Para-Cycling-Fahrer Roger Bolliger sagt über die Absage der Paralympischen Spiele: «Uns wird auf brutale Art und Weise aufgezeigt, wie winzig wir in diesem Kosmos sind»

Roger Bolliger ist der erste paralympische Sportler der Schweiz, der zum Sportsoldaten wurde. Alles war perfekt auf die Paralympischen Spiele in Tokio ausgerichtet. Doch dann kam das Coronavirus.

Simon Häring
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Radfahrer Roger Bolliger peilt nun die Paralympischen Spiele 2021 an.

Radfahrer Roger Bolliger peilt nun die Paralympischen Spiele 2021 an.

Bild: PluSport/Michael Fund

Am Ende war es fast eine Erlösung, als endlich die Nachricht kam, dass die Paralympischen Spiele nicht in diesem Sommer stattfinden, sagt Roger Bolliger. Er hätte nicht verstanden, wenn die Wettkämpfe unter diesen Vorzeichen stattgefunden hätten. Mitte März wurden die Spiele in Tokio um ein Jahr verschoben, wäre es nach Bolliger gegangen, hätte man schon viel früher die Konsequenzen ziehen können. «Einerseits hiess es immer, man wolle das Beste für die Sportler, andererseits zögerte man doch noch lange mit der Entscheidung.» Für ihn sei schon früh absehbar gewesen, dass im Spätsommer keine Wettkämpfe möglich sein dürften.

Mitte Februar weilte Bolliger für drei Wochen im Trainingslager auf Zypern, danach in Magglingen. Er sei gesund, es wäre eigentlich alles gut. Wäre. «Denn die Situation beschäftigt mich sehr. Es ist bedrückend», sagt Bolliger. Man habe immer das Gefühl gehabt, der Mensch habe alles unter Kontrolle. «Und jetzt wird uns auf brutale Art und Weise aufgezeigt, wie winzig wir in diesem Kosmos sind. Und dass nichts selbstverständlich ist.» Selbstverständlich ist für ihn persönlich nichts mehr, seit er im Oktober 2002 bei einem Arbeitsunfall in einer Käserei sein rechtes  Bein verlor.

«Der Sport ist wie die Luft zum Atmen»

Früher war er Geräteturner und spielte Faustball, der Sport sei für ihn schon immer wichtig gewesen, sagt der 45-Jährige, «wie die Luft zum Atmen». Noch in der Rehaphase trainierte er sein linkes Bein auf dem Veloergometer und brachte sich an den Wochenenden das einbeinige Radfahren auf seinem Mountainbike bei. Im April 2004, kurz nach Ende der Rehabilitation, bestritt er beim GP Gippingen sein erstes Radrennen, 2007 nahm er in Bordeaux an den Weltmeisterschaften teil. Und 2016 folgte der vorläufige Höhepunkt mit den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Roger Bolliger ist auf der Strasse und auf der Bahn unterwegs.

Roger Bolliger ist auf der Strasse und auf der Bahn unterwegs.

Bild: PluSport/Simon Wilkinson

Im Januar 2019 wurde er als erster paralympischer Sportler der Schweiz Sportsoldat. Seither kann er die jährlichen 100 WK-Tage anrechnen lassen und für Trainingslager und Wettkämpfe einsetzen. Sein Arbeitspensum als Buchhalter konnte er auf 20 Prozent senken. Alles war perfekt geplant und austariert, das Ziel: die Paralympischen Spiele in Tokio. Was heisst die Verschiebung für ihn? Wenig, wie Bolliger sagt. Sein Weg an die Spitze war lange, Schritt für Schritt hat er sich vorgetastet. Ein Jahr mehr oder weniger? Spielt für ihn keinen grossen Unterschied.

Zeit zum Frühjahrsputz und für die Partnerin

Mit seinem Trainer Roland Richner hat er den Trainingsplan zwar bereits leicht angepasst, doch der Sport gibt Roger Bolliger Tagesstruktur und Ablenkung. Er trainiert weiter draussen, so lange das erlaubt ist. Mit der nötigen Vorsicht, wie er sagt. Hilfreich ist, dass der Verkehr auf den Strassen derzeit ausgedünnt ist. Schlimm wäre für Bolliger, wenn er gar nicht mehr rausgehen dürfte, Trainings auf der Rolle seien für ihn auf Dauer zu langweilig. Er braucht die Flucht aus den eigenen vier Wänden.

Betroffen von der Coronakrise ist Roger Bolliger nicht nur als Sportler, sondern auch als Arbeitnehmer. Wie viele andere hat sein Arbeitgeber Kurzarbeit beantragt, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern. Mit den Kollegen bleibt Bolliger telefonisch in Kontakt, wie mit seiner Mutter. Dass er nun öfter Zuhause sei, habe auch Vorteile. So verbringe er mehr Zeit mit seiner Partnerin. Es gebe im Haushalt Dinge, die man sonst gerne auf die lange Bank schiebe. «Die Fenster sind geputzt und glänzen», sagt er. Und vielleicht poliert er im Herbst 2021 eine paralympische Medaille.

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