Platz vier und dann lange nichts

Der grösste Erfolg der bulgarischen Nationalmannschaft liegt mittlerweile fast 17 Jahre zurück. Dennoch dürfen die Schweizer das junge Team von Lothar Matthäus morgen im vorentscheidenden EM-Qualifikationsspiel nicht unterschätzen.

Markus Zahnd
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Der Bulgare Jordan Letchkov bejubelt seinen Treffer im WM-Viertelfinal 1994 gegen Deutschland. (Bild: ap/Rusty Kennedy)

Der Bulgare Jordan Letchkov bejubelt seinen Treffer im WM-Viertelfinal 1994 gegen Deutschland. (Bild: ap/Rusty Kennedy)

Fussball. Es war ein Kopfballtreffer von Jordan Letchkov. Ein Treffer, der die Basis zum bisher grössten Erfolg in der bulgarischen Fussballgeschichte bildete. Denn mit dem 2:1 über den amtierenden Weltmeister Deutschland zogen die Bulgaren 1994 in den WM-Halbfinal ein. Dort verloren sie zwar gegen Italien ebenso wie gegen Schweden im Spiel um Platz drei. Dennoch erinnern sich viele Bulgaren immer noch gerne an jenen vierten Rang. In den 1990er-Jahren erlebte der bulgarische Fussball seine beste Phase. Zahlreiche Spieler waren bei grossen europäischen Clubs Leistungsträger, nachdem sie während des Kommunismus lange nicht ins Ausland wechseln durften. Neben Letchkov, der ausgerechnet in Hamburg spielte, gehörten unter anderen Hristo Stoichkov, Krassimir Balakov oder Emil Kostadinov zu jener goldenen Spielergeneration.

Das damalige Niveau hat der bulgarische Fussball nicht halten können. Zwar bringt das Land immer wieder hervorragende Individualisten hervor. Martin Petrov, der seine Karriere einst bei Servette in der NLA lancierte und jetzt in der Premier League aktiv ist, oder Dimitar Berbatov, treffsicherer Stürmer in Diensten Manchester Uniteds, sind zwei Beispiele hierfür. Trotz solcher spielstarker Akteure qualifizierten sich die Bulgaren seit 1998, als sie in der Vorrunde scheiterten, nie mehr für eine WM. An einer EM nahmen die Bulgaren 1996 zum erstenmal teil, sie schieden da allerdings wie 2004 in der Vorrunde aus.

Matthäus und die Kritiker

Seit dem vergangenen September herrscht in Bulgarien aber wieder einmal Aufbruchstimmung. Der Verband engagierte den deutschen Rekordinternationalen Lothar Matthäus, der 1994 als Aktiver noch auf der Gegenseite stand. Zuerst stiess dessen Verpflichtung zwar auf wenig Begeisterung, mit dem 1:0-Sieg in der EM-Qualifikation gegen Wales verstummten jedoch die kritischen Stimmen. Wenn die Bulgaren aber morgen gegen die Schweiz verlieren, ist die Aufbruchstimmung bereits wieder verschwunden. Nach drei Partien haben beide Teams ebenso viele Punkte auf dem Konto und müssen unbedingt gewinnen, wenn sie die Chance auf ein EM-Ticket bewahren wollen. Matthäus kann dabei nicht mehr auf den bulgarischen Rekordtorschützen Berbatov zurückgreifen. Dieser hat bereits im Mai 2010 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Daher ist Captain Stilian Petrov der wichtigste und mit 99 Länderspielen erfahrenste Spieler der Bulgaren. Petrov ist der Leader einer jungen Mannschaft, die zuletzt sowohl kämpferisch als auch spielerisch überzeugte.

Der 3:2-Sieg in Sofia

Ein Spiel zwischen Bulgarien und der Schweiz mit einer ähnlichen Ausgangslage gab es schon einmal. Auch 1991 mussten die Schweizer in Sofia unbedingt gewinnen, wenn sie weiter eine Chance auf eine EM-Teilnahme 1992 haben wollten. Nach einem 0:2-Rückstand drehte das Team von Uli Stielike das Spiel noch. Adrian Knup traf zweimal, ehe Kubilay Türkyilmaz kurz vor dem Schlusspfiff das 3:2 gelang. Dieser Sieg wird gerne als Ursprung der späteren starken Phase unter Roy Hodgson bezeichnet.

Die aktuellen Nationalspieler erinnern sich allerdings kaum an jenen Sieg. So war die Partie beim Zusammenzug der Nationalmannschaft am Dienstag weder Valentin Stocker noch Blerim Dzemaili oder Pirmin Schwegler ein Begriff. Vielleicht ist es aber auch besser so. Denn letztlich endete jene Qualifikation für beide Teams schlecht: Die EM in Schweden fand ohne Bulgarien und die Schweiz statt. Daher erinnern sich beide Nationen lieber an 1994, als Bulgarien überraschend Vierter wurde und sich die Schweiz erstmals seit 28 Jahren wieder für eine Endrunde qualifizieren konnte.