PARIS: Festspiele unterm Eiffelturm

Stan Wawrinka steht beim French Open zum dritten Mal in Folge im Halbfinal. Auf seinem Weg dorthin gab er keinen einzigen Satz ab. Es scheint fast so, als könnte ihm nur noch Rafael Nadal gefährlich werden.

Jörg Allmeroth
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Stan Wawrinka geriet im Spiel gegen Marin Cilic nie in ernsthafte Bedrängnis. (Bild: Tatyana Zenkovich/EPA)

Stan Wawrinka geriet im Spiel gegen Marin Cilic nie in ernsthafte Bedrängnis. (Bild: Tatyana Zenkovich/EPA)

Jörg Allmeroth

Wer hätte es noch vor ein paar Jahren gedacht: Roger Federer macht eine Tennispause. Er verzichtet lässig und entspannt auf die French Open, den Höhepunkt der Sandplatzsaison. Und trotzdem bestaunen die Schweizer Tennisfreunde wahre Festspiele unter dem Eiffelturm. 24 Stunden nach dem starken Auftritt von Timea Bacsinszky und ihrem bemerkenswerten Halbfinaleinzug liess sich gestern im Wechselspiel der Schweizer Stars dann Stan Wawrinka nicht lange bitten und veredelte seinen bisher bravourösen Turnierauftritt im Stade Roland Garros mit einem meisterlichen 6:3, 6:3, 6:1-Viertelfinalsieg über den Kroaten Marin Cilic. Nie geriet Wawrinka in ernsthafte Bedrängnis, konzen­triert spielte er die beiden ersten Sätze in rund eineinviertel Stunden nach Hause. Im dritten Akt geriet die Partie zum Debakel und zur Deklassierung für Cilic, der entnervt die Bälle weit ins Aus oder serienweise ins Netz schlug. Wer es nicht wusste, nämlich dass hier die Nummer drei gegen die Nummer sieben der Setzliste antrat, hätte es niemals erahnen können – so krass war der Leistungsunterschied zwischen den beiden.

Es scheint fast so, als könne Wawrinka im Moment nur noch Rekordchampion Rafael Nadal vom zweiten Pokalcoup nach 2015 abbringen. «Es läuft richtig gut hier für mich. Aber ich darf jetzt nicht nachlassen. Das Schwerste kommt erst noch», sagte Wawrinka, der 17 seiner letzten 18 Grand-Slam-Partien in Paris gewonnen hat und zum dritten Mal hintereinander in der Runde der letzten vier steht. Bisher hat er noch keinen Satz verloren, war in beinahe jeder Phase in jedem Spiel der Dominator.

Murray war vor einem Jahr der Spielverderber

Morgen trifft Wawrinka nun in einer Neuauflage des letztjährigen Halbfinals auf den Weltranglistenersten Andy Murray, der im Gegensatz zum Romand Schwerstarbeit verrichten musste, ehe er den Japaner Kei Nishikori mit 2:6, 6:1, 7:6 (7:0) und 6:1 auf die Heimreise schickte. Auf dem Papier gilt Murray als Favorit für die Partie gegen Wawrinka. Doch nach dem bisherigen Turnierverlauf und Wawrinkas Auftritten ist der Schweizer der Mann, der sich die grösseren Siegchancen ausrechnen darf. «Ich sehe ihn im Vorteil», sagte etwa Australiens Ex-Weltklassemann Pat Cash, «für mich hat nur einer das Zeug, Stan zu schlagen. Und das ist Rafael Nadal.»

Murray war bei der vorigen French-Open-Turnierauflage der Spielverderber für Wawrinka gewesen, überraschend deutlich hatte er sich 6:4, 6:2, 4:6 und 6:2 im Halbfinal-Showdown durchgesetzt. «Es war ein fast perfektes Spiel von ihm», erinnerte sich Wawrinka, «ihm gelang viel, mir wenig.» Morgen dürften sie sich wohl eher auf Augenhöhe begegnen, Wawrinka, der konstant starke Kämpfer. Und Murray, der sich nach einem Steigerungslauf in Schwung gebracht hat für den Zweikampf. «Ich bin bereit für einen Fight. Ich gehe mit Respekt, aber auch mit Rückenwind in dieses Match», sagte Murray.