Olympiafinal
Die unglaubliche Konstanz von Mujinga Kambundji: Siebte in Tokio über 200 m

Die Schweizer Leichtathletin kann wie erwartet nicht in den Medaillenkampf eingreifen und läuft in starken 22,30 Sekunden auf den siebten Platz. Die Jamaikanerin Elaine Thompson-Herah gewinnt auch über die zweite Sprintdistanz – abermals mit einer Fabelzeit.

Rainer Sommerhalder
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Mujinga Kambundji (rechts) kann über 200 m nicht ganz mit den Schnellsten mithalten.

Mujinga Kambundji (rechts) kann über 200 m nicht ganz mit den Schnellsten mithalten.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Keine Diskussion, wer derzeit die schnellste Frau der Welt ist. Elaine Thompson-Herah holt in Tokio nach ihrem Sieg über 100 m auch Gold über die doppelte Distanz. Und wie! Die 29-jährige Jamaikanerin ist mit ihrer Siegerzeit von 21,53 Sekunden neu die zweitschnellste Frau der Welt. Nur die verstorbene Weltrekordhalterin Florence Griffith-Joyner lief 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul noch schneller (21,34).

Für die Schweizerin Mujinga Kambundji blieb das Podest ausser Reichweite. Bereits die Halbfinals hatten unterstrichen, wie hoch die Medaillen in Tokio hängen. Im Gegensatz zur Weltmeisterschaft von 2019 in Doha, als die Bernerin eine Zeit von 22,51 Sekunden zum Gewinn ihrer historischen Bronzemedaille reichte, sagten die nackten Zahlen vor dem Olympiafinal aus, dass Edelmetall in Tokio nur mit einer Zeit unter 22 Sekunden zu haben sein würde.

Zunge raus und durch: So feiert Elaine Thompson-Herah ihren Olympia-Doppelsieg.

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Christian Bruna / EPA

Und so kam es auch. Kambundji lief zwar als Siebte in 22,30 Sekunden erneut in die Nähe ihres Schweizer Rekords (22,26), doch insgesamt vier Konkurrentinnen legten die halbe Bahnrunde unter eben dieser magischen 22-Sekunden-Marke zurück.

Eine Frage des Testosterons nun auch über 200 m

Am meisten zu diskutieren wird zweifellos die Olympiazweite Christine Mboma aus Namibia geben. Nicht primär, weil sie erst 18 Jahre alt ist und im Olympiafinal einen sensationellen neuen Nachwuchsweltrekord erzielte (21,81). Sondern, weil Mboma wie die Südafrikanerin Caster Semenya von Natur aus einen zu hohen Testosteronwert aufweist.

Deshalb durfte sie in Tokio nicht in ihrer Paradedisziplin über 400 m an den Start gehen, ausser sie hätte mittels Hormontherapie ihr Testosteronlevel künstlich gesenkt. Der Verband World Athletics hatte im Zuge des Verfahrens gegen Semenya, in welchem es um die Startberechtigung der 800-m-Olympiasiegerin von 2012 und 2016 ging, Distanzen zwischen 400 m und einer Meile für Athletinnen mit zu viel Testosteron verboten.

Christine Mboma aus Namibia holt sich Silber und regt zu Diskussionen an.

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Charlie Riedel / AP

Nicht aber die 200 m. Die Diskussionen über eine allfällige Ausdehnung dieser Starteinschränkung werden durch Mbomas Exploit nicht verstummen. Mit ihrer gleichaltrigen Landsfrau Beatrice Masilingi klassierte sich noch eine Läuferin mit zu viel Testosteron vor Kambundji.

Die Bernerin war die einzige Europäerin im Final. Zwar zeigte sie sich mit ihrem Lauf und ihrer Zeit nicht hundertprozentig zufrieden. «Der Start war nicht perfekt und gegen Schluss fehlte mir etwas die Energie.» Nach einigen Minuten Durchschnaufen bilanzierte sie das für die Schweizer Leichtathletik historische Erreichen der beiden Sprint-Olympiafinals jedoch auch als persönlichen Erfolg, «auf den ich stolz sein kann». Beinahe schon im Diplomatenjargon formulierte Kambundji: «Unzufrieden bin ich mit meinen Leistungen nicht».

Das erlebt man nicht jeden Tag: Mujinga Kambundji wird vor dem Olympiafinal vorgestellt.

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Laurent Gillieron / KEYSTONE

Neben den zwei Finalteilnahmen per se ist auch die einmalige Konstanz der 29-Jährigen bemerkenswert. Alle drei Einsätze über 100 m beendete sie in nur vier Hundertstelsekunden auseinanderliegenden Zeiten. Beim Vorlauf, Halbfinal und Final über 200 m bewegte sie sich in einem Bereich von fünf Hundertsteln Differenz. Eine ganz ähnliche Konstanz auf tieferem Niveau legte Kambundji bereits 2016 bei den Sommerspielen in Rio an den Tag.

Eine dritte Chance auf Edelmetall bleibt der Berner Sprinterin in Tokio. Am Donnerstag und hoffentlich auch am Freitag steht die Schweizer Staffel über 4 x 100 m im Einsatz. Vor zwei Jahren an der WM in Doha trennten die viertplatzierten Schweizerinnen nur acht Hundertstelsekunden vom Podest. Diesmal liegen alle Nationen mit Ausnahme von Jamaika in Reichweite. Auch, weil Salomé Kora, Mujinga Kambundji und vor allem Ajla Del Ponte seit Doha nochmals schneller geworden sind.

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