Phantastisches Doping für Polen

Heute um 18 Uhr startet im Warschauer Nationalstadion mit der Partie Polen gegen Griechenland die EM. In der polnischen Hauptstadt gibt man sich zwar noch gelassen, bereit für ein grosses Fussballfest ist Warschau aber allemal.

Daniel Theweleit/Warschau
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Bereit für die EM: Das polnische Team wird am Eröffnungsspiel im Warschauer Nationalstadion von 54 000 lautstarken Zuschauern angefeuert werden. (Bild: epa/Radek Pietruszka)

Bereit für die EM: Das polnische Team wird am Eröffnungsspiel im Warschauer Nationalstadion von 54 000 lautstarken Zuschauern angefeuert werden. (Bild: epa/Radek Pietruszka)

FUSSBALL. Noch liegt ein Gefühl von Gelassenheit über den Strassen von Polens Hauptstadt. Fussball-Anhänger sind nicht zu sehen, die Warschauer sind bisher ziemlich alleine mit ihrer EM, die heute Abend mit der Partie der Polen gegen Griechenland eröffnet wird. Überall werden letzte Handgriffe erledigt, am Stadion müssen noch ein paar Wege asphaltiert werden, die Schaufenster, Strassenzüge und Autos sind geschmückt. Hektisch geht es aber nirgends zu. Am Mittwoch hat Ministerpräsident Donald Tusk spontan auf einen Kaffee beim polnischen Team vorbeigeschaut, die Spannung steigt. Jedenfalls in der Bevölkerung.

Die Protagonisten des grössten Sportereignisses, das jemals in Polen stattfand, sind längst erfasst vom Turnierfieber. «Ich kann es kaum erwarten, ich muss immer ans Eröffnungsspiel denken», sagt Maciej Rybus. Der polnische Mittelfeldspieler sitzt auf einem Podium in der Halle unter dem Stadion des Erstliga-Clubs Polonia Warschau, einen Steinwurf von der Altstadt entfernt. Hier wird zum täglichen Gedankenaustausch mit den Journalisten geladen, und das Team gibt sich zugänglich. Man versucht, modern und offen zu wirken. Wohl auch, um sich von den ukrainischen Co-Gastgebern zu unterscheiden.

Die Polen hoffen nämlich, dass der fröhlichere, der unpolitischere Teil dieser EM bei ihnen stattfinden wird. Die Hooligans, das vermeintlich grösste EM-Problem des kleineren der beiden Gastgeber, ist in den Augen der meisten Experten kontrollierbar, und wenn das stimmt, könnten tatsächlich herrliche Feste an den Stränden der Weichsel unweit des Nationalstadions gefeiert werden. «Ich glaube, die nächsten Wochen werden überragend für ganz Polen», sagt Robert Lewandowski, Stürmer von Dortmund.

Begeisterter Nationaltrainer

Dies hat natürlich auch damit zu tun, dass die Polen sich tatsächlich befreien konnten aus den Fesseln der Negativschlagzeilen, die in den vergangenen Monaten überall zu lesen waren. Zwar gibt es die finsteren Geschichten über rassistische Tendenzen im Fussballpublikum, über Fangewalt und korrupte Fussballfunktionäre. «Was in unserem Verband passiert ist, ist nicht gut», sagt Captain Jakub Blaszczykowski, «wir haben viele Probleme, die auch uns in der Nationalmannschaft betreffen.» Jetzt, wo das Turnier beginnt und die Situation in der Ukraine immer angespannter wird, scheinen die Polen diese EM aber nutzen zu können, um sich als idealer Gastgeber zu präsentieren.

Nationaltrainer Franciszek Smuda ist begeistert von der Stimmung: «Wenn wir diese Atmosphäre bewahren können, dann können wir stolz sein.» Eine sportlich erfolgreiche EM wäre ideal. Smuda ist zuversichtlich. «Normalerweise schlafe ich vor grossen Spielen nicht sehr gut», sagt er, «aber vor diesem Eröffnungsspiel werde ich entspannt einschlummern, denn die Mannschaft hat mich überzeugt.» Obwohl Polen noch nie ein EM-Spiel gewinnen konnte, glauben 44 Prozent der Bevölkerung, dass ihr Team die Vorrunde überstehen wird.

Nur keine Auftakt-Niederlage

Selbst ein Unentschieden wäre noch in Ordnung für das polnische Team. «Wir haben dann immer noch zwei Partien, die wir gewinnen können», sagt Smuda. Die Dortmunder Achse mit Blaszczykowski, Lewandowski und Lukasz Piszczek bringt nicht nur Qualität ins Team – selbst sprachlich haben die Polen etwas vom deutschen Meister adaptiert. Die 54 000 Polen im Stadion seien «phantastisches Doping für meine Mannschaft», sagt Smuda. Das hätte auch Dortmund-Coach Jürgen Klopp sagen können.

Bild: DANIEL THEWELEIT/WARSCHAU

Bild: DANIEL THEWELEIT/WARSCHAU