Olympische Spiele
Martin Fuchs verpasst Olympia-Medaille und brauchte psychologische Hilfe, er sagt: «Ich habe mein Pferd im Stich gelassen»

Mitfavorit Martin Fuchs verpasst die Olympia-Medaille im Einzel der Springreiter. Er hatte sich so sehr unter Druck gesetzt, dass er am Wochenende psychologische Hilfe in Anspruch nehmen musste. Der Schweizer Equipenchef fordert im Teamspringen eine Reaktion.

Simon Häring, Tokio
Drucken
Teilen
Martin Fuchs enttäuscht im Einzelspringen.

Martin Fuchs enttäuscht im Einzelspringen.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Es war eine Entscheidung, die er in Millisekunden getroffen hatte, «und sie war falsch», sagte Martin Fuchs, der Schweiss tropfte von der Stirn, der Blick ging ins Leere. Sein Traum von einer Medaille im Einzelspringen der Olympischen Spielen zerbrach am zweitletzten Hindernis, auch beim letzten hatte er einen Abwurf zu verzeichnen, doch da ritt er bereits um eine schnelle Zeit und um eine kleine Chance, mit einem Abwurf noch um eine Medaille stechen zu können. Der Sieg, das erklärte Ziel des 29-Jährigen, war da schon nicht mehr möglich.

Sein Wallach Clooney sei das drittletzte Hindernis vorsichtig angegangen, weshalb er sich entschieden habe, das nächste Hindernis mit sechs statt der geplanten fünf Schritte anzureiten, erklärte Martin Fuchs nach dem Springen. Doch der Absprung erfolgte zu spät, Clooney touchierte den Balken mit den Vorderbeinen. Fuchs nahm den Fehler auf sich und ging danach hart mit sich ins Gericht. Er sagte: «Es war eine sehr harmonische Runde, Clooney war grossartig, ich habe ihn im Stich gelassen.»

Martin Fuchs auf Schimmel Clooney 51 in Tokio.

Martin Fuchs auf Schimmel Clooney 51 in Tokio.

Michael Reynolds / EPA

Gespräch mit dem Sportpsychologen

Fuchs war mit der Referenz eines dritten Platzes beim letzten Springen mit Clooney nach Tokio geflogen, in der Weltrangliste liegt er im zweiten Rang, zudem ist er amtierender Europameister, sein erklärtes Ziel aber war Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio. Der Zürcher setzte sich damit selber unter enormen Druck. So sehr, dass er am Wochenende psychologische Hilfe in Anspruch nahm, weil er kaum mehr Schlaf fand, wie er gegenüber dem Online-Portal des Weltverbands bekannte.

Fuchs, dessen Vater Thomas als Technischer Coach der Schweizer in Tokio weilt, hatte in den Trainings gespürt, dass Clooney in guter Verfassung ist, das erhöhte den Druck, der sich machte, offenbar zusätzlich. Er sagte:

«Ich sagte dem Psychologen, dass ich merkte, dass wir eine Medaille gewinnen können, dass ich nervös sei, und dass ich mich nie zuvor so gefühlt hätte»

Das Gespräch habe geholfen, die Anspannung zu lösen, sagte er vor dem Springen. Den Parcours bezeichnete er als anspruchsvoll, aber machbar. Mit einem Pferd wie Clooney sei ein fehlerloser Ritt möglich. «Dass ich spürte, dass er in der bestmöglichen Form ist, macht die Enttäuschung noch grösser.» Auf die Frage dieser Zeitung, wie er die Enttäuschung im Hinblick auf das Mannschaftsspringen, in dem bereits am Freitag die Qualifikation ansteht, verarbeiten könne, sagte er: «Ich weiss es nicht.»

Equipenchef Michel Sorg fordert Reaktion

Auch der Equipenchef der Schweizer, Michel Sorg, machte kein Geheimnis aus seiner Enttäuschung. Er sagte: «Wir hatten grosse Hoffnungen, jetzt stehen wir ohne Medaillen da.» Mit Beat Mändli auf Dsarie enttäuschte auch der zweite Schweizer im Einzel, in dem der Brite Ben Maher nach Stechen Gold, Peder Fredricsson (Schweden) Silber und der Holländer Maikel van Vleuten Bronze gewannen. Mändli hatte am siebten Hindernis einen Abwurf zu verzeichnen, patzte am Wassergraben und gab später auf.

Beat Mändli auf Dsarie.

Beat Mändli auf Dsarie.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Für Mändli gingen die Olympischen Spiele damit zu Ende, Fuchs bietet sich mit der Schweizer Equipe die Chance, sich den Medaillentraum noch zu erfüllen. Dort hat auch Steve Guerdat, die Nummer 2 der Weltrangliste, etwas gutzumachen. Der Olympiasieger von London 2012 hatte mit Venard de Cerisy nach einem einzigen Abwurf den Einzelfinal der 30 besten Springer um einen Platz verpasst. Komplettiert wird das Trio vom 24-jährigen Neuenburger Bryan Balsiger auf Twentytwo des Biches. Doch zuvor dürfte es ein Krisengespräch geben, wie Equipenchef Sorg durchblicken liess. Er sagte: «Wir müssen das erst verdauen, aber wir können nicht einfach so tun, als sei nichts gewesen. Ich kenne diese Reiter. Ich weiss, wie sie sind.» Und zwar motiviert bis in die Zehenspitzen.

Wie gut Fuchs und Guerdat mit Rückschlägen umgehen können, bewiesen sie 2018 bei den Weltreiterspielen in Tyron, USA. Damals hatte die Equipe mit Rang 4 im Teamspringen enttäuscht. Zwei Tage später holte Martin Fuchs im Einzel Silber und Steve Guerdat wurde Dritter. Auch diesmal werden die beiden mit der Wut im Bauch um eine Medaille reiten.

Aktuelle Nachrichten