St.Gallens sensibler Torjäger

Nassim Ben Khalifa war einst das grösste Talent der Schweiz. Heute ist er der prominenteste Neuzugang des FC St.Gallen. Der 25-Jährige will seinen Weg nicht als Misserfolg verstanden wissen. Annäherung an einen, der aus der Reihe tanzt.

Christian Brägger
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Nassim Ben Khalifa: «Nur ich allein bin schuld, wenn es nicht läuft.» (Bild: Ralph Ribi)

Nassim Ben Khalifa: «Nur ich allein bin schuld, wenn es nicht läuft.» (Bild: Ralph Ribi)

Christian Brägger

In Panama. Dort sei es am schönsten gewesen, Fussball zu spielen. Sagt Nassim Ben Khalifa. Er lacht. Man stutzt. Doch er, der Vielgereiste, muss es ja selbst am besten wissen. Denkt man. Der 25-Jährige klärt auf: «Ich war mit einem Freund in Panama in den Sommerferien. Wir tourten durch den Urwald. Einmal übernachteten wir bei den Indios – und spielten mit den Eingeborenen Fussball und Basketball.» Bereits nach diesen Worten ist klar: St.Gallens Neuzugang ist ein anderer Schlag Fussballer. Ein fordernder und damit ganz anderer Gesprächspartner, als man im Kopf hatte.

Jenes Bild, das man sich zurechtgelegt hatte, kommt nicht von ungefähr. Über den Offensivspieler Ben Khalifa wurde ja sehr viel schon geschrieben und gesagt. Heisst in der Kurzversion: Als 17-Jähriger ist er bereits Stammspieler bei Rekordmeister GC. In jener Zeit, 2009 war das, überdies sensationell U17-Weltmeister mit der Schweiz. Er gilt als Toptalent. Danach erfolgt der wohl zu frühe Wechsel ins Ausland zu Wolfsburg. Auch des Geldes wegen, «weil Geld im Fussball immer eine Rolle spielt», wie Ben Khalifa sagt. Marktwert damals: Etwa 2,5 Millionen Franken. Er reüssiert nicht, und weil dies an anderen Orten oft ebenfalls der Fall ist, erscheint der Verlauf der Karriere eher wie eine planlose Odyssee. Zuletzt absolviert der Spieler eine gute Rückrunde mit Lausanne. Nun folgt die nächste Station, der FC St.Gallen. Marktwert heute: Ungefähr 750000 Franken.

Der Misserfolg gehört zu seinem Leben

Im Grunde liest sich Ben Khalifas Werdegang wie ein Lehrstück, wie man es gerade nicht machen soll in der Karriere. Doch er sagt: «Was war, gehört zu mir. Ich bereue nichts. Ich bin stolz auf mich und würde wieder zu Wolfsburg wechseln. Jederzeit. Doch ich möchte die Vergangenheit ruhen lassen.» Diese Aussage, die wohl mehr als Ansage daherkommt, beschreibt Ben Khalifa ungleich besser als jeder Transfer – und von denen gab es viele –, in den man Dinge hineininterpretieren will. Der Offensivspieler sagt: «Darüber reden, was war und werden kann, nützt nichts. Es zählt das Hier und Jetzt, die Leistung, die ich zeige.» Was also ist das für einer, der früh auszog, die Fussballwelt zu erobern, weil diese ihm offenstand? Und nun nicht für Dortmund oder Sevilla, sondern für den FC St.Gallen auf Torejagd geht?

Nassim Ben Khalifa, Sohn tunesischer Auswanderer, die in der Schweiz heimisch wurden, wuchs am Genfersee in Pragnins bei Nyon auf. Er ist der mittlere von drei Buben, wobei der Jüngste ein Nachzügler und elf Jahre jünger ist. «Wir lebten in einem Wohnwagen», sagt Ben Khalifa. Und lacht wieder. «Nein, nein, das ist natürlich ein Scherz. Aber die Leute denken, die Tunesier seien arm. Das ist ein Klischee. Uns ging es gut.» Der junge Nassim spielte oft mit älteren Kindern Fussball. Und fiel nicht auf. Dann kam er in die Kantonalauswahl. Und fiel auf, weil er unter Gleichaltrigen einfach besser war. Der Vater, ein Heilpädagoge für behinderte Kinder, war zu jener Zeit bei Lausanne als Jugendtrainer tätig. Er nahm seinen Sohn dahin mit und liess ihn dort. So kam es, dass Nassim bereits als 13-Jähriger das Elternhaus verliess und fortan in Lausanne wohnte. «Der Schritt war nicht einfach für die Eltern. Doch weil ich als vernünftig und selbstständig galt, war es auch für sie richtig.» Alsbald entdeckte ihn GC, lotste ihn zu sich. So nahm die Geschichte des Fussballers Nassim Ben Khalifa seinen Lauf.

Matura, viel lesen und kein Handy

Trotz all der Jahre in der Fremde fühlt sich Ben Khalifa, der bisher vier A-Länderspiele absolviert hat, in Lausanne heimisch. «Die Mentalität der Leute entspricht meiner.» Den Ort hat er wie das Leben abseits des Fussball nie vernachlässigt. Er war ein guter Schüler, absolvierte die Matura, auch weil für die Eltern die Ausbildung und gute Erziehung über allem stand. Er hat keine Tattoos, stattdessen liest er viel, vor allem die französischen Schriftsteller Alexandre Dumas und Amin Maalouf haben es ihm angetan. Materielles sagt ihm wenig, sein Audi A3 ist ein altes Modell, dafür isst er gerne gut und frisch. Freunde wie der ehemalige GC-Teamgefährte Daniel Pavlovic beschreiben Ben Khalifa als ruhig, besonnen, bodenständig. Als einer, der viel überlegt, aber sehr unterhaltsam und lustig ist. Ben Khalifa sagt: «Ich spiele nicht so gut Fussball, um abheben zu können. Zudem bin ich so erzogen worden. Und wenn ich nicht lachen kann, auch über mich selbst nicht, würde ich lieber sterben. Schauen Sie mal meine Haare an. Es gibt nur diese eine Frisur für mich.» Auch Toko, der früher mit dem St.Galler Neuzugang bereits gemeinsam bei GC und in der Türkei für Eskisehirspor spielte, sagt: «Nassim ist ein ziemlich intelligenter Junge. Er kann mit jedem ein Gespräch anfangen. Aber er ist auch einer, der dich nerven kann. Weil er zu viel weiss.» Einzig über Religion mag Ben Khalifa, der Muslim ist, nicht reden. «Das ist privat», sagt er. Viel lieber spricht der Fussballer über Politik. Den Verlauf des Arabischen Frühling seines Herkunftslandes, das er jährlich mindestens fünfmal bereist, hat er genau mitverfolgt. Er sagt, das tunesische Volk sei friedlich, wollte einfach die Diktatur nicht mehr, dafür eine Demokratie. Das sei geschafft. «Aber bis wir uns von den Altlasten erholt haben und die Touristen zurückkommen, wird es noch dauern.»

Erst als 16-Jähriger habe er ein Handy gehabt, sagt Ben Khalifa. So konnte ihm niemand vorwerfen, warum er nie zurückrief, weil «ich einfach nicht erreichbar war». Das verdeutlicht, wie überaus wichtig dem Rechtsfuss seine persönliche Freiheit ist. Die möchte er sich bewahren, so lange es geht, er will sein eigener Herr sein. Selbst wenn es für Aussenstehende manchmal anders aussah oder irgendwelche Berater ihn bedrängten, habe er bei seinen Transfers immer selbst entschieden. «Meistens kam ohnehin das Gegenteil dabei heraus.» Er habe immer alles mit dem eigenen Kopf gemacht, weil er nicht der Typ sei, der andere verantwortlich machen wollte. «Nur ich allein bin schuld, wenn es nicht läuft. So sage ich auch, dass ich unter jedem Trainer profitiert habe.»

Dany Ryser, der Weltmeistertrainer des U17-Nationalteams, sagt: «Nassim war damals schon eine aussergewöhnliche Persönlichkeit und hatte eine beeindruckende Reife. Er dachte weit über den Fussball hinaus, machte sich auch viele Gedanken über sich selbst. Er ist ein faszinierender Gesprächspartner. Im Sport aber war er ein Perfektionist. Und so fehlte ihm vielleicht manchmal die Lockerheit, weil da dieser enorme Ehrgeiz war.» Ben Khalifa sei in jener U17-Weltmeisterelf eine Leaderfigur gewesen, nicht verbal, sondern von der Einstellung her. Es sei jedoch nicht nur einfach gewesen, weil da mit dem jungen Haris Seferovic ebenfalls einer gewesen war, der zuerst lernen musste, auch das Team und nicht nur sich in den Vordergrund zu stellen. «Dann fanden sich die beiden, und wir wurden Weltmeister.» Dass es mit der Karriere dann nicht so richtig klappen wollte wie vorgesehen, dafür sieht Ryser viele Gründe. «Unglückliche Clubwahl, Trainerwechsel, der Kreuzbandriss, Pech.» Vor allem sei Nassim ein Spieler, der sich immer weiterentwickeln wolle. Und der Vertrauen brauche, vom Umfeld und von den Mitspielern. «Er muss sich akzeptiert und geschätzt fühlen. Das zahlt er dann mit Leistung zurück. Vielleicht war dies nicht immer der Fall.» Auch Toko sagt: «Ja, Nassim ist sensibel. Man spürt, ob er wirklich befreit aufspielen kann.»

Die Pflicht war mit Lausanne erfüllt

Nach der Winterpause hat Ben Khalifa für Lausanne sieben Tore erzielt. Der Spieler sagt, beide Seiten hätten gespürt, dass es nicht gemeinsam weitergehen würde. «Lausanne war eine Zwischenstation, das ist kein Verein, bei dem man lange bleiben will. Es musste etwas Besseres kommen, mein Job war mit dem Ligaerhalt erledigt.» Und der FC St.Gallen? «Vielleicht wohne ich ja noch in fünf Jahren in Herisau. Die frische Luft tut mir gut.» Ben Khalifa lacht.