Neues Ethikreglement
Jetzt erhält auch der Schweizer Sport sein Strafgesetzbuch. Verfasser Stephan Netzle: «Einige werden sagen, das gehe zu weit»

Der bekannte Sportjurist und ehemalige Ruder-Weltmeister Stephan Netzle hat im Auftrag für Swiss Olympic ein Ethikreglement entworfen. Ab 2022 werden Verfehlungen einheitlich und unabhängig untersucht und bestraft.

Interview von Rainer Sommerhalder
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Stephan Netzle, der ehemalige Ruder-Weltmeister und Richter am Sportgerichtshof in Lausanne, erklärt das neue Ethikreglement im Schweizer Sport.

Stephan Netzle, der ehemalige Ruder-Weltmeister und Richter am Sportgerichtshof in Lausanne, erklärt das neue Ethikreglement im Schweizer Sport.

Keystone

Stephan Netzle war als Ruderer in den Achtzigerjahren Weltmeister. Heute ist der 63-jährige Thurgauer ein weltweit angesehener Sportjurist mit Vergangenheit als Richter am Sportgerichtshof in Lausanne. Im Auftrag von Swiss Olympic hat Netzle das erste Ethikreglement des Schweizer Sports entworfen.

Wieso braucht der Schweizer Sport ein Ethikreglement?

Stephan Netzle: Es gab in der Vergangenheit sowohl international wie auch in der Schweiz in verschiedenen Sportarten nicht tolerierbare Verhaltensweisen, bei denen die Sportverbände bisher nicht so recht wussten, wie sie damit umgehen sollen. Denn die eigentlichen Regeln des Sports sprechen diese Themen nur unzureichend an. Deshalb versucht man nun den Umgang mit Situationen, die aus ethischer Sicht nicht akzeptabel sind, zu regeln. Es besteht ein Konsens, dass solche Themen wie Doping über alle Sportarten hinweg geregelt werden sollen.

Was kann ein solches Reglement regeln – und was nicht?

Seit über 10 Jahren existiert im Schweizer Sport eine Ethikcharta. Sie liefert die ethischen Grundsätze für das Handeln im Sport. Diese muss man nicht neu definieren. Aber was passiert, wenn man diese Charta nicht einhält? Darauf gab es bislang keine einheitliche Antwort. Wie im Strafgesetzbuch haben wir Tatbestände definiert, die inakzeptabel sind und die zukünftig sanktioniert werden. Nicht regeln kann man den Kulturwandel. Das Bewusstsein, dass Verhaltensweisen, die noch vor 20 Jahren nicht hinterfragt wurden, von der Gesellschaft nicht mehr toleriert werden, kann man mit einem Reglement nur bedingt beeinflussen.

Was sind die Herausforderungen bei diesem Werk? Sie selber sagten, man könne Ethik eigentlich gar nicht regulieren!

Die Schwierigkeit ist, die Tatbestände so konkret und griffig zu formulieren, dass man klar sagen kann, was ein Verstoss ist und was nicht. Ethik ist ein Empfinden, was nicht akzeptabel ist. Wir mussten daraus im Reglement eine Schwarz-Weiss-Liste machen. Wir diskutieren in der Vernehmlassung derzeit, ob einzelne Formulierungen zu weit oder zu eng gefasst sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt im Reglement eine Art Auffangklausel für unsportliches Verhalten. Es ist mir bewusst, dass dieser Paragraf Diskussionen auslösen wird. Einige werden sagen, das gehe zu weit. Andererseits sind wir ansonsten gezwungen, in Zukunft vielleicht Dinge zu tolerieren, die wir heute noch nicht konkret definieren können.

Was war Ihnen wichtig bei der Ausarbeitung?

Zentral war uns, die Optik der Athleten einzunehmen. Der Blick auf andere Länder, zum Beispiel in Deutschland, zeigt, dass oft ein Top-Down-Ansatz gewählt wird. Wir haben ganz bewusst überlegt, was genau kann der Betroffene tun und was können wir für ihn tun. Wir wollen keine administrativen Hürden aufbauen, sondern es muss für Sportler so einfach wie möglich sein, sich an die Meldestelle zu wenden. Der Athlet ist in einer solchen Situation oft orientierungslos. Deshalb ist wichtig, dass er bei der Eingangspforte dieser Meldestelle zuerst einmal von unabhängiger Seite beraten wird. Diese Eingangspforte muss sehr kompetent sein.

Zentraler Punkt ist die Sanktionsmöglichkeit. Was droht Athleten, Funktionären oder gar Verbänden künftig?

Wir unterscheiden zwischen Sanktionen von Einzelpersonen und Organisationen. Bei Trainern oder Funktionären reicht der Katalog von einer Verwarnung über eine Busse, eine zeitlich begrenzte Sperre bis hin zum Ausschluss aus einer Sportorganisation. Wenn es um einen Missstand in einem Verband geht, gibt es als erstes eine Empfehlung. Das Missachten der Empfehlung kann sanktioniert werden. Dabei stehen finanzielle Folgen im Vordergrund. Die Zuschüsse an den Verband können reduziert werden.

Entsteht dadurch nicht eine doppelte Rechtsprechung? Es gibt ja auch noch zivile Gerichte?

Da sehe ich keine Probleme. Staatliche Strafen sind aus Laiensicht eher milder. Da gibt es zum Beispiel eine bedingte Strafe von einem Jahr. Das ist im Strafrecht zwar durchaus hart. Aus sportlicher Sicht kann man sich fragen, was sich damit denn ändert. Die Person ist dann ja immer noch da. Im Sport wird ein Dopingsünder auch als Ersttäter für bis zu vier Jahre mit einem Berufsverbot belegt. Eine Gefängnisstrafe ist etwas ganz anderes als ein Berufsverbot. Als Vergleich: Bei einem grobfahrlässigen Verkehrsunfall wird der Verursacher ja auch zusätzlich zur Strafe mit einem Fahrausweisentzug belegt. Das ist keine Doppelbestrafung, sondern sind verschiedene Konsequenzen einer Tat. Und es gibt auch Beispiele, wo der Sport einen Betrüger gar nicht sanktionieren kann.

Nennen Sie ein Beispiel?

Im Dopingfall Aderlass musste der Arzt Mark Schmidt als Konsequenz ins Gefängnis. Aber der Sport hatte keine Handhabe, um ihn ebenfalls zu sanktionieren, weil er gar nicht Teil einer sportlichen Organisation ist.

Würde es helfen, wenn auch Staatanwälte in der Schweiz öfters und stärker in den Sport eingreifen könnten – etwa bei Doping oder Sportbetrug?

Die Entwicklung läuft in diese Richtung. Eine Erweiterung des Sportfördergesetzes mit diesem Ansatz ist aufgegleist. Auch in der Vorbereitung des Ethikreglements sind wir in Verbindung mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Wir möchten diese vermehrt sensibilisieren. Wenn die Meldestelle einer Athletin rät, den Vorfall auch der Polizei zu melden, dann sollte diese wissen, wo genau sie sich melden muss und die Polizei sollte wissen, um was es in solchen Fällen geht. Ich habe den Vorschlag gemacht, wie in Deutschland eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft ins Leben zu rufen. Das ist in der Schweiz mit seinem kantonalen Polizeiwesen ein schwieriges Unterfangen. Nichtsdestotrotz sollte der Sport diese Schnittstellen mit den staatlichen Strafverfolgern stärker ausbauen und pflegen.

Was soll sich im Sport mit der Einführung eines Ethikreglements verändern?

Ich möchte auf eine ganz wichtige Begleitmassnahme hinweisen. Ich habe zu Beginn den Vorwurf gehört, man mache jetzt einfach ein Strafgesetzbuch für den Sport. Ebenso wichtig ist aber in Zukunft, dass sich die Sportverbände im Rahmen der Ausbildung und der Prävention dafür engagieren, wie man sich verhalten soll, damit man eben nicht in Konflikt mit dem Ethikreglement gerät. Es gibt sowohl bei Swiss Olympic wie auch im Baspo in Magglingen Spezialisten im Bereich «Werte», die im Moment daran sind, ein Handbuch zu verfassen, welches hilft, Probleme zu vermeiden, bevor sie entstehen.Ich bin überzeugt, dass sich mit der Priorisierung dieses Themas einiges zum Guten verändern wird.

Ein Fortschritt ist, dass nicht mehr jede Sportart für sich untersucht und richtet?

Es gibt mit der Zentralisierung zwei wichtige Verbesserungen: Die Einheitlichkeit und die Effizienz. Wenn jeder kleine Sportverband eine Ethikkommission einrichten müsste, dann werden diese Organisation mit dem Aufbau einer solchen Struktur stark belastet und oft auch überfordert. Und was Funktionäre eines Sportverbandes nicht können, ist Fälle untersuchen.

Wieso nicht?

Können Sie es? Bei internationalen Verbänden hat es oft ehemalige Polizisten, welche diesen Job machen. Dafür muss man ausgebildet sein. Diese Fähigkeit erwirbt man sich nicht in der Tätigkeit als Sportfunktionär. Selbst eine weltweite Sportorganisation wie das IOC müsste in diesem Bereich viel mehr auf Spezialisten setzen. Vieles bleibt nur deshalb unentdeckt, weil man schlicht zu wenig gut ist bei der Untersuchung. Eine Zentralisierung bringt auch Vorteile bei der Zusammenarbeit mit den staatlichen Strafverfolgern. Eine spezialisierte Untersuchungs-Einheit weiss genau, an wen sie sich bei welchem Thema für Unterstützung wenden muss.

Wie schwierig ist gerade in der oft so etwas wie «geschlossenen Gesellschaft Sport» Unabhängigkeit bei der Sanktionsbehörde zu erreichen?

Wir versuchen mit der Stiftung Swiss Sport Integrity die institutionelle Unabhängigkeit zu gewährleisten. Da wir die Ahndung von Ethikverstössen organisatorisch mit der Dopingbekämpfung in dieselbe Stiftung aufnehmen, hat sich die Welt-Antidopingbehörde gemeldet um sicherzustellen, dass dadurch der Kampf gegen Doping nicht verwässert wird. Wir sind mit der WADA im Gespräch und zeigen auch mit ähnlichen Beispielen im Ausland, z.B. in Kanada oder Finnland, dass dies nicht der Fall ist und im Gegenteil zukünftig mehr Geld in den Kampf gegen Doping fliesst.

Und die Disziplinarkammer?

Die Disziplinarkammer hat sich bisher ausschliesslich mit Dopingfällen befasst und ihre Aufgabe souverän und unabhängig erfüllt. Nun wird ihre Kompetenz auf Ethikfälle ausgedehnt. Sie wird weiterhin unabhängig und ohne jegliche Weisungen des organisierten Sports arbeiten Da habe ich volles Vertrauen. Und zudem ist noch eine Berufung an den CAS vorgesehen. Die Disziplinarkammer war bisher administrativ bei Swiss Olympic angesiedelt und wird dies vorderhand bleiben. Die Entwicklung der Ethikfälle wird zeigen, ob sich hier mittelfristig eine Änderung aufdrängt.

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