Nun drohen Gefängnisstrafen

Der Vorwurf, Deutschland habe sich Stimmen für die Fussball-WM erkauft, ist noch immer nicht aus der Welt geräumt. Gestern durchsuchten Steuerfahnder die Wohnungen hoher Funktionäre und des Deutschen Fussballbundes.

Christoph Reichmuth/Berlin
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FUSSBALL. Gestern um 9 Uhr schwärmten über 50 Steuerfahnder in die Zentrale des Deutschen Fussballbundes (DFB) in Frankfurt und die Privatwohnungen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und seinem Vorgänger Theo Zwanziger aus. Bepackt mit Kisten und Aktenordnern zogen die Fahnder Stunden später wieder ab. Im Kern geht es um den Vorwurf der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall, letztlich erhofft sich die deutsche Öffentlichkeit durch die Ermittler endlich Aufklärung über einen dubiosen Geldtransfer im Vorfeld der WM 2006.

Niersbach betonte mehrere Male, die WM sei nicht gekauft worden. Gleiches sagte der damalige OK-Chef Franz Beckenbauer. Allerdings hat Niersbachs Vorgänger an der DFB-Spitze, der damalige OK-Vizevorsitzende Theo Zwanziger, Niersbach der Lüge bezichtigt und die Existenz schwarzer Kassen in der WM-Bewerbung bestätigt. Offenkundig geht es Zwanziger nicht zuletzt auch darum, seinen Nachfolger Niersbach zu demontieren. Der 70jährige Zwanziger trat als DFB-Präsident im Herbst 2012 zurück, beerbt wurde er durch Niersbach, obwohl Zwanziger einen anderen Nachfolger vorgeschlagen hatte. Dass sich Niersbach, unabhängig von den Ergebnissen der Ermittler, noch lange an der DFB-Spitze wird halten können, wird immer unwahrscheinlicher.

Sechs Monate bis fünf Jahre

Noch immer unklar ist, wohin das Geld geflossen ist und wofür die vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vorgestreckte Summe tatsächlich verwendet worden ist. Sicher ist bislang, dass der inzwischen verstorbene Dreyfus das Geld 2005 zurückerstattet haben wollte. Nach bisherigem Erkenntnisstand der Steuerfahnder buchte das Organisationskomitee die 6,7 Millionen Euro unter Kostenbeteiligung an einem Kulturprogramm im Rahmen der Fussball-WM getarnt ab. Die Summe konnte demnach als Betriebsausgabe steuermindernd geltend gemacht werden. Damit habe das OK «Körperschafts- und Gewerbesteuern sowie Solidaritätszuschlag für das Jahr 2006 in erheblicher Höhe verkürzt», heisst es in einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Sollte sich der Verdacht der Steuerhinterziehung erhärten, drohen Gefängnisstrafen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren.

Der DFB erklärte in einer Mitteilung, der Verband unterstütze die Ermittlungen. «Der DFB ist nicht Beschuldigter des Verfahrens.» Auch Zwanziger, damals Schatzmeister im WM-OK, meldete sich gestern zu Wort. Er mache sich wegen der Hausdurchsuchung keine Sorgen. Er wisse, «dass er keine Konsequenzen zu befürchten» habe.

Fifa weist Darstellung zurück

Nicht im Visier der Ermittler ist offenbar OK-Präsident Beckenbauer. Nach kurzem Statement im Oktober – «Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland zu akquirieren» – hüllt er sich wieder in Schweigen. Laut Darstellung von Niersbach, damals OK-Vizepräsident, und Beckenbauer sei das Geld von Louis-Dreyfus als Vorschuss verwendet worden, um anschliessend einen Organisationszuschuss von 170 Millionen Euro von der Fifa zu bekommen. Beckenbauer und Fifa-Präsident Sepp Blatter hätten dies unter vier Augen ausgehandelt. Diese Version hat Blatter allerdings bestritten. Auch die Fifa hat die Darstellung Niersbachs nach finanziellen Vorleistungen seitens des OK zurückgewiesen.