PLAYOFF-FINAL: Berns toxische Taktik

Eishockey im Jahr 2017 ist, wenn der SC Bern gewinnt. Unter dem finnischen Trainer Kari Jalonen spielen die Berner mit mehr Geduld. Ab morgen kämpft der Titelverteidiger gegen Zug im Playoff-Final um den Schweizer Meistertitel.

Klaus Zaugg
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Die Spieler des SC Bern freuen sich über einen Treffer im Playoff-Halbfinal gegen Lugano. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern, 30. März 2017))

Die Spieler des SC Bern freuen sich über einen Treffer im Playoff-Halbfinal gegen Lugano. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern, 30. März 2017))

Klaus Zaugg

Der SC Bern gewinnt in diesem Frühling wie der FC Basel, wie Bayern München, wie die deutsche Fussball-Nationalmannschaft. Der Gegner kann machen, was er will – am Ende steht der Berner Sieg mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes. Natürlich haben die Berner nominell eine sehr gute Mannschaft. Aber sie hatten nicht mehr Talent als Lugano, der Gegner im Halbfinal. Und sie haben auch nicht mehr Talent als der Finalgegner Zug. Die Differenz machten das Selbstvertrauen und die Gelassenheit, die grosse Mannschaften auszeichnen. Weil sie wissen, wie man Spiele, Playoff-Serien und Meisterschaften gewinnt. Selbstsicherheit und Gelassenheit bewahren in kritischen Situationen vor Hektik und Fehlern.

Berns Trainer Kari Jalonen hat eine toxische taktische Variante entwickelt. Eine Mannschaft mit genug Talent, um die Entscheidung im Vorwärtsgang zu erzwingen, lässt er das System eines Aussenseiters spielen.

Ruhiger, gepflegter und kreativer

Es ist die ureigene finnische Hockeyphilosophie. Die Finnen sind zwar bei einer WM dazu in der Lage, mit Lauf- und Tempo­spiel nominell schwächere Gegner vom Eis zu fegen. Aber ihr Erfolgsrezept gegen die Titanen des Welteishockeys ist schlaues, elastisches, defensives Schachspiel mit schnellen Gegenstössen. Der SC Bern spielt unter dem ehemaligen finnischen Nationaltrainer eine geduldigere, ruhigere, gepflegtere, in der Angriffsaus­lösung kultiviertere, kreativere Version von Guy Bouchers hektischem Betonhockey. Abgesichert von Leonardo Genoni, dem besten Goalie der Liga. Boucher wurde vergangene Saison in Bern entlassen und kommandiert jetzt in Ottawa ein NHL-Team.

Jalonen hat im Halbfinal eine Mannschaft am taktischen Zügel zurückgehalten, die losstürmen und Lugano durch rollende Einsätze von vier Linien hätte hinwegfegen können. Bern spielt ein äusserst zielgerichtetes Zweck- und Resultatshockey. Weil die Berner auch noch Glück hatten, war Lugano chancenlos. Jalonen sagt: «Glück? Grosse Mannschaften haben Glück.» Was er damit meint: Wer gelassen bleibt, hat eher Glück.

Dem Erfolg, dem Glück darf man gerade im Playoff nicht hinterherrennen. Man muss ihm entgegengehen. Auch Zug hatte in diesem Playoff schon dieses Glück, das grosse Mannschaften haben: beispielsweise beim Ausgleich und dann in der Verlängerung im ersten Viertelfinal-Spiel gegen Servette.Die Art und Weise, wie der SC Bern den Halbfinal gegen Lugano gewonnen hat, verführt zur Aussage: So wird man Meister. Helvetisches Eishockey 2017 ist, wenn der SC Bern am Ende doch gewinnt.

Die Zuger Philosophie ist ähnlich

Ist Zug ab morgen also chancenlos? Nein. Biel war im Viertelfinal kein Gegner für den Bern. Ein starkes, leidenschaftliches Lugano im Halbfinal hingegen schon. Gegen Biel und Lugano haben die Berner je ein Heimspiel verloren. Zweimal gelang dem Gegner alles. Zweimal spielte der Bern leichtsinnig und zu offensiv. Zweimal setzten die Berner die toxische Taktik ihres Trainers nicht um. Und zweimal war Genoni, von seinen Vorderleuten im Stich gelassen, nur ein Durchschnittsgoalie.

Die Wechselwirkung zwischen Torhüter und Mannschaft ist in Bern offenkundig. Aber der EV Zug ist drei Nummern grösser als Biel und eine Nummer grösser als Lugano. Was diesen Final noch interessanter macht: Zugs taktische Philosophie ist sehr ähnlich. Nicht nur geprägt von der Ruhe und Zuversicht von Trainer Harold Kreis. Auch von der finnischen Philosophie seines Assistenten Waltteri Immonen.