Noch eine Hürde bis Berlin

Die Halbfinals der Champions League stehen an: Im Spiel zwischen Juventus Turin und Real Madrid treffen grosse Gegensätze aufeinander. Barcelona und Bayern München hingegen verbinden viele Gemeinsamkeiten.

Andy Sager
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Madrids Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und James Rodriguez treffen auf Turins Giorgio Chiellini, Leonardo Bonucci und Arturo Vidal. Spanischer Offensivfussball gegen italienische Abwehrkunst. Im Piemont kommt es heute zum Aufeinandertreffen der Gegensätze. Juventus Turin gilt im Kreis der Halbfinalisten der Champions League als Aussenseiter. Doch der italienische Meister hat sich nicht nur in der heimischen Serie A souverän durchgesetzt, auch in der Champions-League-Saison gaben sich die Piemonteser bisher keine Blösse. In den Achtelfinals gegen Dortmund zeigte das Team von Massimiliano Allegri, dass es offensiv überzeugen kann. In den Viertelfinals setzte es sich dank konsequenter Verteidigungsarbeit mit dem Minimum von 1:0 gegen Monaco durch. Allegri legt grossen Wert auf die Defensive, notfalls agieren situativ bis zu acht Spieler als Verteidiger.

Der Favorit steht heute aber auf der anderen Seite: Das Kader von Real Madrid ist mehr als doppelt so viel wert. Die beiden Offensivreihen um Weltfussballer Ronaldo und Weltmeister Toni Kroos suchen ihresgleichen. Selbst die Ausfälle von Luka Modric und Karim Benzema konnten die Madrilenen bis anhin kompensieren. Das Team von Trainer Carlo Ancelotti strebt den Final und dort die erste Titelverteidigung in der Geschichte der Königsklasse an.

Guardiola trifft auf Jugendclub

Was Juventus in Italien gelungen ist, hat auch Bayern München in Deutschland geschafft: der vorzeitige Gewinn der Meisterschaft. Turin wurde zum viertenmal in Folge Meister, Bayern zum drittenmal. Während der Halbfinal für die Italiener schon eine Art Kür bedeutet und der Titel in der Champions League ein Highlight wäre, steht für die Münchner und Coach Pep Guardiola der Titel in der Königsklasse als Ziel. In München ist die Meisterschaft eben «nur» Pflicht. Dass Guardiola auf dem Weg zur Kür ausgerechnet auf seine alte Liebe, den FC Barcelona, trifft, erhöht den Druck zusätzlich. Er wird zum ersten Mal als Gästetrainer an der Seitenlinie im Camp Nou stehen. Mit den Katalanen gewann der 44-Jährige 14 Titel in nur vier Jahren – darunter zweimal die Champions League. Als Jugendlicher ging Guardiola durch die renommierte Barcelona-Schule «La Masia», wurde zum Star und holte bereits als Spieler 13 Titel.

Der Trainer ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Bayern und Barcelona. Guardiola hat in seinen zwei Jahren in München das in Katalonien praktizierte Kurzpassspiel eingeführt und weiterentwickelt. Beide Teams haben in der laufenden Champions-League-Saison ziemlich genau 6900 Pässe gespielt, von denen 91 Prozent angekommen sind, und durchschnittlich 62 Prozent Ballbesitz gehabt. Der Trumpf der Spanier in den Halbfinalspielen ist die wohl beste Angriffsreihe der Welt mit Lionel Messi, Neymar und Luis Suarez. Dieses Trio, «el Tridente» genannt, hat in dieser Saison 108 Pflichtspieltore erzielt – sieben beim 8:0 am Samstag in Cordoba.

Ähnliches Selbstverständnis

Bayerns Offensive ist hingegen arg gebeutelt. Die Münchner laufen nach wie vor auf dem Zahnfleisch. Vorne fehlen mit den verletzten Arjen Robben und Franck Ribéry zwei Ausnahmekönner. Auch Robert Lewandowski ist fraglich. Thomas Müller sagte nach dem fulminanten 6:1 im Viertelfinal-Rückspiel gegen Porto: «Wir kommen tatsächlich ein bisschen auf dem Zahnfleisch daher – aber das ist ein gutes Zahnfleisch.» Die Aussage passt zum «Mia san mia», dem selbstbewussten Eigenbild der Münchner. In Barcelona heisst das «Mes que un club» – mehr als ein Verein.

Trainer und Thiago als Schlüssel

Angesichts der vielen Parallelen ist es verständlich, dass Guardiola sowohl in München als auch in Barcelona gelobt wird. Thiago Alcantara ergeht es indes ähnlich, er ist Barcelona und Bayern in Personalunion. Aus Barcelona gekommen, zeigt der Spieler, was er in «La Masia» gelernt hat – wie einst Guardiola im zentralen Mittelfeld. Auf dem Platz tut Thiago dies mit einer Selbstverständlichkeit, die beiden Clubs entspricht. Er ist ein Grund dafür, warum dem Münchner «Zahnfleisch» so viel zugetraut wird. Thiago und Guardiola kennen Barcelona aus dem Effeff. Es ist die grösste Hoffnung der Bayern, da das Momentum bei Barcelona liegt.

So oder so ist der Respekt vor den Spielen bei allen Teams gross – ungeachtet der Unterschiede oder Gemeinsamkeiten: «Berlin ist weit weg. Wir müssen Schritt für Schritt gehen, und das wird schwierig genug», sagte beispielsweise Madrids ViertelfinalHeld Javier Hernandez. Tatsächlich ist es aber nur noch eine Hürde bis zum Final am 6. Juni in Berlin.

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