Post aus dem Big Apple

Liebe Mostindia-Leser

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Liebe Mostindia-Leser

New York lehrt mich ein neues Verhältnis zur Zeit. Fünf Wochen sind jetzt vorbei, angefühlt haben sie sich wie eine. Die Zeit hier fliegt, wirklich. Eine Stunde hier fühlt sich anders an als eine Stunde in der Schweiz. Obwohl die New Yorker den Anschein haben, als ob sie andauernd zu spät sind und mit grossen Schritten von einem Ort zum nächsten hasten, ist das Zeitverhältnis nicht das gleiche. Vielleicht liegt das daran, dass man hier nicht so schnell von A nach B kommt. Nur schon auf der vertikalen Ebene bewegt man sich hier viel mehr, als wir uns es aus der Schweiz gewohnt sind. Ich lebe im 16., gehe zur Schule im 14. und feiere am Wochenende im 27. Stockwerk. Zuerst muss man da mal seinen Weg ins Erdgeschoss finden oder womöglich noch tiefer in den Untergrund zur Subway. Grundsätzlich ist die Subway nützlich, aber an die vielen Ausfälle und den komischen Fahrplan am Wochenende muss man sich gewöhnen, wenn man jahrelang von Schweizer ÖV-Qualität verwöhnt wurde.

Viel zuverlässiger, mobiler und vor allem amüsanter sind die New Yorker Taxifahrten. Die Fahrer sind oft indisch und von uns «europäischen Schönheiten» begeistert. Am liebsten würden sie uns auf der Stelle heiraten und zurück in die Schweiz begleiten, ein Land, von dem sie keinen blassen Schimmer haben, wo es liegt.

Auch nach einem Monat begeistert mich New York noch. Sie ist keine Stadt, die dich mit offenen Armen empfängt. Jedem, der an ihrer Grossartigkeit zweifelt, wendet sie den Rücken zu. Und ja, es macht keinen Spass, jeden Tag unzähligen Obdachlosen auf den Strassen zu begegnen oder die New Yorker bei ihrem oberflächlichen Umgang miteinander zu beobachten. Was aber Spass macht, ist zuzusehen, wie hier auch der grösste Freak akzeptiert wird. Egal wie laut du in der Subway vor dir hersingst oder von welcher Religion du versuchst, die Strassen New Yorks zu überzeugen, keine schiefen Blicke, kein abschätziger Kommentar. Und wer will, findet schnell Freunde in New York. Viele Leute sind offen für ein Gespräch, wenn du es auch bist. Sie sind offen für Diskussionen, auch wenn sie deine Meinung nicht verstehen und vice versa. New York ist toll, kann bitte mal jemand die Zeit anhalten?

Johanna Schick (19) aus Guntershausen lebt drei Monate in New York und besucht eine Sprachschule. (Bilder: Johanna Schick)

Johanna Schick (19) aus Guntershausen lebt drei Monate in New York und besucht eine Sprachschule. (Bilder: Johanna Schick)