PFLICHTAUFGABE: Tapetenwechsel

Die Schweiz trifft in der WM-Qualifikation heute ab 18 Uhr in Genf auf Lettland. Eine willkommene Abwechslung, die von den Sorgen des Liga-Alltags ablenkt. Im Gegensatz zum Gegner kann sie aber nur verlieren.

Christian Brägger, Genf
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Christian Brägger, Genf

Jetzt also Lettland. Nummer 111 der Fifa-Welt. Mit drei Zählern Zweitletzter der Qualifikationsgruppe B, ein Sieg in vier Partien, das 1:0 in Andorra zu Beginn des Turnus. Da hat es die Schweiz ungleich besser, sie führt die Gruppe verlustpunktfrei vor Europameister Portugal an, der historische Start in eine WM- oder EM-Ausmarchung mit fünf Erfolgen in Serie winkt. Fakten, die ­alles andere als den Sieg für die Weltnummer elf zur Blamage machen würden. Da plagen die Profis von Vladimir Petkovic schon andere Sorgen, es ist ein Klagen auf hohem Niveau, Luxusprobleme halt. Können die Schweizer den schweren Rucksack, den sie teilweise aus dem Liga-Alltag zur Nationalmannschaft mitschleppen, tatsächlich so locker abstreifen, wie sie vorgeben? In einer Partie, in der es diesen immensen Druck des Siegenmüssens gibt?

Petkovic sagt, er habe in der ­Trainingswoche in Lausanne nichts bemerkt von irgendwelchen Problemen. «Die Spieler sind bereit, ich spüre ihre Positivität, das zu sehen gibt mir Ruhe. Wir wollen und werden uns mit drei Punkten belohnen.» Nationalgoalie Yann Sommer, der gestern an der Pressekonferenz mit Admir Mehmedi den Trainer flankiert, sagt: «Die Nationalmannschaft ist ein willkommener Tapetenwechsel, es tut gut, uns in einer anderen Umgebung zu sehen.» Die Schwierigkeiten im Verein seien unter den Spielern nur kurz thematisiert worden, aber eigentlich seien sie jetzt gerade nicht wichtig. «Einzig Lettland zählt. Wir haben ein grosses Ziel vor Augen.»

Schweiz tut sich schwer mit dem Toreschiessen

Nur, einfach wird es gegen diesen Widersacher im Stade de Genève nicht, auch wenn gestern die einigermassen geringe Präsenz der Medienschaffenden etwas an­deres suggerieren könnte. Und selbst wenn man weit zurückblicken muss, um ein Straucheln des Nationalteams gegen einen sogenannt Kleinen wie Luxemburg oder Aserbaidschan zu finden. Zwar löst die Schweiz ihre Pflichtaufgaben ohne nennenswerte Unsicherheiten, doch tut sie sich bisweilen schwer mit dem Toreschiessen. Das 2:1 in Andorra und das 2:0 gegen die Färöer zeugen von ihrer Verwandlung in eine pragmatische Mannschaft. Dabei zeigt sie bis jetzt nicht annähernd das Spektakel, das die Portugiesen gegen schwache Gegner für gewöhnlich veranstalten.

Überdies präsentieren sich die Letten für ihre bescheidenen Verhältnisse angriffig, sie wollen sich keineswegs kampflos der Rolle des Aussenseiters fügen. Selbstvertrauen schöpfen sie aus dem Jahr 2015, als sie in der EM-Qualifikation aus Island, der Türkei und Tschechien jeweils einen Punkt entführten. Seit Montag trainiert die Mannschaft von Trainer Marians Pahars in Nyon, bisweilen fehlt seinen Akteuren der Rhythmus, da die einheimische Liga erst seit zwei Spieltagen läuft. Doch es gibt auch in den Reihen der Letten ein knappes Dutzend Legionäre, die mitten im Ligabetrieb stehen, darunter dieser eine Profi, den in der Schweiz nahezu jeder Fussball-Aficionado kennt: Andris Vanins, seit dieser Saison der Goalie des FC Zürich, der dort zum Projekt Wiederaufstieg gehört. Vanins hat davor sieben Jahre für Sion gespielt und mit den Wallisern zweimal den Cup gewonnen. Der 79-fache Internationale wuchs in Ilükstse auf, in der ehemaligen Sowjetunion, und erlebte als ­Elfjähriger deren Auflösung. Es heisst, er hätte damals schon ein ruhiges Naturell gehabt. Bis heute ist er kein grosser Plauderer ­geworden, und so bleibt der bald 37-Jährige zumindest authentisch, wenn er sagt: «Ich habe hier im Land meine Karriere verbracht. Gegen die Schweiz, das ist interessant für mich. Ich kenne viele Spieler und freue mich auf das Wiedersehen.»

In welcher Formation das Wiedersehen auf Schweizer Seite aussehen wird, bleibt offen. Ricardo Rodriguez gilt es zu ersetzen und den abgereisten Valon Behrami, für den Remo Freuler oder Edimilson Fernandes zum Einsatz kommen. Schliesslich sagt Mehmedi: «Spiele wie gegen Lettland sind die harten.» Gerade auch ihm tut aber nur ein erfolgreicher Tapetenwechsel gut.