Ostblock

Lukas G. Dumelin, Redaktor Das Christkind von Reykjavik «Das ist Bestimmung», sagt sie und lächelt, nachdem sie sich im leeren Zug ausgerechnet in mein Abteil gesetzt hat. «Das ist Bestimmung, dass sich unsere Wege hier im Thurbo kreuzen.

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Lukas G. Dumelin, Redaktor

Das Christkind von Reykjavik

«Das ist Bestimmung», sagt sie und lächelt, nachdem sie sich im leeren Zug ausgerechnet in mein Abteil gesetzt hat. «Das ist Bestimmung, dass sich unsere Wege hier im Thurbo kreuzen.» Sie lächelt, als sie Schal und Wollhandschuhe aufs Tischchen legt. Sie lächelt, als sie mich mustert, und sie will nicht aufhören mit dem Mustern und Lächeln.

«Ich spüre», sagt sie und lächelt, «dass auch Sie eine Ader für die Verbindung zwischen Erde und Himmel haben. Sie müssen sie nur noch entdecken.» Das sei ein grosses Thema an der Tagung, an die sie gerade fährt: übersinnliche Fähigkeiten orten und freilegen. «Jetzt habe ich endlich Zeit dafür», sagt sie und lächelt. Der Sohn sei längst von zu Hause ausgeflogen, und ja, der Ehemann auch, und so male sie ungestört Aquarelle und stelle sich grosse Fragen. Woher wir kommen, wohin wir fahren. Und wofür wir leben.

«Wissen Sie», sagt sie und lächelt, «die Polarlichter sind unsere Verbindung zum Himmel.» Sie verkünden das warme Licht der inneren Erde, eine zweite, bessere Welt, an deren Existenz noch immer zu wenige glauben. Davon habe schon ein amerikanischer Luftwaffenpilot berichtet, nachdem er 1947 bei einem Flug über die Antarktis diese neue Welt entdeckt hatte. Und ein gestandener Luftwaffenpilot erzählt keinen Unsinn.

«Doch so weit muss niemand fliegen», sagt sie und lächelt, «Island reicht.» Dort sehe man auch Polarlichter. Und es sei kein Zufall, dass es dort von Feen und Elfen nur so wimmle, Zufälle gibt es nicht. Wie schön, dass ihr Sohn auch noch eine Isländerin geheiratet habe. Nur das Kind blieb aus. Sie hätten alles probiert, sogar schulmedizinischen Rat holten sie ein. Dann sah der Sohn einen Troll, und seine Frau wurde schwanger. «Am 24. Dezember kam das Kind zur Welt. Es ist unser Christkind von Reykjavik.»

«Der Tee», sagt sie und lächelt. Als sie aufsteht, um auf die Toilette zu gehen, sieht sie die Pfütze, die sich um ihr Jutesäcklein am Boden gebildet hat. Die Thermosflasche! Nun entgleist das Lächeln – und legt sich auf meine Lippen. Mit viel Mitgefühl in der Stimme säusele ich: «Ärgern Sie sich nicht. Das ist Bestimmung.»

Lukas G. Dumelin (24) ist in Frauenfeld aufgewachsen und studiert Deutsch und Geschichte.