Nur Gorgon schläft ruhig

Jerzy Gorgon, in den 1980er-Jahren Verteidiger beim FC St. Gallen, erwartet heute eine ausgeglichene Begegnung zwischen der Schweiz und Polen. Ryszard Komornicki und Radoslaw Gilewicz glauben an einen knappen Sieg für Polen.

Patricia Loher/Turi Bucher
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Jerzy Gorgon früherer Spieler FC St. Gallen (Bild: pd)

Jerzy Gorgon früherer Spieler FC St. Gallen (Bild: pd)

FUSSBALL. Jerzy Gorgon kam vor 36 Jahren nach St. Gallen und ist nie mehr weggezogen. Unterdessen lebt der 66-Jährige schon länger in der Schweiz als zuvor in seinem Heimatland. Und so sagt der frühere polnische Internationale vor dem heutigen EM-Achtelfinal in St-Etienne: «Ich kann ruhig schlafen. Ich werde mit Sicherheit gewinnen.» Sein Herz schlage für beide Teams.

Als Gorgon 1980 nach St. Gallen kam, gehörte er zu den weltbesten Verteidigern. 1972 war er mit Polen in München Olympiasieger geworden, 1974 erreichte er mit seiner Mannschaft in Deutschland den WM-Halbfinal. Wegen seiner aussergewöhnlichen Fähigkeiten war der 1,92 m grosse Gorgon einer der auffälligsten Spieler im polnischen Fussball der 1970er-Jahre. Noch immer verfolgt er die Entwicklung seines Sportes.

Wach sein bei Gegenstössen

Gegen Polen, sagt Gorgon, müsse die Schweiz aufpassen, wenn sie in der Vorwärtsbewegung den Ball verliere. «Die Polen haben die Fähigkeit, schnelle Gegenstösse auszulösen. Bis anhin konnten sie so herausgespielte Chancen noch nicht nutzen. Aber das kann sich schnell ändern.» Und was würde er den Polen empfehlen? «Fabian Schär und Johan Djourou haben sich gesteigert. Trotzdem wäre es mein Tip an die Polen, auf die beiden Druck auszuüben. Dann begehen sie Fehler.» Gorgon, der 1970 mit seinem Heimatverein Gornik Zabrze den Cupsieger-Final gegen Manchester City verlor, wird das Spiel zu Hause am TV mitverfolgen.

Ryszard Komornicki, der frühere Trainer von Aarau, Wil und Luzern, hat in seiner Karriere 20 Länderspiele für die polnische Nationalmannschaft bestritten und war WM-Teilnehmer 1986. Der 56-Jährige, inzwischen in Sursee wohnhaft, weilt zurzeit zusammen mit seiner Frau ferienhalber in Lodz. Er sagt: «Die Schweiz spielt den gepflegteren Fussball. Aber in Polen hoffen wir, dass die Schweizer den typischen Petkovic-Fussball spielen werden, hoch stehen, also taktisch insgesamt offensiv auftreten werden. Damit für Polen Platz für Chancen entsteht.» Und mit welchem Resultat wird die Partie enden? «Ich bin inzwischen ja auch Schweizer. Aber jetzt bin ich gerade in Polen, es stehen lauter Polen um mich herum, die Leute hören mir zu, also sage ich 2:1 für Polen.»

«Wenn nicht jetzt, wann dann?»

Radoslaw Gilewicz spielte von 1993 bis 1995 für St. Gallen und danach für Stuttgart. Der 45-Jährige ist zehnfacher polnischer Internationaler und wurde als Stürmer des FC Tirol Innsbruck in Österreich bester Torschütze. Gilewicz, der unterdessen als Bundesliga-Kommentator für Eurosport und als Co-Trainer der polnischen U15-Auswahl arbeitet, hat Polens EM-Team in Paris live gegen Deutschland gesehen und sagt: «Es ist nicht so, dass in dieser Mannschaft alle für Lewandowski arbeiten müssen. Es ist umgekehrt, Lewandowski arbeitet für die Mannschaft. Aber gegen die Schweiz soll er jetzt ein Tor erzielen. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?» Gilewicz lobt die Mentalität, die in der polnischen Mannschaft herrscht: «Dieses Team glaubt an sich. Es kann auch gewinnen, wenn es einmal nicht so gut läuft. Vor zwei Jahren war die polnische Mannschaft am Boden, ich habe gedacht, die sei erledigt, es schien keinen Plan B zu geben.» Doch dann habe es, so Gilewicz weiter, klick gemacht. «Dieses Polen besteht nicht nur aus Lewandowski, Jakub Blaszczykowski und Arkadiusz Milik, sondern ist unter Trainer Adam Nawalka eine verschworene Einheit geworden.»

Gilewicz wird das heutige Spiel zusammen mit dem ehemaligen bulgarischen Internationalen und früheren St. Galler Trainer Krassimir Balakow in der Nähe von Katowice schauen. Gilewicz sagt: «Ich bin zwar ein Fan von Yann Sommer, aber Polen wird 1:0 gewinnen.»

Bild: PATRICIA LOHER/TURI BUCHER

Bild: PATRICIA LOHER/TURI BUCHER