RAD: Erschöpfte Jäger

Chris Froome hält die Konkurrenz in der letzten Bergetappe in Schach und steht vor seinem vierten Gesamtsieg nach 2013, 2015 und 2016. Nur ein einziges Mal wirkte der Brite gestern ratlos.

Tom Mustroph
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Chris Froome (links) und Romain Bardet überqueren die Ziellinie. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Chris Froome (links) und Romain Bardet überqueren die Ziellinie. (Bild: Yoan Valat/EPA)

Tom Mustroph

Ein guter Thriller-Regisseur wird aus Chris Froome nicht mehr. Der in Kenia geborene Brite liess auf den beiden Alpenetappen jede Spannung über den Ausgang der Tour de France entweichen. Er spürte zwar den Atem seiner Jäger. 27 Sekunden nur waren Rigoberto Uran und Romain Bardet gestern Morgen von ihm entfernt. Er blieb in den zum Teil noch mit weissen Schneekronen bedeckten Alpen aber kalt wie ein Eisblock und liess sich in keinem Moment erschüttern. «Ich bin zufrieden. Es ist gut gelaufen. Die Teamkollegen haben gut gearbeitet», lautete seine knappe wie auch vorhersehbare Bilanz im Ziel auf dem Col d’Izoard.

Nur einmal wirkte der Mann in gelb auf dieser 18. Etappe ratlos. Das war, als sein Teamkollege Mikel Landa vier Kilometer vor dem Gipfel aus der Favoritengruppe herausschoss. Schnell riss er ein Loch. Die Rivalen waren sich uneinig. Und auch Froome wirkte in diesem Moment geschlagen. Sein Vorsprung in der Gesamtwertung auf seinen Teamkollegen schmolz schnell dahin. Landa schien auf dem Weg zum Etappensieg und zu einem Podiumsplatz, vielleicht sogar zu gelb. Skys sportlicher Leiter Servais Knaven hatte zwar zuvor gesagt: «Wir spielen hier nur eine Karte aus, nicht deren zwei. In den Pyrenäen mussten wir zwei Karten spielen, um gelb wieder zurückzuholen. Hier aber heisst unser Leader eindeutig Froome.» Doch wer wollte dem Belgier das in dem ganzen Taktikspiel dieser Tour zu hundert Prozent abnehmen?

Bardet: «Ich werde wiederkommen müssen»

Nun, Knaven erwies sich als absolut vertrauenswürdig. Etwa 1500 Meter nach Landas Attacke trat Froome an. Er nutzte dazu ein flacheres Stück auf dem Anstieg ­ und hatte schnell mehrere Meter gewonnen. Dieser Angriff war von einer anderen Klasse als alles andere, was zuvor Rivalen wie Romain Bardet oder Dan Martin versucht hatten. Froome war damit eindeutig Chef im Ring.

Zwar führte der Kolumbianer Rigoberto Uran den Franzosen Bardet wieder an Froome heran. Der war inzwischen aber auch Landa so nahe gekommen, dass der Adjutant sich zu seinem Chef zurückfallen liess und die eigenen Podiumsambitionen aufgab. Zu viert strebten sie dem Ziel entgegen. Den Sprint um den dritten Platz und die verbleibenden Bonussekunden gewann dann Bardet knapp vor Froome. Richtig trösten konnte sich der Franzose damit nicht. «Ich habe alles versucht. Aber ich werde wohl in den kommenden Jahren wiederkommen müssen, um die Tour zu gewinnen», sagte er. Bardet kann immerhin auf der Habenseite verbuchen, Froome zugesetzt zu haben wie bisher kein anderer Rivale bei der Tour. Seine Ag2R-Truppe übte auch gestern schon früh Druck auf Sky aus. Bereits am Col de Vars, 50 Kilometer vor dem Ziel, formierte sich der weissblaue Bergzug an der Spitze des Pelotons. Dort führte die Beschleunigung aber nur dazu, dass Helfer der Mitkonkurrenten Aru und Uran abreissen lassen mussten. Die Sky-Fahrer blieben unbeeindruckt. Auch als Ag2R das auf 30 Fahrer geschrumpfte Peloton in die Serpentinen des Izoard führten, änderte sich das nicht. Sieben Kilometer vor dem Ziel war die Feuerkraft der Bardet-Helfer erschöpft. Sky übernahm. Und Landa und Froome setzten schliesslich die entscheidenden Akzente.