Olympische Spiele
«Der Traum von der Medaille lebt» – wie die Sprintstaffel der Frauen um Kambundji und Del Ponte zum Schweizer Juwel wurde

Die Schweizer 4x100-Meter-Staffel um Mujinga Kambundji und Ajla Del Ponte steht bei den Olympischen Spielen in Tokio im Final und träumt von einer Medaille. Es wäre die Krönung eines kleinen Wunders.

Simon Häring, Tokio
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Die Schweizer Sprintstaffel um Salomé Kora, Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Riccarda Dietsche greift nach einer Olympia-Medaille.

Die Schweizer Sprintstaffel um Salomé Kora, Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Riccarda Dietsche greift nach einer Olympia-Medaille.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Bei den Weltmeisterschaften 2017 wurden sie Fünfte, 2019 fehlte in Doha mit 7 Hundertstelsekunden nur ein Wimpernschlag für Bronze. Und nun steht die Schweizer 4x100-Meter-Staffel der Frauen bei den Olympischen Spielen in Tokio im Final und träumt von einer Medaille, es wäre die erste einer Sprintstaffel. Doch auch wenn das Quartett um Mujinga Kambundji, Ajla Del Ponte, Salomé Kora und Riccarda Dietsche ohne Edelmetall bleiben sollte, gibt es eine eindrückliche Visitenkarte für die helvetische Leichtathletik ab.

Mujinga Kambundji bestreitet bereits ihre dritten Olympischen Spiele, 2012 in London lief sie in der Staffel mit, die Wettkämpfe vier Jahre später in Rio de Janeiro endeten für sie mit einer Enttäuschung: Aus im Vorlauf über die 100 Meter, Aus im Halbfinal über die doppelte Distanz. Auf einen Start in der Staffel verzichtete die Bernerin damals nach einem jahrelangen Zwist mit dem damaligen Staffeltrainer Laurent Meuwly, der seit 2018 in Holland wirkt und seit 2019 auch die Tessinerin Ajla del Ponte betreut.

Bei den Europameisterschaften 2014 in Zürich wurde Mujinga Kambundji zum Gesicht der Schweizer Leichtathletik.

Bei den Europameisterschaften 2014 in Zürich wurde Mujinga Kambundji zum Gesicht der Schweizer Leichtathletik.

Andy Mueller/Freshfocus

2014 ging Mujinga Kambundjis Stern auf

Lange war Kambundji in der Schweizer Sprintszene unerreicht. Mit den Rängen 4 über 100 und 5 über 200 Meter an den Europameisterschaften 2014 in Zürich war sie zum Aushängeschild der Schweizer Leichtathletik aufgestiegen. Dass sie im Staffelfinal als Startläuferin den Stab hatte fallen lassen und danach bittere Tränen vergoss, hat sie noch populärer gemacht. Seither gewann Mujinga Kambundji an internationalen Grossanlässen vier Mal Bronzemedaillen - zuletzt 2019 an den Weltmeisterschaften in Doha über 200 Meter. Der Staffel-Final wird bereits ihr achter Einsatz in Tokio.

Als Mujinga Kambundji 2014 in Zürich den Staffelstab fallen lies.

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Bis vor zwei Jahren war Ajla Del Ponte nur eine Mitläuferin, doch dann schloss sie sich dem Westschweizer Trainer Laurent Meuwly an, zuerst in Lausanne, seit 2019 in Arnheim. Unter ihm verbesserte die Tessinerin ihre persönliche Bestzeit über 100 Meter innert zwei Jahren von 11,21 auf 10,91 Sekunden, zugleich Schweizer Rekord, den sie Kambundji im Vorlauf bei den Olympischen Spielen entriss. Im Final blieb sie als Fünfte erstmals vor Kambundji. 2020 sagte Del Ponte: «Wir profitieren von einem direkten Duell. Das hilft uns, ans Limit zu gehen und bessere Zeiten zu laufen.»

Weibliche Dominanz in der Schweizer Leichtathletik

Während Kambundji im vergangen Jahr mit Verletzungen zu kämpfen hatte, sorgte Del Ponte mit Siegen bei den Diamond-League-Meetings in Monte Carlo und Stockholm 2020 und in diesem Juni beim weniger stark besetzten Rennen in Gateshead für Aufsehen. Im März war sie bei den Hallen-Europameisterschaften über 60 Meter überlegen zu Gold gelaufen, ehe sie im April eine Covid-19-Erkrankung etwas zurückwarf. Auffallend ist, dass die Schweizer Leichtathletik-Delegation, die mit 28 Athleten der 116 Nominierten den Löwenanteil der Schweizer Teilnehmenden in Tokio stellt, weiblich dominiert ist: 20 Frauen bei gerade einmal 8 Männer.

Die Tessinerin Ajla Del Ponte ist im vergangenen Jahr aus dem Schatten von Mujinga Kambundji gesprintet.

Die Tessinerin Ajla Del Ponte ist im vergangenen Jahr aus dem Schatten von Mujinga Kambundji gesprintet.

Ulf Schiller / KEYSTONE

Wie ist das zu erklären? «Es ist eine Frage der Dynamik», sagt Mujinga Kambundji, über 100 Meter Sechste und über die doppelte Distanz Siebte. «Inzwischen gibt es bei den Frauen bei jedem Grossanlass Medaillen oder neue nationale Rekorde, das spornt an. Die Älteren inspirieren die Jungen, und die Jungen fordern die Älteren. Früher gewann ich bei den Schweizer Meisterschaften über 100 Meter in 11,80 Sekunden, heute wäre ich mit dieser Zeit nicht einmal im Final.» Dass sie mit dieser Einschätzung richtig liegt, zeigte das Meeting in Genf im Juni, wo mit Kambundji, Salomé Kora und Del Ponte gleich drei Schweizerinnen unter 11,20 Sekunden liefen.

Kambundji: «Der Traum von der Medaille lebt»

Wie hoch die Leistungsdichte inzwischen ist, zeigt das Beispiel von Sarah Atcho. Die Lausannerin war 2019 Teil der Staffel, die in Doha Bronze nur knapp verpasste, kam zuletzt nach zwei Operationen am Meniskus und einem Sehnenriss im Oberschenkel nicht an ihre Bestleistungen heran und wurde durch Riccarda Dietsche ersetzt. Die 25-Jährige, die zu 90 Prozent als Primarlehrerin arbeitet, hat ihre persönliche Bestleistung mit Hilfe eines Mentaltrainers innert eines Jahres um zwei Zehntelsekunden senken können. Und auch die 27-jährige Schlussläuferin Salomé Kora lief erst im Juni mit 11,12 Sekunden eine persönliche Bestzeit über die 100 Meter.

Für den Final qualifizierte sich das Juwel der Schweizer Leichtathletik in einer Zeit von 42,05 Sekunden – Schweizer Rekord. Nur Grossbritannien (41,55 Sekunden), die USA (41,90 Sek.) und Deutschland (42,00 Sek.) waren schneller. Jamaika lief zwar «nur» 42,15 Sekunden, setzte aber mit Elaine Thompson-Herah und Shelly-Ann Fraser-Pryce die schnellsten Frauen der Welt nicht ein. Sie hatten über 100 Meter Gold und Silber gewonnen. Dennoch formulierte der Schweizer Staffeltrainer Raphaël Monachon eine selbstbewusste Zielvorgabe, als er sagte: «Wir wollen aufs Podest.» Es wäre die erste Olympia-Medaille einer Schweizer Sprint-Staffel.

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