Nur glaubwürdige Texte übersetzen

Zsuzsanna Gahse übersetzt fortwährend, nicht nur, wenn sie die Anzahl und die Arten der Fahrzeuge auf der Strasse in Müllheim in eine eigene Zeichensprache transformiert. Jeder Satz sei eine Übersetzung, eine in Worte gefasste Idee.

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Zsuzsanna Gahse übersetzt fortwährend, nicht nur, wenn sie die Anzahl und die Arten der Fahrzeuge auf der Strasse in Müllheim in eine eigene Zeichensprache transformiert. Jeder Satz sei eine Übersetzung, eine in Worte gefasste Idee.

Manchmal übersetzt sie sogar in doppelter Hinsicht, dann nämlich wenn sie ungarische Bücher ins Deutsche überträgt. Diese neue Beschäftigung mit dem Land, das sie einst fluchtartig verlassen hatte, begann 1980, als sie vom deutschen Schriftsteller Helmut Heissenbüttel gebeten wurde, für den Süddeutschen Rundfunk eine Sendung über die damalige ungarische Gegenwartsliteratur zusammenzustellen. Sie stürzte sich in die Recherche, las Texte von Péter Esterházy, Péter Nádas und vielen anderen ungarischen Schriftstellern und fügte ihre Auswahl zur Sendung zusammen.

Jedermanns Logik sei mit der Muttersprache verknüpft: An diese Bemerkung von Hannah Arendt habe sie schon oft gedacht, sagt Gahse. Allerdings weiss sie sehr genau zu differenzieren. «Ich übersetze nur Texte, die in meinen Augen glaubwürdig sind.» Von ihrer Zeit in Ungarn kenne sie «die Sprache der Diktatur, die Sprache, in der man lügt.» Einen Text, geschrieben in dieser Sprache, würde sie nie übersetzen, betont sie.

Sie beschreibt das Übersetzen von einer Sprache in eine andere als äusserst kreativen Prozess. Wer übersetze, werde flexibler auch im Umgang mit der eigenen Sprache. Aber: Übersetzen sei anstrengend. Denn der Raum im eigenen Kopf werde über längere Zeit von einem anderen Autor besetzt. «Sein Stil, seine Wörter, seine Ideen verdrängen das eigene Denken.»

Zurzeit hat Zsuzsanna Gahse zahlreiche eigene Textprojekte im Kopf. Kein Platz also für einen anderen Schriftsteller. Deshalb verzichte sie vorderhand auf das Übersetzen ungarischer Texte. «Das kann sich wieder ändern.» Karl Wüst