Novak Djokovic gewinnt 17. Grand-Slam-Titel: «Ich wuchs im Krieg auf, das macht dich stärker und hungriger auf Erfolg»

Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler der Gegenwart. Aufgewachsen in den Trümmern Belgrads, in einem vom Krieg verwüsteten Land. Es habe ihn stärker gemacht. Und hungriger auf Erfolg, sagt Djokovic. Der Versuch einer Annäherung an einen Unnahbaren.

Simon Häring, Melbourne
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Novak Djokovic gewinnt zum achten Mal die Australian Open.

Novak Djokovic gewinnt zum achten Mal die Australian Open.

Bild: Keystone

17 Grand-Slam-Titel, acht davon bei den Australian Open. Am Montag verdrängt Novak Djokovic Rafael Nadal von der Spitze der Weltrangliste, er nimmt die 276. Woche an der Spitze des Rankings in Angriff. Der Beste zu sein treibt ihn seit frühster Kindheit an. Eine Kindheit, die so anders war als die seiner Rivalen, Roger Federer und Rafael Nadal, die in der Schweiz und Spanien in behüteten Verhältnissen aufwuchsen. Djokovic wuchs in einem vom Krieg zerrütteten Land auf, seine Karriere begann in Kopaonik, in den serbischen Bergen. Die Wand, gegen die er die ersten Bälle schlug, steht noch immer, sie ist von Löchern übersät. Die Bomben der Nato-Truppen haben sie aufgerissen, in die Wände, aber auch in die Seele der Menschen. Die Narben sind bis heute nicht verheilt.

Novak Djokovic spielt heute Tennis, wie er als Kind aufgewachsen ist – er ist ein Kämpfer, ein Gladiator, im ständigen Krisen-Modus. Seinem Spiel fehlt die Eleganz und Poesie, dafür besticht Djokovic mit Beharrlichkeit, Unerbittlichkeit, Ausdauer, Intensität. Wer verstehen will, wie Djokovic zum besten Tennisspieler der Gegenwart geworden ist, findet Spuren möglicher Erklärungen in seiner Biografie. Djokovic spielt nicht nur für sich. Er spielt für Serbien. Das macht ihn der Heimat zum Helden. Und löst im Rest der Welt befremden aus. Er spielt Tennis nicht nur, er kämpft es. Jedes Spiel als Reise in die eigene Vergangenheit. Das widerspiegelt sich in seiner Gestik, seiner Mimik, seiner Körpersprache. Djokovic trommelt mit den Händen auf die Brust, und zerriss sich auch schon mal das Shirt.

Djokovics Rückkehr nach Kopaonik

Anstehen für Brot, Milch und Wasser

Djokovic ist vom Ehrgeiz getrieben, aus dem Schatten anderer zu treten, das Stigma seiner Kindheit abzulegen. «Es ist kein Geheimnis, dass ich den Grand-Slam-Rekord holen will. Und den historischen Weltranglistenrekord auch», sagte er nach dem achten Triumph bei den Australian Open, der zugleich sein 17. Grand-Slam-Titel bedeutet. Er bewies auch in diesem Spiel gegen Dominic Thiem, in dem er 1:2 Sätze hinten lag, dass er ein Krieger ist, den man nicht ein Mal, sondern zwei Mal, drei Mal, vielleicht sogar vier Mal schlagen muss, ehe er am wirklich am Boden liegt.

Als er in Melbourne danach gefragt wurde, weshalb er, Federer und Nadal so erfolgreich geworden seien, sagte der Serbe: «Wir wuchsen alle unter völlig unterschiedlichen Umständen auf. Ich wuchs in Serbien im Krieg auf, in einer schwierigen Zeit. Wir mussten in einer Schlange für Brot, Milch und Wasser anstehen. Diese Dinge machen dich stärker und hungriger auf Erfolg», sagte Djokovic. Hungrig darauf, der Beste der Welt, der Beste der Geschichte zu werden. Es gebe ihm die Kraft, weiterzumachen. Und sei vielleicht auch  eine Erklärung dafür, wie er es geschafft habe, mentale Herausforderungen zu bewältigen. Und aus dem langen sportlichen Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal zu treten.

Das Publikum wünschte sich Thiem als Sieger

Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler der Gegenwart, vielleicht der Geschichte. Doch geht es um die Gunst der Zuschauer, steht er fast immer im Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal, auch in Melbourne war das nicht anders. Das hat viel mit Szenen wie diesen im Final zu tun. Zwei Mal wurde Djokovic verwarnt, weil er die 25 Sekunden, die zwischen Ballwechseln zur Verfügung stehen, überschritten hatte. Hämisch klopfte er dem Schiedsrichter auf die Schuhe und sagte: «You made yourself famous. Well done!» Er wird dafür eine Busse erhalten, die sich auf 20'000 Dollar belaufen dürfte. Doch was ihn mehr schmerzen wird: Wieder stand das Publikum in einem grossen Spiel auf der Seite seines Gegners.

Das Publikum hatte sich Thiem als Sieger gewünscht. Vielleicht hat das weniger mit Djokovic selber zu tun als mit dem Wunsch nach einem neuen Sieger, einem neuen Gesicht. Und doch muss es Novak Djokovic besonders geschmerzt haben, dass ihm auch auf dem Platz der grössten Triumphe, wo er 2008 seinen ersten von nun 17 Grand-Slam-Titeln gewonnen hatte, nicht die Heldenverehrung zuteil geworden ist, nach der so strebt, und die er wohl auch verdient. Weil er der beste Tennisspieler der Gegenwart ist. 

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