ON Y VA - DIE EM-KOLUMNE: Die Kehrseite der deutschen Mentalität

Deutschland spielt heute abend im Halbfinal gegen Frankreich. Aus deutscher Sicht ist man geneigt zu sagen: nichts Neues. Seit 2006 hat es die deutsche Nationalmannschaft an jeder EM und WM immer unter die besten vier Teams geschafft.

Ives Bruggmann
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Allez les Bleus: Dieser Fan ist vollends auf Frankreich eingestellt. (Bild: IAN LANGSDON (EPA))

Allez les Bleus: Dieser Fan ist vollends auf Frankreich eingestellt. (Bild: IAN LANGSDON (EPA))

Deutschland spielt heute abend im Halbfinal gegen Frankreich. Aus deutscher Sicht ist man geneigt zu sagen: nichts Neues. Seit 2006 hat es die deutsche Nationalmannschaft an jeder EM und WM immer unter die besten vier Teams geschafft. Nicht wenige Experten führen neben weiteren Ursachen vor allem die berühmte deutsche Mentalität als Grund für die Stärke unseres grossen Nachbarn an. Doch ist an dieser mentalen Stärke überhaupt etwas dran?

Wenn man dieses Turnier anschaut, definitiv. Wie Joachim Löw beispielsweise vor dem Spiel gegen Italien aufgetreten ist, war ziemlich lässig. Von Versagensängsten keine Spur. Er freue sich riesig auf das Spiel und glaube nicht an ein Italien-Trauma, sagte er Espresso trinkend. Und das Resultat hat ihm – einmal mehr – recht gegeben.

Dass das deutsche Selbstvertrauen aber auch ins Gegenteil, fast schon in Arroganz, ausschlagen kann, hat kein Geringerer als «Kaiser» Franz Beckenbauer bewiesen. Nach dem WM-Titel in Rom 1990 liess er sich mit folgender Aussage zitieren: «Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein.» Dies sagte Beckenbauer vor allem auch mit Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands und der damit verbundenen Integration der Spieler aus der DDR in die Nationalmannschaft. Die erste Niederlage unter Nachfolger Berti Vogts folgte schon bald. Den nächsten Titel gab es derweil erst 1996 wieder.

Und nun scheint es, als ob sich die Geschichte wiederhole. Nach dem WM-Triumph 2014 war es wiederum Beckenbauer, der behauptete, Deutschland könne nun eine Ära prägen. Nur dieses Mal liegt es an Löw, dafür zu schauen, dass der Kaiser sich nicht geirrt hat.

ives.bruggmann@tagblatt.ch

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