Triathlon
Nicola Spirig stellt sich dem «Wahnsinn», erobert mit ihrer Rekordjagd und mit Hilfe eines polnischen Milliardärs die Leinwand

Nach den Olympischen Spielen bereitet sich Nicola Spirig auf einen Ironman unter Laborbedingungen vor. Das Ziel: Weltrekord. Finanziert wird das Projekt von einem polnischen Milliardär. Spirig wird damit auch eine der Hauptdarstellerinnen einer Netflix-Dokumentation.

Simon Häring
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Nicola Spirig wendet sich nach den Olympischen Spielen einem neuen Projekt auf unbekanntem Terrain zu.

Nicola Spirig wendet sich nach den Olympischen Spielen einem neuen Projekt auf unbekanntem Terrain zu.

Keystone

Irgendwann im letzten Frühling erhielt Nicola Spirig einen Anruf, der ihr Leben verändern würde. Am anderen Ende der Leitung war der Australier Chris McCormack, mehrfacher Triathlon-Weltmeister und zweifacher Sieger des Ironman Hawaii.

Seine Vision: ein Weltrekord. Zwei Frauen sollen die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Fahrrad, und den Marathon zum Abschluss in unter 8 Stunden bewältigen, die beiden Männer sogar in unter 7 Stunden. Die bisherigen Rekordmarken liegen bei 8:18:13 Stunden, gehalten von Chrissie Wellington, und bei 7:35:39 Stunden (Jan Frodeno). «Unterbieten sie diese magischen Marken, werden sie zu Rockstars des Ausdauersports», sagt Chris McCormack mit viel Pathos.

Nicola Spirig winkt zunächst ab.

Sie ist bereits 38-jährig, dreifache Mutter und bereitet sich derzeit auf die Olympischen Spiele in Tokio vor, es werden die fünften und letzten für die Zürcherin, die 2012 in London Gold und vier Jahre später in Rio de Janeiro Silber holte.

Einen Wechsel auf die Langdistanz schliesst sie kategorisch aus. Die zusätzlichen Trainingsstunden würden bedeuten, dass sie weniger Zeit für ihre Familie, ihre Stiftung und den von ihr initiierten und von ihrem Mann Reto Hug organisierten Kids Cup, eine Triathlon-Serie für Kinder, hat. Doch die Veranstalter der Rekordjagd ziehen alle Register, umgarnen Spirig. Und überzeugen die Zürcherin letztlich von der Idee.

Spirig sichert ihre Zukunft langfristig ab

Ihr stärkstes Argument: Spirig sichert mit der Teilnahme ihre Zukunft langfristig ab. Mit dem Polen Sebastian Kulczyk und dessen in St. Moritz domizilierten Pho3nix-Stiftung steht ein Mann hinter dem Projekt, dessen Vermögen das Wirtschaftsmagazin «Forbes» auf 1,5 Milliarden schätzt. Die Stiftung wurde erst im Frühjahr 2020 gegründet und verfolge ähnliche Ziele wie Spirigs Stiftung: Kinder für Bewegung und Sport begeistern.Reich geworden ist die Familie, deren Oberhaupt Kulczyks Vater Jan, der 2015 verstorben ist, mit Import- und Exportgeschäften, Brauereien sowie Öl- und Gasexplorationen. Seine Ex-Frau Grazyna lebt im Unterengadin in Tschlin und liess vor zwei Jahren in Susch, ebenfalls im Unterengadin, ein Museum für zeitgenössische Kunst sowie ein Künstlerhaus errichten.

Der Nachwuchs ist Nicola Spirig eine Herzensangelegenheit.

Der Nachwuchs ist Nicola Spirig eine Herzensangelegenheit.

Nadia Schärli / Luzerner Zeitung

Mit dem Rekordversuch sammelt Spirig nicht nur Geld. Vereinbart wurde auch eine Zusammenarbeit mit der Pho3nix-Stiftung, die vorerst auf zwei Jahre beschränkt ist. Die studierte Juristin beaufsichtigt danach Projekte in der Schweiz. Sie bereitet damit das Feld für die Zeit nach der Karriere und sagt: «Ich werde danach wohl nicht gleich meinen Rücktritt erklären. Aber ich habe danach kein grösseres Ziel mehr. Mit der Zusammenarbeit mit Pho3nix können wir den Kids Cup undauch über meine Karriere hinaus weiterführen, in gewissen Bereichen verbesser und vergrössern.» Das Ziel ihres Mannes und ihr sei es, möglichst vielen Kindern ebenfalls positiven Zugang zu sportlicher Betätigung ermöglichen.»

Zwei Frauen und zwei Männer auf Rekordjagd

Bekannt ist, welche Athleten den Rekordversuch wagen sollen: Mit dem Briten Alistair Brownlee und Spirig zwei Triathlon-Olympia-Sieger über die Kurzdistanz, sowie der Weltrekordhalter über die halbe Ironman-Distanz, der Norweger Kristian Blummenfelt, und die Britin Lucy Charles-Barclay, die beim Ironman Hawaii zuletzt drei Mal in Folge den zweiten Platz belegt hatte, und an deren Stelle die Schweizerin Daniela Ryf hätte antreten sollen. Doch die Solothurnerin sagte ab und möchte sich anderen Projekten widmen. Sie strebt den fünften Sieg beim Ironman Hawaii an.

Kristian Blummenfelt, Alistair Brownlee, Lucy Charles-Barcyla und Nicola Spirig werden versuchen, eine Ironman-Weltrekordmarke aufzustellen.

Kristian Blummenfelt, Alistair Brownlee, Lucy Charles-Barcyla und Nicola Spirig werden versuchen, eine Ironman-Weltrekordmarke aufzustellen.

Pho3nix

Stattfinden soll die Rekordjagd im Frühling 2022 in Europa. Wann genau, wo und unter welchen Bedingungen ist aber noch offen, sagt Spirig. Sicher ist aber, dass es ein Wettkampf unter Laborbedingungen wird, ähnlich wie beim Projekt «Sub 2», bei dem der kenianische Weltrekordhalter Eliud Kipchoge auf der Rennstrecke von Monza erstmals einen Marathon unter zwei Stunden laufen sollte, unterstützt von wechselnden Tempomachern. Demnach ist es denkbar, dass die vier Athleten nicht in einem See oder im Meer, sondern in einem Becken schwimmen werden, mit Begleitern, die in einer Keilform vor ihnen schwimmend den Wasserwiderstand verringern. Anders als beim Ironman wird auch das Windschattenfahren erlaubt sein.

Spirig hat erst einen Ironman bestritten – und gewonnen

Pho3nix wird weder Kosten noch Aufwand scheuen. Die Rekordjagd, die unter dem Motto «Defy The Impossible» (trotze dem Unmöglichen) steht, wird dokumentiert und in einer zweiteiligen Serie auf Netflix ausgestrahlt. Die Streamingplattform erreicht inzwischen weltweit knapp 200 Millionen Menschen. Hinter der Inszenierung steht Kalkül. Spirig sagt: «Ziel ist es, Menschen über den Sport hinaus zu inspirieren. Das kann man nur, wenn man das Projekt einer breiten Bevölkerung nahe bringt.» Der Fokus liege auf dem Sport, nicht auf ihrem Privatleben, sagt Spirig. Dennoch wird sie wohl Einblicke gewähren wie nie zuvor. Denn es gehe um Geschichten und Persönlichkeiten. «Aber ich weiss, was ich will und was nicht. Man wird mich also sicher nicht in der Badewanne sehen», sagt Spirig.

2012 gewann Spirig Olympia-Gold, vier Jahre später Silber.

2012 gewann Spirig Olympia-Gold, vier Jahre später Silber.

Keystone/CH Media

Doch vorerst peilt sie im Sommer in Tokio bei ihren fünften Olympischen Spielen ihre dritte Medaille nach Gold 2012 in London und Silber vier Jahre später in Rio de Janeiro an. Sie sagt: «Ich bin mit meinen Gedanken voll und ganz bei Olympia.» Danach widmet sie sich der wohl letzten und grössten Herausforderung ihrer Karriere. Erst einmal hat Spirig bisher einen Ironman bestritten - den sie 2014 in Mexiko in Cozumel in 9:14:07 Stunden gewann. Im gleichen Jahr war sie auch bei den Leichtathletik-Europameisterschaften den Marathon in 2:37:12 Stunden gelaufen.

Das alles ist nicht mit dem zu vergleichen, dem sie sich nun stellt. Nicola Spirig sagt: «Es ist möglich, dass wir scheitern. Aber da versuchen vier Leute etwas Wahnsinniges. Die Botschaft ist: Versucht das Unmögliche.»

Doch wer, wenn nicht Nicola Spirig, soll das Unmögliche möglich machen?

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