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PIONIER: Thurgauer "Kybun"-Chef Karl Müller baute an Olympia-Piste mit

Der Unternehmer Karl Müller hat in Südkorea vor 40 Jahren die ersten Ski verkauft, ein Sportgeschäft geführt und war am Bau einer Skipiste beteiligt. Dass viele olympische Wettkämpfe vor halb leeren Rängen stattfinden, überrascht den Thurgauer nicht.
Patricia Loher
«Wenn ich sitze, dann nur so»: Karl Müller in einem Seminarraum im «Kybuntower» in Roggwil. (Bild: Benjamin Manser)

«Wenn ich sitze, dann nur so»: Karl Müller in einem Seminarraum im «Kybuntower» in Roggwil. (Bild: Benjamin Manser)

Patricia Loher

Am Fussballstadion in St. Gallen prangt ein Stück Korea. «Kybun» heisst übersetzt «gutes Gefühl». Seit bald zwei Jahren hält die Firma von Karl Müller die Namensrechte an der Arena im Westen der Stadt St. Gallen. Müllers Herz aber hängt nicht nur am Fussball oder an seinem Geschäft. Der 65-Jährige bezeichnet sich als «halben Südkoreaner». Der Thurgauer hat einen Teil seines Lebens auf der asiatischen Halbinsel verbracht. Manchmal, da verspüre er Heimweh nach dem Land. Aber in diesen olympischen Tagen mochte Müller nicht in seine zweite Heimat reisen. «Olympia hat nichts mit der koreanischen Kultur zu tun. Alles, was wir hier in Europa sehen, kratzt nur an der Oberfläche.» Müller sagt, der Südkoreaner sei der «asiatischste Asiate». Stolz und immer darum bemüht, das Gesicht zu wahren. In Südkorea lernt der Besucher aus dem Ausland, auf die nonverbale Kommunikation zu achten. Zudem bedeutet in Korea ein hohes Bildungsniveau viel, oft alles.

«Ski alpin oder Langlauf sind ‹nicht koreanisch›»

Nun also verfolgt Müller die Olympischen Spiele von zu Hause aus. Mit dem starken Wind hat er gerechnet, er wird die Skiwettbewerbe in dieser Woche wieder beeinflussen: «Drei Tage windig, vier Tage warm. Das ist Korea.» Dass viele Wettkämpfe vor halb leeren Rängen ausgetragen werden, erstaunt ihn ebenfalls nicht. «In Südkorea gibt es zwar viele Skiressorts, doch Ski alpin oder Langlauf sind Sportarten für Reiche. Die Koreaner interessieren sich nur für Disziplinen, in denen sie gut sind, vor allem für Shorttrack und Eiskunstlauf.»

Dabei hat der in Roggwil aufgewachsene Müller vor 40 Jahren mitgeholfen, am heutigen Olympia-Ort die ersten Skipisten zu bauen. Zudem vertrieb der Thurgauer in Korea auch als Erster Ski. Als Pionier des alpinen Skisports in Asien mag sich Müller aber nicht sehen. Eher als Unterstützer, als Helfer. «Als Schweizer waren meine Dienste gefragt.» Müller wanderte nach dem Studium an der ETH in Zürich 1979 nach Südkorea aus. Das Land war nach dem Krieg am Boden, eine ganze Wirtschaft lag brach. In jener Zeit lernte Müller einen mächtigen Autokonzernchef kennen, sie beide verband die Leidenschaft zum Skifahren. Dem südkoreanischen Grossunternehmer stand der Sinn nach einem Skigebiet vor der Haustüre. «Nur für sich und seine Freunde», so Müller. Per Helikopter besichtigten der Schweizer und sein Freund das Gelände in Yongpyong: «Die Piste, wo nun die technischen Rennen austragen werden, entstand auf meine Empfehlung», sagt Müller. Heute ist Yongpyong das grösste Ski- und Snowboardgebiet Südkoreas. Auch der Thurgauer aus Roggwil besass hier einst eine Wohnung.

Die Liebe zu Korea entflammte vor 46 Jahren, als Müller an der Kantonsschule in Trogen mit einem jungen Mann die Klasse besuchte, der als Korea-Flüchtling im Pestalozzi-Dorf aufwuchs. Müller und der Asiate studierten später zusammen in Zürich, und als es darum ging, sich für ein Praktikum zu entscheiden, fiel die Wahl von Müller auf Südkorea. «Das Exotische hat mich fasziniert», sagt er. Der Schweizer erkundete das Land vorerst vor allem auf dem Velo, «fast in jedem Dorf», sei er einmal vorbeigekommen. Müller ist ein Visionär: Geht nicht, gibt es bei ihm nicht. Nachdem 1980 das Einführverbot für Luxusgüter gefallen war, importierte der Thurgauer 20 Paar Rossignol-Ski. Das Land brachte ihm vorerst viel Glück. Müller lernte seine Frau kennen, er führte ein Sportgeschäft, vier Restaurants und sieben weitere Firmen mit insgesamt gut 100 Angestellten. Während der Olympischen Sommerspiele in Seoul 1988 wurden die Schweizer Medaillen in Müllers «Swiss Chalet» gefeiert. Seine Restaurants platzten aus allen Nähten, Müller wurde zum mehrfachen Millionär und zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten Südkoreas. Er und seine Frau kamen zu Auftritten im TV: «Wir konnten nicht mehr auf die Strasse, weil wir überall erkannt wurden.» Doch der Schweizer vergrub sich in seine Arbeit. Er habe immer mehr gewollt. Und noch mehr. «Irgendwann wurde ich krank. Ein Magen-Darm-Geschwür. Zudem drohte meine Familie zu zerbrechen.» So entschloss sich die Familie im Jahr 1990, in die Schweiz zurückzukehren. Müller verkaufte seine Firmen. Heute bezeichnet er sich als geläuterten Manager, der auf die Bibel vertraut.

Obwohl die Bevölkerung kaum etwas mit dem Wintersport anfangen könne, sei sie stolz, dass Olympia in ihrem Land stattfinde. «Denn das Land hat Olympia viel zu verdanken», sagt Müller. Nach den Spielen 1988 in Seoul sei Südkorea weggekommen von der Diktatur. «Nach 1988 ist Südkorea zu einem freien Land geworden.» Im April wird Müller seine zweite Heimat wieder besuchen. Olympia ist dann Geschichte. Und Südkorea so, wie Müller es kennt.

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