PFERDEPFLEGER: Unterwegs zu Hause

Sean Vard ist 25 Jahre alt, wuchs in Irland auf und war in diesem Jahr bereits in Hongkong, Mexiko und den USA. Zum Sightseeing kommt er jedoch kaum. Sein Lebensrhythmus ist von Martin Fuchs’ Pferden bestimmt.

Raya Badraun
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Erinnerungsstücke an die Heimat: Sean Vard wuchs zusammen mit einer Schwester auf einem Reithof in Irland auf.

Erinnerungsstücke an die Heimat: Sean Vard wuchs zusammen mit einer Schwester auf einem Reithof in Irland auf.

Raya Badraun

Sean Vard startet den Motor. Langsam fährt er vom Hof, zuerst durch Quartier-strassen an Einfamilienhäusern vorbei. Dann Richtung Autobahn. Das Radio läuft und als ein Lied ertönt, das ihm gefällt, fängt er an zu pfeifen. «Das ist Freiheit für mich», sagt er und lacht. Sean Vard, 25 Jahre alt, ist Pferdepfleger auf dem Hof von Martin Fuchs. Die meiste Zeit verbringt er jedoch nicht im beschaulichen Wängi, sondern an Turnieren auf der ganzen Welt – und auf den Strassen dorthin. Er fährt den Pferdetransporter, der zugleich ein Wohnmobil ist. Normalerweise verbringt er Stunden darin. Die heutige Reise ist da eine Ausnahme. Sie führt nur nach St. Gallen, wo in diesen Tagen der CSIO auf dem Gründenmoos stattfindet. Draussen ziehen Felder und Wälder vorbei, die Sonne brennt auf den Asphalt. Dieser Tageszeit geht Sean Vard normalerweise aus dem Weg. Lieber fährt er in der Nacht. Dann ist es kühler. Die Pferde sind ruhiger und können schlafen. Auch der Verkehr auf den Strassen ist dann weniger stark. Auf längeren Reisen überwacht er die Tiere mit einer Kamera. Auf dem Armaturenbrett ist der kleine Bildschirm befestigt. So weiss er immer, wie es ihnen geht und ob sie etwas brauchen. Hin und wieder, wenn die Wettkämpfe ausserhalb von Europa stattfinden, reisen die Pferde in speziellen Flugzeugen. Auch dann ist er meistens dabei. Die Pferde lässt er nicht gerne aus den Augen.

Zu Spitzenzeiten ist Sean Vard nur noch zu Hause in Wängi, um seine Kleider zu waschen und frische einzupacken. Hat er einmal einen freien Tag, holt er den verpassten Schlaf nach. In seiner Heimat Irland ist er dadurch nur noch selten. Doch ihn stört das nicht, er mag dieses Leben auf Achse. Je mehr Turniere, desto besser. «Ich habe es selbst gewählt», sagt er. Aufgewachsen ist er zusammen mit einer Schwester in der Nähe von Dublin. Die Familie hat einen grossen Hof, der Vater ist Springreiter. Einst war dies auch sein Traum. Doch es hat nicht ganz gereicht. Stattdessen wurde er Pferdepfleger. Vieles hat er in den elterlichen Stallungen gelernt. Der natürliche und liebevolle Umgang mit den Pferden ist ihm besonders wichtig. «Das lernt man in keiner Schule», sagt Sean Vard. Später verliess er Irland und arbeitete in Deutschland, Norwegen und Holland. Auf den Turnieren lernte er auch den Springreiter Martin Fuchs kennen. So kam er im vergangenen Herbst nach Wängi. Seither hat er noch mehr gesehen von der Welt. Er war dieses Jahr bereits in Mexiko, Katar, Hongkong und Miami – und das ist nur eine kleine Auswahl. Manche Wettkämpfe finden mitten in der Stadt oder wie in Miami in der Nähe des Strandes statt. Da kommt Sean Vard gar hin und wieder dazu, sich im Meer abzukühlen oder mit anderen Pferdepflegern am Abend die Restaurants in der Innenstadt zu besuchen. «Meine Freunde zahlen dafür, die Welt zu sehen», sagt Sean Vard und lacht. «Ich hingegen werde dafür bezahlt.»

Links von der Autobahn tauchen die weissen Zelte des CSIO St. Gallen auf. Sean Vard setzt den Blinker. Er kennt den Weg. Am Tag zuvor war er bereits einmal auf dem Gelände gleich neben dem Kybunpark. Er hat Futter und Material hingebracht. Auch die provisorischen Boxen aus türkisfarbenen Blachen sind bereits vorbereitet. Späne bedecken den Rasen. Heu ist da und natürlich auch Wasser. «So müssen die Pferde nicht im Transporter warten, während ich alles einrichte», sagt Sean Vard.

Ein Stofftier für Clooney

Das Zelt für die Pferde ist riesig. Eine Pferdebox reiht sich im Innern an die nächste. Sean Vard führt Clooney durch die Gänge. Hin und wieder grüsst er jemanden – man kennt sich hier und hilft, wo man kann. Die Springreiterin Janika Sprunger läuft mit Wasserkübeln vorbei. Und mehrere Hunde jagen sich gegenseitig zwischen den Pferden umher. Doch Clooney lässt sich nicht beeindrucken. Ganz ruhig folgt er seinem Pfleger in die Box. Martin Fuchs steht auf blauen Tüchern. Doch es ist nicht der einzige Unterschied zu den anderen Boxen. Seine teilt Clooney mit einem besonderen Spielzeug. Es ist eine rundliche Kuh aus Stoff. Sean Vard lacht. Manchmal nennt er das Pferd liebevoll Cow, wenn Clooney nach dem Auslauf auf der Weide schwarz-weiss gefleckt zurückkommt. Eine ehemalige Arbeitskollegin schenkte ihm daraufhin das kleine Stofftier. Heute ist es mehr als nur ein Glücksbringer. Es gibt dem Pferd auch das Gefühl von Heimat an einem fremden Ort.

Auch Sean Vard hat seine Erinnerungsstücke immer dabei. In seiner Arbeitskiste klebt ein Sticker in Form eines Kleeblattes. Grün, weiss, orange: die Farben von Irland. «Manchmal vermisse ich die Familie», sagt Sean Vard. «Und das Essen.» Vielleicht kehrt er dereinst auf den Reithof seiner Eltern zurück. Doch über die Zukunft macht er sich noch keine Gedanken. Diese gehören momentan noch ganz den Pferden. Ihr Wohlbefinden bestimmt seinen Alltag. Am Morgen ist der Gang zu den Tieren das Erste, was er macht – am Abend das Letzte. Er schaut, ob die Box sauber und genug Wasser da ist. Manchmal legt er ihnen auch ein Tuch auf den Rücken, wenn es in der Nacht zu kalt wird. Erst wenn die Pferde zufrieden sind, geht auch er ins Bett – oder zum Frühstück über.