Novak Djokovic und das Leben in der serbischen Tennis-Blase: Bluttests, gratis Mahlzeiten und eine Überdruckkammer

Novak Djokovic bereitet sich in seiner Akademie auf die neue Saison vor. Und der 33-Jährige hat gleich die gesamte serbische Tennis-Elite in der Hauptstadt Belgrad einquartiert. Zum Teil auf eigene Kosten.

Simon Häring
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Novak Djokovic of Serbia celebrates winning match point against Alexander Zverev of Germany during their singles tennis match at the ATP World Finals tennis tournament at the O2 arena in London, Friday, Nov. 20, 2020. (AP Photo/Frank Augstein)

Novak Djokovic of Serbia celebrates winning match point against Alexander Zverev of Germany during their singles tennis match at the ATP World Finals tennis tournament at the O2 arena in London, Friday, Nov. 20, 2020. (AP Photo/Frank Augstein)

Frank Augstein / AP

Er gewann die Australian Open und beendete zum sechsten Mal ein Jahr auf Rang 1 der Weltrangliste. Neben dem Platz machte Novak Djokovic nicht immer eine gute Figur: die von ihm initiierte Adria-Tour musste nach mehreren Ansteckungen mit dem Coronavirus – darunter Djokovic selber und seine Frau – abgebrochen werden. Und mit der Gründung einer neuen Spielergewerkschaft zog er den Unmut von Roger Federer, Rafael Nadal, der Grand-Slam-Turniere, der Profi-Organisationen der Männer (ATP), der Frauen (WTA) und des Tennisweltverbands (ITF) auf sich. Und bei den US Open in New York war Novak Djokovic disqualifiziert worden, nachdem er eine Linienrichterin mit einem Ball am Hals getroffen hatte.

Andernorts war er schnell als Bösewicht gebrandmarkt, in seiner Heimat aber sind ihm Respekt und Heldenverehrung gewiss. Das ging im Sommer so weit, dass ihn Premierministerin Ana Brnabic öffentlich in Schutz nahm und die Schuld für das Fiasko bei der Adria-Tour auf sich nahm. In Serbien sind ihm Liebe und Zuneigung gewiss. Dort bewegt sich Novak Djokovic in einer Blase, in der sich die Welt auch dann noch um ihn dreht, wenn sie sich ausserhalb längst gegen ihn verschworen hat. Das hat nicht nur mit dem Stolz der Landsleute auf den Weltstar zu tun. Mehrfach spendete er Millionensummen an Schulen und Spitäler in Serbien. Diese Woche stiftete er dem Belgrader Universitätsspital einen hochmodernen CT-Scanner.

Djokovic bezahlt sogar für Hotelunterkunft

Auch die serbische Tennis-Familie profitiert von der Spendierfreudigkeit des 33-Jährigen. So öffnete er die Tore zu seiner Tennis-Akademie in Belgrad für die Berufskollegen. Denn gedeckte Hartplätze sind in Serbien ein rares Gut. Im Novak Tennis Centre, an der Mündung zwischen Save und Donau, stehen 14 Plätze zur Verfügung, 11 mit einem Sandebelag, 3 Hartplätze. Djokovic sagt: «Die Akademie ist eines der grössten Projekte meines Lebens.» Derzeit trainiert fast die gesamte serbische Tennis-Elite dort - auf Einladung Djokovics. Sie befinden sich dort in einer Art Blase, und führen ein Leben wie Gott in Frankreich. Tennis-Profi Filip Krajinovic (ATP 31) sagt: «Wir sind extrem dankbar für das, was Novak für uns tut.»

Bei der Ankunft wurde den Spielerinnen und Spielern Blut abgenommen, und weitere Werte – wie zum Beispiel der Körperfettanteil – ermittelt. Auf dieser Grundlage wurde ein individueller Trainings- und Ernährungsplan erstellt. Für die Verpflegung sorgt ein Spitzenkoch, der in der Akademie angestellt ist und die auf die Athletinnen und Athleten zugeschnittenen Mahlzeiten zubereitet. Auch auf die Expertise von Physiotherapeuten und Fitnesstrainern kann zurückgegriffen werden. Weitere Annehmlichkeiten: Ein Bespannungsservice, eine Überdruckkammer zur Unterstützung der Regeneration. Spieler, die von ausserhalb Belgrads kommen, sind in einem Viersternhotel einquartiert. Und das alles auf Kosten von Novak Djokovic.

Djokovics Tennis-Akademie am Donauufer in Belgrad.

Djokovics Tennis-Akademie am Donauufer in Belgrad.

zVg

Djokovic kann sich Trainerposten vorstellen

Auch Djokovic selber, der seinen Wohnsitz vor Jahren ins Steuerparadies Monte Carlo verlegt hat und viel Zeit im spanischen Marbella verbringt, bestreitet einen Teil seiner Vorbereitung in Belgrad. Die Australian Open sollten Mitte Januar starten, vieles deutet aber auf eine Verschiebung in den Februar hin. Djokovic hat nie ein Geheimnis aus seinen Ambitionen gemacht. Er sagt: «Ich habe genug erreicht, um von einem Moment auf den anderen aufzuhören. Doch ich tue es aus zwei Gründen nicht: Erstens macht es mir Spass, und zweitens möchte ich Geschichte schreiben. Ich möchte so viele Grand-Slam-Titel holen wie möglich, und ich möchte auch den Rekord für die meisten Wochen an der Spitze der Weltrangliste.» Beide Bestwerte hält derzeit noch Roger Federer, der 20 Grand-Slam-Titel auf sich vereinigt und die Weltrangliste während 310 Wochen anführte.

Die Rekordjagd wird weitergehen, vielleicht noch über Jahre. Dem Tennis wird er aber wohl auch nach dem Rücktritt erhalten bleiben. Serbischen Medien sagte Novak Djokovic: «Ich bin keiner dieser Spieler, die genug haben vom Tennis und nach dem Rücktritt einen grossen Bogen um den Platz machen. Das Gegenteil ist der Fall: Ich liebe das Tennis und ich würde gerne meine Fähigkeiten als Mentor und Trainer unter Beweis stellen.» In der Belgrader Tennis-Blase läuft bereits der erste Versuch.

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