Ostblock

Lukas G. Dumelin, Redaktor Ein Paket für Jesus Ich bin Mieter. Als Mieter finde ich es legitim, Grundbedürfnisse zu haben. Eines dieser Bedürfnisse klingt ganz simpel: Ich will saubere Kleider tragen. Das ist nicht ganz einfach.

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Lukas G. Dumelin, Redaktor

Ein Paket für Jesus

Ich bin Mieter. Als Mieter finde ich es legitim, Grundbedürfnisse zu haben. Eines dieser Bedürfnisse klingt ganz simpel: Ich will saubere Kleider tragen. Das ist nicht ganz einfach. An meinem früheren Wohnort durfte ich nur alle zwei Wochen waschen. Mein Waschtag fiel stets auf den Samstag – und damit mitten ins Wochenende. Manchmal wich ich auf den Sonntag aus. Bis mich der Hauswart einmal erwischte, wie ich eine Ladung Boxer-Shorts und T-Shirts in die Wäschetrommel stopfte. «Am Sonntag wollen ihre Nachbarn Ruhe!, schrie er «Der Sonntag ist ein Feiertag! Ein heiliger Tag, gopfertammi!»

«Ich versteh' das nicht», hab ich dem Hauswart gesagt. Ich versteh' nicht, weswegen er am Sonntag so fluche. Und weshalb ich am Sonntag nicht waschen kann, obwohl im Haus fast nur Moslems wohnen würden, von denen im übrigen einer sogar ganz gern am Freitag wasche und mit mir nicht mal abtauschen wolle. «Das ist mir egal», hat mich der Hauswart angeschnauzt, «Muslimismus ist mir egal. Die sollen sich anpassen – oder verreisen. Wir waschen am Sonntag nicht. Seit immer nicht. Recht und Ordnung, das sei wichtig, sonst haben wir bald Zustände wie in Italien, jawohl, und das will niemand, haben Sie kapiert?»

Ich bin ausgezogen. Nicht wegen dem Hauswart, aber die so geschaffene Distanz zwischen ihm und mir hat uns beiden gut getan. Nur Mieter bin ich geblieben. Doch wie das so ist: Wenn man in eine neue Wohnung zieht, braucht man neue Namensschilder. Ein neues Schild am Briefkasten, ein neues Schild an der Klingel, ein neues Schild im Lift, ein neues Schild neben der Wohnungstür. Am Ende könnte mich sogar die einfältige Schildkröte des Nachbarn von der andern Strassenseite finden, sobald sie das Lesen gelernt hat.

Nach dem Eingang der Rechnung für die Schilder musste ich in einer Beiz in Frauenfeld auf den Tisch hauen: Recht und Ordnung kosten stolze 98 Franken. Wie schön haben es die Pseudoalternativen in Berlin, von denen der Kollege beim Bier erzählte: Die überkleben die alten Schilder einfach, und dann steht eben Michael Jackson oder Gott da. Und wenn der eine von ihnen, der in der IT-Branche arbeitet und viel fliegt, wieder eine Meilenprämie erwartet, klebt er einen Post-it-Zettel an den Briefkasten: Paket für Schneider bei Jesus abgeben.

Lukas G. Dumelin (24) ist in Frauenfeld aufgewachsen und studiert Deutsch und Geschichte.