Ostblock

Lukas G. Dumelin, Redaktor Ein schlimmer Verdacht «Lädele» sagt keiner mehr, heute geht man «shoppen». Mit dem Verfall der deutschen Sprache hat das nichts zu tun, aber etwas mit der Realität: Shopping-Center haben die «Lädeli» abgelöst.

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Lukas G. Dumelin, Redaktor

Ein schlimmer Verdacht

«Lädele» sagt keiner mehr, heute geht man «shoppen». Mit dem Verfall der deutschen Sprache hat das nichts zu tun, aber etwas mit der Realität: Shopping-Center haben die «Lädeli» abgelöst. Wie soll man noch «lädelen» ohne «Lädeli»?

Die «Dorfmetzge» und «Chäsis» sterben aus. Zu gross ist die Konkurrenz der Shopping-Center und ihrer Supermärkte. Hier schneiden nun Männer mit Schürzen das Fleisch und Frauen mit Schürzen den Käse. Sie sind stolz, weil sich kreative Angestellte kreativer Büros kreative Namen für ihre Arbeitsorte ausgedacht haben. In Amriswil macht das «Amriville» aus dem Dorf eine Stadt, in der Grenzstadt Kreuzlingen schürt das «ceha!» patriotische Gefühle, und in Frauenfeld erinnert der «Thurgi-Park» an das ländliche Image unseres Kantons, den man mit Shopping-Center zupflastert.

Die Lage ist ernst, die Shopping-Center raffen «Lädeli» um «Lädeli» hinweg. Uns hat das aber nicht sprachlos gemacht, wir haben sogar einen Begriff erfunden: Wir nennen die Entwicklung «Lädelisterben». Die Grausamkeit dieses Begriffs zeigt sich bereits auf der sprachlichen Ebene. Dem herzigen Wort «Lädeli» hängen wir einfach den Tod an.

Immer, wenn der Tod eines der noch übriggebliebenen «Lädeli» bedroht, schreiten ein paar Rentner zur Tat. Sie nähmen den Tod nicht hin, diktieren sie den Lokaljournalisten. Dann gründen sie eine «IG Rettet eues Lädeli», lassen von einem Enkel eine Homepage erstellen und meinen: Ginge jeder Dorfbewohner zweimal im Monat im Dorfladen einkaufen, könnte dieser überleben. Die Dorfbewohner tun das natürlich nicht, und die Rentner haben alle ein mit der Rente finanziertes GA und, seien wir ehrlich, fahren dann und wann ganz gern nach Konstanz. Weil es dort scho no schampar günstig ist.

Im Dorf führt der Kampf dazu, dass das «Lädeli» etwas länger offen bleibt als geplant. Aber dann schliesst es, und bald schreit keiner mehr danach. Wieder drängt sich der schlimme Verdacht auf: Wäre es möglich, ganz sanft gefragt und ganz theoretisch, wäre es also möglich, dass sich die Zeiten geändert haben – und die Nachfrage einfach fehlt?

Lukas G. Dumelin (26) ist in Frauenfeld aufgewachsen und studiert Deutsch und Geschichte.

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