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Philippe Senderos, warum tun Sie sich die Tristesse in Chiasso an?

Philippe Senderos ist spätestens seit seinem Tor an der WM 2006 gegen Südkorea ein Held des Schweizer Fussballs. Viele Jahre war der 34-jährige Genfer Bestandteil der grossen, glitzernden Fussball-Welt. Nun spielt er in Chiasso vor 500 Zuschauern und kämpft mit einem desperaten Team um den Klassenerhalt in der Challenge League.
François Schmid-Bechtel

Er hat in London, in Mailand, in Valencia, in Birmingham, in Zürich, in Glasgow und in Houston gespielt. Und nun Chiasso. Kleinstadt, strukturschwach, unprätentiös, ja sogar unbedeutend, wenn man die Grenze zu Italien ausblendet. Das Bild, das der lokale Fussballklub abgibt, ist ebenso trist. Lottrige Infrastruktur, kaum Zuschauer und auf allen Ebenen ein Kommen und Gehen. Konstant ist einzig, dass jede Saison rund 20 neue, unbekannte Kleinverdiener auf dem Platz stehen, die um den Klassenerhalt in der Challenge League kämpfen.

Die Frage nach dem Warum

Warum tut sich Philippe Senderos, ein Held des Schweizer Fussballs, das an? Das fragen sich viele. Darunter auch Sandro Burki, heute Sportchef beim FC Aarau, vor 17 Jahren Senderos’ Teamkollege in der U17-Auswahl, die sensationell den EM-Titel gewonnen hat. Senderos hat Millionen verdient und in London Frau und Haus und er wurde erst im September zum zweiten Mal Vater.

Er könnte es sich problemlos leisten, jetzt, mit bald 35, die Füsse hochzulegen und seine Kinder beim Aufwachsen zu beobachten. Oder er könnte sich auf die Karriere danach vorbereiten, statt seinen eh schon stark ramponierten Körper auf einem holprigen Rasen zu schinden mit dem Ziel, nach wochenlangem Aufbautraining in der Challenge League zu debütieren. Senderos sagt:

«Ich liebe Fussball. Ich liebe die Herausforderung. Das ist die einzige Antwort auf diese Frage.»

10. Mai 2002, Kopenhagen. Die Schweiz wird mit Captain Philippe Senderos U17-Europameister. „Das war ein sehr spezieller Moment. Der erste Titel überhaupt für eine Schweizer Auswahl. Ich durfte schon ein Jahr zuvor mit der U17 an die EM. Doch da war vieles schief gelaufen. Nach drei Gruppenspielen waren wir draussen. In diesem Moment habe ich mir geschworen: Ein Jahr später komme ich mit meinem Jahrgang wieder und wir räumen alle aus dem Weg. Wir hatten 2002 eine wirklich spezielle Mannschaft. Keine Sorgen, keine Probleme, keine Angst. Einen solchen Groove habe ich nie mehr erlebt in einem Team.“ (Bild: Keystone)10. Mai 2002, Kopenhagen. Die Schweiz wird mit Captain Philippe Senderos U17-Europameister. „Das war ein sehr spezieller Moment. Der erste Titel überhaupt für eine Schweizer Auswahl. Ich durfte schon ein Jahr zuvor mit der U17 an die EM. Doch da war vieles schief gelaufen. Nach drei Gruppenspielen waren wir draussen. In diesem Moment habe ich mir geschworen: Ein Jahr später komme ich mit meinem Jahrgang wieder und wir räumen alle aus dem Weg. Wir hatten 2002 eine wirklich spezielle Mannschaft. Keine Sorgen, keine Probleme, keine Angst. Einen solchen Groove habe ich nie mehr erlebt in einem Team.“ (Bild: Keystone)
26. März 2005, Paris. WM-Qualifikation Frankreich – Schweiz (0:0). „Einer meiner besten Momente meiner Karriere, weil es mein erster Länderspieleinsatz war. Es war immer eine grosse Ehre, für die Schweiz zu spielen. Meine Familie war im Stadion. Und weitere 80 000 Zuschauer. Aber die ersten Menschen, die ich gesehen habe, als ich aufs Feld kam, war meine Familie. Ein wirklich grosser Moment.“ (Bild: Keystone)26. März 2005, Paris. WM-Qualifikation Frankreich – Schweiz (0:0). „Einer meiner besten Momente meiner Karriere, weil es mein erster Länderspieleinsatz war. Es war immer eine grosse Ehre, für die Schweiz zu spielen. Meine Familie war im Stadion. Und weitere 80 000 Zuschauer. Aber die ersten Menschen, die ich gesehen habe, als ich aufs Feld kam, war meine Familie. Ein wirklich grosser Moment.“ (Bild: Keystone)
18. Mai 2005, London. „2003 wechselte ich mit 18 von Servette zu Arsenal, weil mir Trainer Arsène Wenger sehr viel Vertrauen vermittelte. Ich war das erste Mal weg von zu Hause. Und ich brauchte etwas Zeit, um mich zurecht zu finden. Wenger hat immer viel mit mir gesprochen. Sechseinhalb Jahre war ich bei diesem Klub und es war eine echt gute Zeit. Ich hätte auch zu Bayern oder Real gehen können. Ich war zweimal in München. Meine Mutter wollte, dass ich gehe. Sie sagte, dort kannst du die Matur fertig machen. Aber ich wollte immer nach England und Arsenal hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“ (Bild: Keystone)18. Mai 2005, London. „2003 wechselte ich mit 18 von Servette zu Arsenal, weil mir Trainer Arsène Wenger sehr viel Vertrauen vermittelte. Ich war das erste Mal weg von zu Hause. Und ich brauchte etwas Zeit, um mich zurecht zu finden. Wenger hat immer viel mit mir gesprochen. Sechseinhalb Jahre war ich bei diesem Klub und es war eine echt gute Zeit. Ich hätte auch zu Bayern oder Real gehen können. Ich war zweimal in München. Meine Mutter wollte, dass ich gehe. Sie sagte, dort kannst du die Matur fertig machen. Aber ich wollte immer nach England und Arsenal hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“ (Bild: Keystone)
12. November 2005, Bern. Barrage zur WM-Qualifikation gegen die Türkei (2:0). „Das war mein erstes Playoff überhaupt. Aber in diesem Moment habe ich nicht zu viel überlegt. Ich ging aufs Feld und machte meine Arbeit. Die Energie im Stadion war grossartig. Aber vor dem Spiel wurde sehr viel Druck aufgebaut, weil die Schweiz seit 1994 nie mehr an einer WM war. Aber die Energie im Stadion war grossartig. Auch in der Garderobe habe ich viel Druck gespürt. Aber mir gelang es, vielleicht auch, weil ich noch sehr jung war, all das auszublenden. Ach ja, da habe ich auch eines meiner seltenen Tore erzielt.“ (Bild: Keystone)12. November 2005, Bern. Barrage zur WM-Qualifikation gegen die Türkei (2:0). „Das war mein erstes Playoff überhaupt. Aber in diesem Moment habe ich nicht zu viel überlegt. Ich ging aufs Feld und machte meine Arbeit. Die Energie im Stadion war grossartig. Aber vor dem Spiel wurde sehr viel Druck aufgebaut, weil die Schweiz seit 1994 nie mehr an einer WM war. Aber die Energie im Stadion war grossartig. Auch in der Garderobe habe ich viel Druck gespürt. Aber mir gelang es, vielleicht auch, weil ich noch sehr jung war, all das auszublenden. Ach ja, da habe ich auch eines meiner seltenen Tore erzielt.“ (Bild: Keystone)
23. Juni 2006, Hannover. WM-Gruppenspiel gegen Südkorea (2:0). „Viele Menschen kennen vor allem dieses Bild von mir. Respektive: Vielen Menschen hat sich dieses Bild nach meinem Tor zum 1:0 eingebrannt. Sie sprechen mich noch heute darauf an. Es war ein sehr starker Moment. Ein Moment, in dem ich bereit war, meinen Körper für mein Land zu opfern. Ich war voller Adrenalin, habe keine Schmerzen gespürt. Doch als ich nach der Pause wieder aufs Feld kam, spürte ich starke Schmerzen in der Schulter. Ich musste unmittelbar nach Wiederanpfiff wieder raus.“ (Bild: Keystone)23. Juni 2006, Hannover. WM-Gruppenspiel gegen Südkorea (2:0). „Viele Menschen kennen vor allem dieses Bild von mir. Respektive: Vielen Menschen hat sich dieses Bild nach meinem Tor zum 1:0 eingebrannt. Sie sprechen mich noch heute darauf an. Es war ein sehr starker Moment. Ein Moment, in dem ich bereit war, meinen Körper für mein Land zu opfern. Ich war voller Adrenalin, habe keine Schmerzen gespürt. Doch als ich nach der Pause wieder aufs Feld kam, spürte ich starke Schmerzen in der Schulter. Ich musste unmittelbar nach Wiederanpfiff wieder raus.“ (Bild: Keystone)
6. November 2008, Mailand. Senderos jubelt mit Ronaldinho und Torhüter Dida. „Hier habe ich gelernt, richtig hart zu arbeiten. Bei bei der AC Milan bedeutete Fussball harte Arbeit. Das war ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe gelernt, dass sich der Alltag des Fussballers nicht darauf beschränkt, eine Stunde oder eine halbe vor Trainingsbeginn zu erscheinen, zu trainieren und nach dem Training wieder nach Hause zu gehen. Bei der AC Milan lernte ich, meinen Beruf viel bewusster auszuüben. Mich besser vorzubereiten, mich besser zu regenerieren, aber auch athletisch Fortschritte zu machen.“ (Bild: Keystone)6. November 2008, Mailand. Senderos jubelt mit Ronaldinho und Torhüter Dida. „Hier habe ich gelernt, richtig hart zu arbeiten. Bei bei der AC Milan bedeutete Fussball harte Arbeit. Das war ein wichtiger Schritt für mich. Ich habe gelernt, dass sich der Alltag des Fussballers nicht darauf beschränkt, eine Stunde oder eine halbe vor Trainingsbeginn zu erscheinen, zu trainieren und nach dem Training wieder nach Hause zu gehen. Bei der AC Milan lernte ich, meinen Beruf viel bewusster auszuüben. Mich besser vorzubereiten, mich besser zu regenerieren, aber auch athletisch Fortschritte zu machen.“ (Bild: Keystone)
30. Dezember 2008, Dubai. Trainingslager der AC Milan mit Pato, Kaka, Beckham (v.l.). „Bei Milan waren etliche Spieler über 30. Und es gab viele Weltstars in diesem Team. Aber glauben sie mir: Die haben härter gearbeitet, als ich es zuvor je gesehen habe. Es war top mit diesen grossen Spielern. Taktisch, technisch konnte ich sehr viel von ihnen lernen. Mit welcher Einstellung sie ihren Beruf ausüben, wie sie sich mit Fussball auseinandersetzen, das war beeindrucken und sehr lehrreich für mich.“ (Bild: Keystone)30. Dezember 2008, Dubai. Trainingslager der AC Milan mit Pato, Kaka, Beckham (v.l.). „Bei Milan waren etliche Spieler über 30. Und es gab viele Weltstars in diesem Team. Aber glauben sie mir: Die haben härter gearbeitet, als ich es zuvor je gesehen habe. Es war top mit diesen grossen Spielern. Taktisch, technisch konnte ich sehr viel von ihnen lernen. Mit welcher Einstellung sie ihren Beruf ausüben, wie sie sich mit Fussball auseinandersetzen, das war beeindrucken und sehr lehrreich für mich.“ (Bild: Keystone)
16. Juni 2010, Durban. WM-Auftaktspiel gegen Spanien (1:0). „Oh, wie habe ich mich gefreut, gegen das Land meines Vaters zu spielen. Und wie habe ich mich auf meine zweite WM gefreut. Aber leider war ich nicht ganz fit, obwohl ich alles versucht habe. Doch Trainer Ottmar Hitzfeld und die Mitspieler sprachen mir Mut zu, was mich vielleicht dazu verleitete, die negativen Signale, die mein Körper aussendet, zu ignorieren. Ich dachte, ich kann helfen, auch wenn ich nicht 100 Prozent fit sind. Aber man kann den Körper nicht austricksen. Schon in der 1. Halbzeit musste ich verletzt raus.“ (Bild: Keystone)16. Juni 2010, Durban. WM-Auftaktspiel gegen Spanien (1:0). „Oh, wie habe ich mich gefreut, gegen das Land meines Vaters zu spielen. Und wie habe ich mich auf meine zweite WM gefreut. Aber leider war ich nicht ganz fit, obwohl ich alles versucht habe. Doch Trainer Ottmar Hitzfeld und die Mitspieler sprachen mir Mut zu, was mich vielleicht dazu verleitete, die negativen Signale, die mein Körper aussendet, zu ignorieren. Ich dachte, ich kann helfen, auch wenn ich nicht 100 Prozent fit sind. Aber man kann den Körper nicht austricksen. Schon in der 1. Halbzeit musste ich verletzt raus.“ (Bild: Keystone)
16. März 2014, San Sebastian. Meisterschaftsspiel der Primera Division mit Valencia. „Die Saison habe ich bei Fulham begonnen. Aber es lief überhaupt nicht gut. Bereits zur Winterpause wurde der Trainer zweimal gewechselt. Und weil ich unbedingt an die WM wollte, schaute ich mich nach einem neuen Arbeitgeber um. Valencia zeigte Interesse. Aber es war bereits der letzte Tag der Transferperiode. Ich war mit dem Team von Fulham im Hotel, habe dort den Vertrag mit Valencia unterschrieben. Doch die Zeit drängte. Ich wusste nicht, ob es mit allen Formalitäten vor Transferschluss noch klappen würde. Ich war bereits beim Abendessen mit Fulham. Und da wird im Fernsehen die Schlagzeile eingeblendet: Philippe Senderos wechselt zu Valencia. Ich sagte Tschüss, packte meine Sachen. Für mich war Valencia top. Ich wollte schon immer mal dort spielen. Mein erstes Spiel mit Servette war im Mestalla von Valencia. Ich war 16 oder 17, sass zwar nur auf der Bank. Aber die Atmosphäre in diesem Stadion hat mich elektrisiert. Von diesem Zeitpunkt an hoffte ich, irgendwann mal dort zu spielen. Und als das Angebot dann Jahre später kam, sagte ich mir: Dieses Risiko gehe ich ein. Ich wechsle für sechs Monate nach Valencia. Viele haben das nicht verstanden. Sie sagten: Bleib doch in London bei deiner Frau. Sie war schwanger zu dieser Zeit. Aber für mich war klar: Ich muss dorthin.“ (Bild: Keystone)16. März 2014, San Sebastian. Meisterschaftsspiel der Primera Division mit Valencia. „Die Saison habe ich bei Fulham begonnen. Aber es lief überhaupt nicht gut. Bereits zur Winterpause wurde der Trainer zweimal gewechselt. Und weil ich unbedingt an die WM wollte, schaute ich mich nach einem neuen Arbeitgeber um. Valencia zeigte Interesse. Aber es war bereits der letzte Tag der Transferperiode. Ich war mit dem Team von Fulham im Hotel, habe dort den Vertrag mit Valencia unterschrieben. Doch die Zeit drängte. Ich wusste nicht, ob es mit allen Formalitäten vor Transferschluss noch klappen würde. Ich war bereits beim Abendessen mit Fulham. Und da wird im Fernsehen die Schlagzeile eingeblendet: Philippe Senderos wechselt zu Valencia. Ich sagte Tschüss, packte meine Sachen. Für mich war Valencia top. Ich wollte schon immer mal dort spielen. Mein erstes Spiel mit Servette war im Mestalla von Valencia. Ich war 16 oder 17, sass zwar nur auf der Bank. Aber die Atmosphäre in diesem Stadion hat mich elektrisiert. Von diesem Zeitpunkt an hoffte ich, irgendwann mal dort zu spielen. Und als das Angebot dann Jahre später kam, sagte ich mir: Dieses Risiko gehe ich ein. Ich wechsle für sechs Monate nach Valencia. Viele haben das nicht verstanden. Sie sagten: Bleib doch in London bei deiner Frau. Sie war schwanger zu dieser Zeit. Aber für mich war klar: Ich muss dorthin.“ (Bild: Keystone)
20. Juni 2014, Salvador. WM-Gruppenspiel gegen Frankreich (2:5). „Ich könnte jetzt sagen: Meine dritte WM, das erlebt nicht jeder Fussballer - alles wunderbar. Aber das wäre nicht ehrlich. Ich war schlicht nicht bereit für diese WM. Es war ja auch lange nicht klar, ob ich überhaupt ein Aufgebot erhalte. Und dann, als ich in der 9. Minute gegen Frankreich eingewechselt wurde, wurden meine Defizite schonungslos aufgedeckt. Ich war richtig schlecht – sorry.“ (Bild: Keystone)20. Juni 2014, Salvador. WM-Gruppenspiel gegen Frankreich (2:5). „Ich könnte jetzt sagen: Meine dritte WM, das erlebt nicht jeder Fussballer - alles wunderbar. Aber das wäre nicht ehrlich. Ich war schlicht nicht bereit für diese WM. Es war ja auch lange nicht klar, ob ich überhaupt ein Aufgebot erhalte. Und dann, als ich in der 9. Minute gegen Frankreich eingewechselt wurde, wurden meine Defizite schonungslos aufgedeckt. Ich war richtig schlecht – sorry.“ (Bild: Keystone)
14. Februar 2016, Zürich. Duell gegen Breel Embolo im Meisterschaftsspiel mit GC gegen Basel (0:4). „Mein erstes Spiel für GC. Viele konnten meinen Wechsel von Aston Villa nach Zürich nicht verstehen. Doch bei Aston Villa wurde ich schon zu Saisonbeginn aus dem Kader gestrichen. Das war sehr harter Moment und hat mich gezwungen, etwas an meiner Situation zu ändern. Ich musste weg. Dabei hat mir der neue Trainer in der Winterpause gesagt, ich würde wieder spielen. Er wollte unbedingt, dass ich bleibe. Aber ich musste etwas ändern. Ich brauchte eine Luftveränderung. Denn ich wollte alles unternehmen, um ein Aufgebot für die EM zu erhalten. Wieder einmal musste ich gehen, um zu spielen. Und ich fühlte mich sehr gut bei GC. Ich habe 16 von 18 Spielen gemacht. Wir haben uns für die Europa League qualifiziert, mit einer sehr jungen Mannschaft. Ziel erreicht. Aber leider hat es für mich nicht fürs EM-Kader gereicht. Trotzdem: Bei GC habe ich erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Ich fand wieder die Liebe zum Fussball und das Vertrauen in mein Spiel.“ (Bild: Keystone)14. Februar 2016, Zürich. Duell gegen Breel Embolo im Meisterschaftsspiel mit GC gegen Basel (0:4). „Mein erstes Spiel für GC. Viele konnten meinen Wechsel von Aston Villa nach Zürich nicht verstehen. Doch bei Aston Villa wurde ich schon zu Saisonbeginn aus dem Kader gestrichen. Das war sehr harter Moment und hat mich gezwungen, etwas an meiner Situation zu ändern. Ich musste weg. Dabei hat mir der neue Trainer in der Winterpause gesagt, ich würde wieder spielen. Er wollte unbedingt, dass ich bleibe. Aber ich musste etwas ändern. Ich brauchte eine Luftveränderung. Denn ich wollte alles unternehmen, um ein Aufgebot für die EM zu erhalten. Wieder einmal musste ich gehen, um zu spielen. Und ich fühlte mich sehr gut bei GC. Ich habe 16 von 18 Spielen gemacht. Wir haben uns für die Europa League qualifiziert, mit einer sehr jungen Mannschaft. Ziel erreicht. Aber leider hat es für mich nicht fürs EM-Kader gereicht. Trotzdem: Bei GC habe ich erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Ich fand wieder die Liebe zum Fussball und das Vertrauen in mein Spiel.“ (Bild: Keystone)
11 Bilder

Philippe Senderos' Karriere in elf Bildern


Liebe! Dabei ist Senderos nicht der Mann der grossen Gefühlsregungen. Unterkühlt, distanziert, wortkarg, ernsthaft, skeptisch. Typ Musterprofi. So wird er von vielen gesehen. «Stimmt nur zum Teil», sagt Burki. «Philippe ist empathisch und kann sehr witzig und warmherzig sein. Aber er war halt auch schon sehr früh erwachsen, weshalb viele in ihm einzig den seriösen Fussballer sehen, der er zweifellos auch ist.»

Senderos und die Zimmerbesuche an der U17-EM

Um Senderos zu verstehen, muss man zurückblicken. Julian Senderos, ein Spanier, und Zorica Novkovic, eine Serbin, lernen sich in Genf kennen. Einwanderer, wie viele andere auch in diesem Land. Mit kleinem Portemonnaie und grossem Herzen. Und dem Ziel, sich rasch zu integrieren, ihre Buben Julien und Philippe in der Spur der Tugend zu halten in der Hoffnung, dass sie dereinst ein gutes Leben führen werden.

Nicht, dass das Leben der Familie Senderos schlecht war. Im Gegenteil. Philippe spricht von einer glücklichen Jugend. Auch wenn das Geld knapp war, beide Elternteile arbeiten mussten und man es sich nicht leisten konnte, in die Sommerferien nach Spanien zu fliegen, sondern im Toyota-Bus reiste. «Punkto Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein konnte ich mich früh entwickeln», sagt Senderos heute.

Dazu eine bislang unerwähnte Geschichte. Während der U17-EM wurde es zum Ritual, dass Senderos am Abend vor den Spielen jeweils in die Zimmer ging, um mit jedem Spieler zu reden. «Er gab uns Zuversicht und Mut», erzählt Sandro Burki. «Er wies darauf hin, wie gut wir seien. Und er sagte, worauf wir im nächsten Spiel achten sollen. Wahnsinn, er war ja noch ein Teenager, nicht älter als wir. Aber er verhielt sich schon damals wie ein echter Leader.»

Nach wochenlangem Aufbautraining hofft Philippe Senderos, am Sonntag erstmals für den FC Chiasso aufzulaufen. (Bild: Davide Agosta)

Nach wochenlangem Aufbautraining hofft Philippe Senderos, am Sonntag erstmals für den FC Chiasso aufzulaufen. (Bild: Davide Agosta)

Gegner aus dem Weg räumen


Als der Teamcaptain am Abend vor einem Spiel kurz vor dem Zapfenstreich noch immer nicht in Burkis Zimmer erschienen war, hielt dieser im Gang Ausschau und sah dabei etliche Kollegen. Alle warteten auf Senderos. So viel zu seiner Akzeptanz in jenem Team. Er selbst erinnert sich nicht mehr an die Episode mit den wartenden Kollegen im Hotelflur. Aber er weiss natürlich noch, was ihn zur Zimmer-Aktion animierte:

«Ich fühlte Verantwortung für diese Mannschaft. Für mich war es wichtig, die Mitspieler zu spüren, zu erfahren, was sie denken und fühlen und im Dialog herauszufinden, was wir als Mannschaft noch besser machen können.»

Er ergänzt: «Wissen Sie: Ein Jahr zuvor durfte ich bereits an die U17-EM. Damals schieden wir nach den Gruppenspielen aus. Da habe ich mir geschworen, dass wir ein Jahr später, mit meinem Jahrgang, jeden Gegner aus dem Weg räumen.»

Und so kam es auch.

Arsenal statt Manchester United, Real oder Bayern

Das Training in Chiasso ist zu Ende. Statt unter die Dusche zu huschen um nachher in seiner Wohnung in Como mit der Familie in London zu telefonieren, bleibt er auf dem Platz. Ihm ist nicht verborgen geblieben, dass ein junger Mitspieler an seinen Fähigkeiten zweifelt. Zu viele Flanken hinters Tor, zu viele technische Fehler. Senderos legt den Arm um den Spieler und schreitet mit ihm ans andere Ende des Platzes. Er redet mit ihm, er übt mit ihm, redet wieder, zeigt ihm etwas vor und übt wieder. 30 Minuten vielleicht. Dann macht er Schluss.

Senderos ist nicht brillant, war es nie. Aber mit seinem klaren Spiel, seinen Führungsqualitäten, seiner Physis und seiner Leistungsbereitschaft wird der Innenverteidiger schon früh als gut genug eingestuft, um mit respektive gegen Weltklassespieler bestehen zu können. Schon mit 16 will ihn Bayern München verpflichten. Mutter Zorica drängt geradezu auf einen Wechsel nach Deutschland. Weil sie glaubt, dass er dort am ehesten die Matur macht.

Vater Julian indes reist in seine spanische Heimat nach Madrid. Zurück in Genf, wirbt er für einen Wechsel zu Real Madrid, seinem Real Madrid. Wer würde da nicht schwach? Aber Philippe blockt ab. Er will auf die Insel. Er will seinen Traum, statt jenen seines Vaters leben. Er reist nach Manchester und London, wo United und Arsenal um ihn buhlen. Und gibt den Londonern den Zuschlag. Nicht, weil sie das beste Angebot machen. Sondern, weil zu dieser Zeit kaum ein anderer Trainer so kompromisslos auf junge Spieler setzt wie Arsenals Arsène Wenger.

Schlaflose Nächte, weil der Körper schmerzt

Ein Entscheid, der ihm die Türen zu Reichtum, Ruhm und familiärem Glück öffnet. Burki, der Spielmacher jenes U17-Teams, wechselte nach dem EM-Triumph zu Bayern München und kehrte schon nach einem Jahr wieder in die Schweiz zurück. «Wissen Sie», sagt Senderos, «wenn ich gemacht hätte, was die anderen von mir erwarten, wäre ich nicht mit 18 von zu Hause weg nach London gegangen, hätte ich nicht mit 24 zur AC Milan gewechselt, hätte ich vor zehn Jahren vor den vielen Verletzungen kapituliert und meine Karriere beendet.»


Und natürlich sässe er jetzt auch nicht hier, auf der Tribüne des Stadio Riva IV in Chiasso. «Ich habe die grossen, schönen Dinge des Fussballs gesehen. Wie die Leute über meine Entscheidungen denken, ist für mich nicht wichtig. Natürlich sind die Dimensionen hier ganz anders als in London oder Mailand. Aber das sind Dinge, die jetzt, gegen Ende meiner Karriere, keine Rolle mehr spielen.»

Trotzdem: Chiasso. Mamma mia. Abgeschlagen am Tabellenende der Challenge League. Durchschnittlich 549 Zuschauer im Stadion. Das ist doch kein standesgemässer Klub für einen, der mit der Schweiz an drei Weltmeisterschaften teilgenommen und mit Arsenal den FA Cup gewonnen hat. Und dann noch die Trennung von der Familie, die in London lebt. Und das Baby, eben erst auf die Welt gekommen, sieht er kaum. «Wissen Sie», sagt Senderos, «ich war häufig verletzt. Es gab viele Nächte, in denen ich vor Schmerzen nicht schlafen konnte. Auch wenn es klischiert tönt: Tiefpunkte zu überstehen, macht einen stärker, gibt Zuversicht. Und ich musste viele Tiefpunkte überstehen.»

«Ich muss meinen Kindern ein Vorbild sein»

Aber die Familie? «Wissen Sie», sagt Senderos, «Mir ist bewusst, dass ich nicht mehr nur an mich selber denken kann. Aber für meine Frau und mich ist das keine neue Situation. Als sie mit unserem ersten Kind schwanger war, lebte ich in Birmingham und sie in London. Zugegeben: Das ist für uns beide nicht einfach. Aber ich muss und will arbeiten. Ich muss ein Vorbild sein für meinen Sohn. Okay, Papa ist nicht da, das ist vielleicht nicht sehr vorbildlich. Aber Papa arbeitet, will sich verbessern, sucht die Herausforderung und will dazu lernen – das ist doch vorbildlich, oder? Und das will ich meinen Kindern mitgeben, dieses Bild sollen sie von mir haben.»

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