Public Viewing für Angehörige

Lukas G. Dumelin, Student Die Universität Zürich hat hohe Ansprüche. Das teilt sie ihren Studenten gern und oft mit. Was gerade etwas unglaubwürdig wirkt, weil die Hochschule in der letzten Zeit mehrfach fulminant an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist.

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Lukas G. Dumelin, Student

Die Universität Zürich hat hohe Ansprüche. Das teilt sie ihren Studenten gern und oft mit. Was gerade etwas unglaubwürdig wirkt, weil die Hochschule in der letzten Zeit mehrfach fulminant an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist. Der Fall Mörgeli. Die Entlassung einer Professorin. Die schlechte Kommunikation des Rektors, der sich nun mehr oder weniger freiwillig frühzeitig ins Rentnerleben geschickt hat.

Vom neuen Rektor Michael Hengartner, dem Wurmforscher, wünscht man sich mehr Umsicht, mehr Bodenständigkeit. Ausgerechnet er aber macht im März seine erste Diplomfeier zu einem Public-Viewing-Event. Eine Diplomfeier in Zürich, ein Fussballfinal an der WM, eine royale Hochzeit, ein Auftritt des Papsts, ein Abdankungsgottesdienst für eine berühmte Person – das alles spielt in der gleichen Liga. Und eignet sich natürlich für eine Liveübertragung.

Indem sich Rektor Hengartner ein Beispiel am Papst nimmt, an berühmten Toten und zu Verheiratenden, lässt er sich am 21. März bei der Überreichung der Master-Diplome live übertragen. Vor Ort sind nur die Absolventen. Ihre Angehörigen sitzen in anderen Hörsälen und machen Public Viewing. Angesichts der Vielzahl an Absolventen müsse die Universität die Feier eben so abhalten, heisst es. Es wäre von der Institution, an der das Denken so wichtig ist, auch zu viel verlangt, dass ein findiger Kopf auf die Idee käme, die Feier zu staffeln: heute die Philosophen, morgen die Germanisten.

Nein, der Trend geht in eine andere Richtung. Vermutlich wird die Feier künftig nach Hause übertragen. Dann brauchten die Angehörigen nicht mehr mitkommen, und der Apéro liesse sich auch ersetzen: Die Universität schickt ihnen Salzstängeli mit dem Hinweis, Orangensaft fände sich sicher noch im Kühlschrank. Das wäre immerhin ehrlich. Die Uni verbannt die Angehörigen nicht in grosse Hörsäle vor eine Leinwand, sondern teilt ihnen gleich mit, wo sie am besten aufgehoben sind: zu Hause. Weil sie dort der Universität am wenigsten Umstände machen.

Lukas G. Dumelin (26) ist in Frauenfeld aufgewachsen und studiert Deutsch und Geschichte.

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