PREMIERE: Der Protestant beim Papst

Seit dem vergangenen Freitag rollt der 100. Giro durch Italien. 1950 entschied Hugo Koblet die 33. Auflage für sich. Der Zürcher war der erste Nicht-Italiener, der den Giro gewann.

Daniel Good
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Daniel Good

Als am 13. Juni 1950 feststand, dass Hugo Koblet im Giro d’Italia triumphiert hatte, überschlug sich die Schweiz vor Begeisterung. Auch Papst Pius XII. war beeindruckt und empfing den Protestanten Koblet am Tag nach der Ankunft in Rom. Auch Koblets Mama Helene, zu der Hugo ein inniges Verhältnis hatte, war bei der Papstaudienz dabei. Es war das erste Mal, dass ein Papst Velorennfahrern die Ehre gab.

Koblets Triumph war eine Sensation, die bis dahin wohl verblüffendste Leistung eines Schweizer Sportlers. Die Favo­riten waren die italienischen Superstars Fausto Coppi und Gino Bartali. Den ehemaligen Spenglerlehrling Koblet hatte niemand auf der Rechnung. Auch er zweifelte: «Ich hoffe, eine oder zwei Etappen zu gewinnen. Fürs Gesamtklassement bin ich zu jung», sagte der damals 25-Jährige im Vorfeld des dreiwöchigen Rennens. Talentproben hatte er schon abgegeben, aber ein Giro war dann schon etwas anderes als die Tour de Romandie, die er zuvor als Zweiter beendet hatte.

Auch als Koblet am 2. Juni 1950 in der achten Etappe nach Vicenza dank des schon zweiten Etappensiegs die Führung im ­Gesamtklassement an sich riss, nahmen die Italiener den jun­gen Schweizer nicht ernst. Ferdy Kübler aber warnte sie: «Achtung, Hugo ist auch in den Ber­gen stark.» Schon am ersten Tag im rosafarbenen Leadertrikot demonstrierte Koblet, dass er in den Steigungen ein Meister war.

Die neunte Etappe führte über 272 Kilometer und drei Dolomitenpässe nach Bozen. Coppi stürzte in einer Abfahrt schwer und schied mit einem Oberschenkelbruch aus. Bartali gewann die schwere Bergetappe zwar, aber Koblet wurde Zweiter und hatte im Gesamtklassement schon sechs Minuten Vorsprung auf den Etappensieger.

Jetzt wurde den Italienern ­bewusst, dass ihre Vormachtstellung in Gefahr war. Die Anhänger waren unzufrieden, die Sponsoren auch. Coppi lag im Spital, und Bartali war mit bald 37 Jahren nicht mehr der Jüngste. Es gab Gerüchte, wonach «gewisse Kreise» versuchen würden, Koblet zu behelligen. Auch von der Mafia war die Rede. Jedenfalls assen die Teamkollegen immer zuerst von Koblets Teller, um zu verhindern, dass der Leader durch kontaminiertes Essen geschwächt würde.

Das tragische Ende

Koblet machte sich – wie es seine Art war – keine Gedanken über allfällige Störmanöver und hielt bis Rom durch, wo der Giro endete. Auch eine letzte Attacke von Altmeister Bartali konterte er in der 14. Etappe souverän. Koblet gewann schliesslich mit über fünf Minuten Vorsprung auf Bar­tali und entschied auch die Bergwertung für sich. Gesamtvierter wurde Kübler, der als Captain eines italienischen Teams angetreten war. Koblet fuhr ebenfalls für eine italienische Mannschaft.

Mit Fritz Schär prägte auch ein Thurgauer den Giro 1950. Er gewann zwei Etappen und trug zu Beginn des Rennens die Maglia rosa. Zeitzeugen hielten über­dies fest, dass Schär auffällig für Koblet fuhr, obwohl die beiden Schweizer verschiedenen Mannschaften angehörten.

Koblet gewann 1950 auch die Tour de Suisse und legte hernach eine längere Pause ein. Die Tour de France liess er aus. Kübler stürzte in der Tour de Suisse, verlor wegen des Zwischenfalls 23 Minuten und war ebenfalls müde. Er startete aber zur Tour de France und gewann diese als erster Schweizer. Koblet entschied die Tour de France 1951 mit 22 Minuten Vorsprung für sich. Dann wurde er Opfer eines missglückten medizinischen Eingriffs, der ihn 20 Prozent der Herzleistung kostete. Nachher war Koblet kein herausragender Fahrer mehr, aber weiterhin ein überdurchschnittlicher, mit weiteren Siegen an der Tour de Suisse und Tour de Romandie. 1954 half Koblet seinem Zürcher Teamkollegen Carlo Clerici, den Giro d’Italia zu gewinnen. Im November 1964 starb Koblet in Egg im Kanton Zürich bei einem Autounfall. Wahrscheinlich war es Selbstmord.

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