliche Gegner

Dies war nicht der einzige Moment, als der Thron des Tour­königs ins Wackeln kam. Doch immer kamen ihm die Umstände – und vor allem die fehlende Giftigkeit seiner Rivalen – zupass. Als auf der Etappe nach Chambéry der Italiener Fabio Aru genau in dem Moment attackierte, als Froome einen Defekt anzeigte, hielt ihn der ehemalige Adjutant Richie Porte zurück – eine Ritterlichkeit, die man in den Tagen von Eddy Merckx oder Bernard Hinault nicht kannte.

Als Froome auf dem Weg nach Le Puy-en-Velay durch eine gebrochene Speiche aufgehalten wurde, traute sich erst recht keiner der Rivalen, entscheidend davonzuziehen. Froomes Team zeigte da das allererste Mal Zeichen der Auflösung. Aber die kumulierte Aura der weissen Sky-Trikots und des gelben auf den Schultern von Froome erstickten jede Initiative.

So konnte Froome denn auch das machen, was er sich bei dieser Tour vorgenommen hatte: Sekunden sammeln und – wenn es nicht zu vermeiden war – allenfalls Sekunden abgeben. «Es war keine Tour, bei der man den ­einen entscheidenden Schlag setzen konnte. Es ging vielmehr dar­um, ein paar Sekunden hier und ein paar Sekunden da zu sammeln», blickte Froome in Marseille auf das gesamte Rennen zurück. «Aber das war uns vorher klar», meinte er auch. Entsprechend stellte er sich ein. Das war wohl seine grösste Leistung. Froome wusste, dass ihm der Parcours nicht entgegenkam: weniger Zeitfahrkilometer und weniger Bergankünfte von der Art, wie Froome sie mag. Die Tourausrichter hatten sich um einen «Anti-Froome-Parcours» bemüht. Sie waren offenbar auch der Dominanz von Sky müde geworden, der Stärke der Bergzüge, der Überlegenheit im Zeitfahren.

Aber selbst gegen diese Widrigkeiten hatte Froome Mittel parat. Er setzte kühl aufs Sekundenspiel. Er war nicht der Beste der Bergfahrer. Dort nahmen ihm Romain Bardet und Rigoberto Uran Zeit ab. Er war auch nicht der beste Zeitfahrer. Hier waren Aussenseiter schneller – der Schweizer Stefan Küng in Düsseldorf, der Pole Maciej Bodnar in Marseille. Auch die Teamkollegen düpierten ihn. Geraint Thomas und Vasil Kiriyenka beim Grand Depart am Rhein, Michal Kwiatkowski zum Finale am Mittelmeer. In der Endabrechnung aber war Froome der Beste. Und deshalb gebührt ihm Respekt – selbst wenn er die Tour einschläferte. Aber es gehören ja auch zwei Seiten dazu: Einer, der dimmen will, und andere, die sich schläfrig machen lassen.