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Interview

Neuer norwegischer Langlauf-Chef: «Rollski ist bei uns beliebter als Fussball»

Mit dem 46-jährigen Espen Bjervig steht dem norwegischen Langlaufverband ein neuer Chef vor. Der WM-Silbergewinner von 1999 spricht über die norwegische Dominanz, über gefährlichen Staub im Hotelzimmer – und Dario Colognas Kletterkünste.
Ralf Streule
Espen Bjervig, der Chef der erfolgreichen Norweger: «In Videoanalysen studieren wir oft Dario Colognas Stil.» (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 14. Dezember 2018))

Espen Bjervig, der Chef der erfolgreichen Norweger: «In Videoanalysen studieren wir oft Dario Colognas Stil.» (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (Davos, 14. Dezember 2018))

Espen Bjervig, Ihr Job muss ein langweiliger sein – bei dieser Dominanz des norwegischen Teams.

(lacht)

Wir sind die stärkste Langlaufnation im Weltcup, ja. Aber in meiner Arbeit geht es ja nicht nur um den ­Spitzensport. Sondern darum, dass die Jugend Freude an der Bewegung hat und dass der Breitensport gestärkt wird.

Auch da müssen Sie sich keine ernsthaften Sorgen machen. ­Breitensport Langlauf in Norwegen – das ist doch ein Selbstläufer.

Langlauf ist in der norwegischen Kultur stark verankert. Doch gilt es, aus dieser Situation möglichst viel herauszuholen. Wir wollen zum Beispiel Wettkämpfe für Jugendliche im Land weiter ausbauen – aber nicht hinsichtlich Leistungssport. Alle sollen Rennen laufen. Und auch jene sollen Freude daran haben, die als Letzte ins Ziel kommen. Wo auch dem Letzten zugejubelt wird, hat der Spitzensport eine gute Basis. Das sind norwegische Werte.

Sind diese Werte in einer schnelleren, individualisierten Welt nicht in Gefahr? Verliert der Langlauf in Norwegen nicht an Boden?

Wir Norweger sind in vielerlei Hinsicht etwas altmodisch und mögen das Neue nicht so sehr (lacht). Von daher ist diese Gefahr nicht allzu gross.

Die Vorstellung, dass in Norwegen jedes Kind langlaufen lernt, ist noch immer richtig, oder?

Es ist tatsächlich so, ja. Spätestens im Kindergarten steht jedes norwegische Kind zum ersten Mal auf der Loipe. Aber man stellt sich das von aussen vielleicht doch etwas falsch vor. Wir wohnen nicht alle im verschneiten Wald neben einer Loipe. Ich wuchs im Osten Oslos auf, einer eher schneearmen Gegend. Viele Familien besitzen aber irgendwo im Landesinnern ein kleines Ferienhaus – dort verbringt man viel Zeit mit Familie und Freunden. Und geht langlaufen.

Und der Norweger sitzt stundenlang vor dem Fernseher, um lange Volksläufe zu schauen. Richtig?

Auch da sind wir altmodisch. Auch Rollskirennen im Sommer haben ein grosses Publikum. Solche Wettkämpfe sind im Fernsehen beliebter als Fussballspiele.

Länder wie Schweden haben ähnliche Voraussetzungen. Was macht der Langlauf-Erzfeind falsch?

Vielleicht ist Langlauf bei uns stärker verankert. Von den gut fünf Millionen Norwegern betreiben 200 000 aktiv im Club Langlauf. Und wir investieren schon seit den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer viel in Trainingszentren, in ganzheitliche, systematische und sportübergreifende Förderung.

Seit den Dopingfällen von Therese Johaug und Johann Martin Sundby leidet der Ruf der Langlaufnation. Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr?

Die Medien und das Volk sind nicht zimperlich mit der Sache umgegangen. Es hat das Land im Herzen getroffen. Aber die Strafen sind abgesessen, man gibt den Läufern wieder Kredit.

Russische Sportler mit Doping­vergangenheit sind lebenslänglich gebrandmarkt. Bei Johaug und Sundby scheint das anders.

Auch sie mussten sich zurückkämpfen. Johaug wird bewundert für ihre Trainingsdisziplin während der Sperre. Und ihre Dominanz ist so erdrückend, dass viele sich sagen: Sie hat es nicht nötig, es war ein Betriebsunfall.

Thema ist auch das Asthma-Mittel Salbutamol. 2016 kam aus, dass es der norwegische Verband flächen­deckend an alle Profis verabreicht hat. Und an die Olympischen Spiele 2018 nahm man grosse Mengen des Asthmamittels mit. Auch wenn es unter gewissen Grenzwerten erlaubt ist: Die Welt, vor allem Schweden, lachte über den «Asthma-Express».

Seit den 1990er-Jahren schon legen wir einen medizinischen Fokus auf die ­Lungenfunktion, auf die Atmung. Viele Spitzenläufer haben Leistungsasthma, auch Athleten anderer Nationen nehmen das Mittel ein. Eine leistungssteigernde Wirkung ist nicht nachgewiesen.

Norwegen betreibt viel Aufwand. Ist es nicht übertrieben, aus Angst vor Keimen vor den Olympischen ­Spielen in Pyeongchang für viel Geld ganze Hotelteile zu sanieren?

Dabei geht es nicht in erster Linie um Krankheitserreger, sondern um Staub, der der Lunge nicht guttut. Oft wechseln wir in Hotels Vorhänge oder Teppiche aus. In Südkorea bauten wir mehr um.

Finanziell sind dem Verband scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Das stimmt so nicht. Man muss sich bewusst sein, dass wir vom Staat keinen Cent erhalten. Alles läuft über Sponsoring (deutet auf seine Jacke). Uns hilft das Interesse und die Solidarität im Land.

Was die Skipräparation angeht, leistet sich Norwegen viel mehr als andere Länder. Hat Norwegen in Sachen Material deutliche Vorteile?

Was das Know-How und das Material angeht, sind wir auf demselben Stand wie andere Nationen. Was wohl einen Unterschied macht: Weil mehr norwegische Athleten in der Weltspitze vertreten sind, sind auch mehr Serviceleute und Materialexperten vor Ort. Man tauscht sich aus, hat mehr Köpfe, die mitdenken, kann sich so oft auch schneller auf neue Bedingungen einstellen.

Einst hiess es, Norwegen habe ein Interesse daran, Trainings- oder Materialwissen weiterzugeben, damit der Weltcup nicht langweilig werde. Wirklich wahr?

Wir sind im Austausch mit anderen Verbänden, stellen zum Beispiel unser nationales Trainingsprogramm vor. Nicht, um besiegt zu werden, sondern um den Langlauf weiterzubringen.

Was können die Norweger zum Beispiel von Dario Cologna lernen?

An ihm beeindruckt, wie ausgezeichnet er auf den Tag X hin planen kann. Und wie er, ohne interne Konkurrenz, sich zu Höchstleistungen treiben kann. Wir haben im Team stets Konkurrenzkampf. Schon Anfang Saison geht es um WM-Ausscheidungen, keiner schont sich. Das ist Vor- und Nachteil zugleich: Wir pushen uns zu Höchstleistungen – verpuffen so aber viel Energie. Da hat Cologna andere Voraussetzungen. Wir staunen aber auch in anderer Hinsicht über ihn.

Inwiefern?

In Videoanalysen studieren wir oft seinen Laufstil. Die Technik im Aufstieg ist grossartig. Auch wir haben gute Kletterer, aber die sind alle so gross (hält die Hand etwa einen Meter über den Boden).Cologna ist ein mittelgrosser, kräftiger Athlet – und dennoch steigt er wie ein Leichtgewicht. Das ist beeindruckend.

Colognas grosser norwegischer Antipode war Petter Northug. Nun ist er zurückgetreten. Sind Sie enttäuscht – oder auch erleichtert?

Erleichtert? Auf keinen Fall. Natürlich, er hat sich mit vielen angelegt, auch mit dem Verband zuweilen, er nahm kein Blatt vor den Mund. Aber ich bedaure sehr, dass er weg ist. Auch wenn es für ihn mit den ausbleibenden Resultaten sicher der richtige Entscheid war.

Wie reagierte man in Norwegen auf seinen Rücktritt?

Northug polarisierte. Es gibt ja den Rat, man soll an einem Familienfest nicht über Politik reden. In Norwegen sagen wir: Sprecht nicht über Northug! Der Krach wäre programmiert.

Die Lager sind gleich gross?

Nein, es gibt schon mehr Anhänger. Northug ist einer der grössten Sportler aller Zeiten. Und ein Entertainer.

Welcher Athlet kann Northug im Team ersetzen?

Zumindest was den Unterhaltungswert angeht, wird er unerreicht bleiben.

Zur Person

Der diplomierte Volkswirtschafter Espen Bjervig hat im Sommer das Amt des norwegischen Langlaufdirektors angenommen, des «langrennssjef». Der 46-Jährige war einst selber erfolgreicher Langläufer. 1999 holte er zusammen mit Erling Jevne, Björn Dählie und Thomas Alsgaard WM-Silber im Staffelwettbewerb. Im selben Jahr gewann er ein Weltcuprennen. Heute steht er «nur noch selten» auf den Ski, will heissen: «Zweimal die Woche.» Bjervig ist verheiratet und hat drei Kinder – keines der drei werde aber wohl in seine Fussstapfen treten, was Langlauf- Profisport anbelangt, so Bjervig. (rst)

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