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Lukas G. Dumelin Redaktor Unterwäsche für Extremsituationen Wie alle Männer habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu langen Unterhosen.

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Lukas G. Dumelin Redaktor

Unterwäsche für Extremsituationen

Wie alle Männer habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu langen Unterhosen. Lange Unterhosen haben nämlich eine schreckliche Eigenschaft, so gepflegt und gestählt die Beine ihres Trägers auch sind: Nie sieht man in ihnen sexy aus. Nie.

Mein Unbehagen reicht in die Kindheit zurück. Wie bei jedem Kind ist die Kindheit modisch fremdbestimmt – von Müttern, die sich nie um Stilfragen kümmern, sondern nur darum, ob der Nachwuchs an kalten Tagen auch warm genug angezogen ist. Und warm anziehen, das lernt man in der Kindheit, kann man sich nie genug.

In der Primarschule musste ich etwas tragen, das noch schlimmer war als lange Unterhosen: senffarbene Strumpfhosen, die mein Mami, wenn es kalt wurde, morgens bereitlegte. Die trug ich sogar, wenn wir mit der Klasse ins Hallenbad in Frauenfeld fuhren. Dort wurde ich zum wahren Entkleidungskünstler, den eine Frage umtrieb: Wie ich die Jeans ausziehen soll, ohne dass einer der Kollegen die Strumpfhosen entdeckt?

Irgendwann stieg ich auf lange Unterhosen um. Aber auch um deren gesellschaftliche Akzeptanz steht es seit jeher schlecht. In Filmen tragen sie nur einschlägige Charaktere. Wie in «True Grit», wo Jeff Bridges so bekleidet einen Rausch ausschläft. Unterdessen hat David Beckham zwar für H&M passable Unterwäsche entworfen, die er auf Plakaten selber trägt. Aber haben Sie ihn je in seinen grauen, langen Unterhosen gesehen? Eben.

Heute trage ich lange Unterhosen nur noch in Extremsituationen. Beim Skifahren zum Beispiel. Oder dann, wenn die Kälte das Flachland wochenlang im Griff hat. Dann suche ich in der Schublade, wo sie gut versteckt sind, die langen Unterhosen der Coop-Naturaline-Line. Gehe ich damit ins Hallenbad, ziehe ich mich nur noch dort um, wo mich niemand sieht: In der Einzelkabine mit dem Spiegel, in den ich garantiert keinen Blick werfe.

Lukas G. Dumelin (24) ist in Frauenfeld aufgewachsen und studiert Deutsch und Geschichte.

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