Leichtathletik
Ohne Kredit: Die Verlegenheitsstaffel der Männer in London

Die Schweizer versuchen am Diamond-League-Meeting, ihren 16. Platz in der Weltrangliste zu bestätigen, respektive ein allfälliges WM-Aufgebot zu rechtfertigen. Doch die Besetzung lässt nichts Gutes erahnen. Schreitet am Ende wie 2013 der Verband ein?

Raphael Biermayr
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Von der Schweizer Rekordstaffel ist nur noch Suganthan Somasundaram (r.) in London übrig.

Von der Schweizer Rekordstaffel ist nur noch Suganthan Somasundaram (r.) in London übrig.

Keystone

Das einzige Erbauliche vorweg: Die Schweizer Männerstaffel liegt vor dem Start am Samstag am Diamond-League-Meeting in London noch immer auf Platz 16 der Weltrangliste.

Dieser berechtigt als Letzter zum Start an den Weltmeisterschaften in einem Monat in Peking. Sie zehrt dabei immer noch von ihrem Schweizer Rekord vom August 2014 an den EM im heimischen Letzigrund.

Die 38,54 Sekunden von damals sind ein Sehnsuchtswert für die aktuelle Auswahl. Die Bestleistung der laufenden Saison steht bei genau 40 Sekunden, erreicht im einzigen Rennen, das die Nationalstaffel überhaupt ins Ziel brachte: an den Team-Europameisterschaften. Zuvor war sie an den Staffelweltmeisterschaften und am Swiss Meeting in Genf wegen Wechselfehlern disqualifiziert worden.

Probleme allüberall

Nicht nur auf der Bahn lief kaum etwas wie gewünscht: Nach einer Machtprobe zwischen dem neuen Trainer Laurent Meuwly und den Athleten Alex Wilson (aus Basel) und Amaru Schenkel (aus Dietikon) waren jene Läufer nicht mehr Staffelmitglieder – die Nummern eins und zwei der aktuellen Saisonbestenliste.

Damit nicht genug, musste die Auswahl während der laufenden Saison auch immer wieder verletzungsbedingte Ausfälle verkraften. An den Team-EM fehlte beispielsweise der Urdorfer Steven Gugerli.

Er hat seinen Muskelfaserriss auskuriert, seit über einem Monat keinen Wettkampf mehr bestritten und liegt in der Saisonbestenliste lediglich auf Platz 12 (10,76). Dennoch flog er gestern mit nach London.

Pascal Mancini muss hingegen auf die Reise verzichten: Der Romand erhält von den Organisatoren keine Startberechtigung, weil er einst wegen Dopings gesperrt war – eine böse Überraschung für den Verband, der fest mit Mancini gerechnet hat. Damit fehlt auch die Nummer vier der Saison.

Zwei Junge im Aufgebot

Die Nummer drei ist immerhin fit und startberechtigt: Der Dietiker Rolf Malcolm Fongué (Saisonbestzeit 10,43 Sekunden) ist der Einzige, der bei allen drei bisherigen Staffelauftritten mit von der Partie war.

Mit dem Unterengstringer Suganthan Somasundaram ist ein zweiter Limmattaler im Aufgebot. Der Läufer im Rekordteam von Zürich liegt mit einer Saisonbestzeit von 10,61 Sekunden allerdings klar über seinem persönlichen Rekord (10,51).

Komplettiert wird das Quintett durch die jungen Bastien Mouthon (Vevey) und Silvan Wicki (Old Boys Basel), die Nummern fünf und sechs der Schweizer Bestenliste. Allerdings hatte auch Wicki eine Verletzung auszukurieren und bestritt seit fast zehn Wochen (!) keinen Wettkampf mehr.

Die Frage muss erlaubt sein: Wie soll diese Verlegenheitsequipe die 40,00 Sekunden verbessern und sich im Direktduell gegen die Polen (Bestzeit: 38,60) behaupten? Es ist ein Wettlauf mit der Hoffnung.

Es droht die Nichtselektion

Die Situation erinnert stark an 2013, als es um die Qualifikation für die WM in Moskau ging. Weil Schenkel in der Staffel eine Saison aussetzte und Mancini gesperrt war, lag die Schweizer Jahresbestzeit bei über 40 Sekunden, sie war aber wegen der Zeit von 2012 startberechtigt.

Der Verband verzichtete allerdings auf eine Selektion, weil er eine peinliche Vorstellung auf grösster Bühne fürchtete. Diese könnte auch diesmal drohen. Verbandssportchef Peter Haas sagt darauf angesprochen: «Bei diesem Thema will ich nicht vorgreifen. Wir haben uns dafür entschieden, eine Staffel nach London zu schicken und wollen schauen, was sie dort erreicht.»

Angesichts der aktuellen Saison wäre bereits ein Zieleinlauf eine Erfolgsmeldung.

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