Wie der gebürtige Rheintaler Patrick Bruggmann versuchen will, den Schweizer Fussball zu entwickeln: «Diskutieren, immer wieder diskutieren»

Der gebürtige Rheintaler Patrick Bruggmann übernimmt im Juli eines der höchsten Ämter im Schweizer Fussball. Sein Vater Beni gilt als Pionier im Kinderfussball.

Patricia Loher
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Der Fussball und seine Entwicklung haben Patrick Bruggmann von Kindsbeinen an begleitet.

Der Fussball und seine Entwicklung haben Patrick Bruggmann von Kindsbeinen an begleitet.

Bild: PD

Hie und da wird Patrick Bruggmann als Berner bezeichnet. «Ich bin ja auch schon lange weg», sagt der neue Technische Direktor des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) und lacht.

Doch der Dialekt ist fast noch so breit wie früher, denn seine Wurzeln hat der 46-Jährige in Widnau. Die Eltern Esther und Beni Bruggmann, ein ehemaliger SFV-Instruktor, leben noch immer im Rheintaler Dorf.

Ab Juli ist Patrick Bruggmann Nachfolger von Laurent Prince als Technischer Direktor beim SFV. Es ist eines der höchsten Ämter im Schweizer Fussball. Bruggmann unterstehen die Ressorts Nachwuchsförderung, Breiten- und Kinderfussball, Schiedsrichter und Trainerausbildung. Er wird also von der Basis her steuern, in welche Richtung sich der Schweizer Fussball entwickeln soll.

Sorgen und Ängste in der Coronakrise

Bruggmann wird in der Coronakrise auch mit den Sorgen und Ängsten von Clubs und Regionalverbänden konfrontiert sein. Eine Umfrage einer Ostschweizer Beratungsfirma hat kürzlich ergeben, dass sich Vereine aus der Promotion League und 1. Liga vom SFV mehr Unterstützung erhofft hatten in diesen ungewissen Zeiten, die jeden Fussballclub in der Schweiz in seiner Existenz bedrohen.

«Wer den Fussball weiterbringen will, muss sich selber weiterentwickeln und offen sein für neue Erkenntnisse und Entwicklungstendenzen und diese dynamisch angehen», sagt Bruggmann. Der 46-Jährige will über Fussball diskutieren – immer und immer wieder. Und weiter:

«Ohne an Politisches oder Juristisches zu denken. Es soll keine Grenzen geben.»

Patrick Bruggmann hat beim FC Widnau die Juniorenstufen durchlaufen und dort als 15-jähriger in der 3. Liga debütiert. Doch wegen des Studiums der Sportwissenschaften zog er vor 26 Jahren in Richtung Bern.

Er war als Oberstufenlehrer tätig und später beim Kanton Bern für «Jugend und Sport». Ab 2008 erarbeitete sich der gebürtige Rheintaler zuerst bei den Young Boys und dann bei Servette leitende Funktionen im Nachwuchs, ehe er nach einem Abstecher zu Swiss Olympic beim Regionalverband Bern/Jura Technischer Leiter wurde.

Der Vater war ein Pionier im Kinderfussball

Der Fussball und seine Entwicklung haben Patrick Bruggmann von Kindsbeinen an begleitet. Der Vater, früher Spieler, Trainer und Instruktor, gilt als Pionier im Kinderfussball. Er verpasste der Ausbildung für die Jüngsten vor 30 Jahren eine neue Ausrichtung.

Beni Bruggmann schrieb mit zwei Kollegen Lehrbücher, die in der Schweiz jedes fussballbegeisterte Kind kannte, in fünf Sprachen übersetzt und weltweit 170'000-mal verkauft wurden. Der Sohn war oft dabei, wenn der Vater Vorträge hielt, auch in Juniorenlagern hat sich das Feuer für diesen Sport vom Vater auf den Sohn übertragen. Patrick Bruggmann sagt:

«Natürlich hat mich mein Vater sehr geprägt, ich habe die Leidenschaft für diesen Sport in die Wiege gelegt bekommen.»

Und so erstaunt es nicht, dass auch dem Sohn der Kinderfussball am Herzen liegt. Also die Ausbildung von Spielern und Trainern an der Basis, die Philosophie, dass vor allem die Spielfreude im Zentrum stehen soll. Vater Beni sagte einst: «Der Fussball der Erwachsenen wurde einfach auf die Kinder adaptiert. Das war nicht kindgerecht. Wir gingen vom Kind aus und davon, dass ein Kind spielen und nicht technische und taktische Übungen absolvieren will.»

Einer der Lehrmeister von Denis Zakaria

Patrick Bruggmann weiss um alle Facetten dieses Sports. Der dreifache Vater – «ohne die Unterstützung der Familie wäre so eine Karriere nicht möglich» – kennt die Breite ebenso gut wie die Spitze. Im Nachwuchs von Servette begleitete er als Technischer Leiter Junioren wie den heutigen Schweizer Internationalen Denis Zakaria oder die St.Gallen-Spieler Jérémy Guillemenot und Lorenzo Gonzalez auf dem Weg zum Profi.

Der Schweizer Internationale Denis Zakaria wurde bei Servette ausgebildet.

Der Schweizer Internationale Denis Zakaria wurde bei Servette ausgebildet.

Zurab Kurtsikidze/EPA

Die Nachwuchsabteilung Servettes hat einen hervorragenden Ruf und stellte in früheren Jahren die meisten Junioren-Internationalen des Landes. Einer der Höhepunkte für die Genfer war die Teilnahme des U18-Teams an der Youth League, der Champions League für die Jugend, wo Guillemenot gegen Villarreal zwei Tore erzielte und damit den FC Barcelona auf sich aufmerksam machte.

Den Spielern etwas auf den Weg mitgeben

Es gehörte zu Bruggmanns Aufgaben, sich mit Spielern und Familien zusammenzusetzen, um Karrieren zu planen. Um abzuwägen: Was spricht für einen Verbleib in der Schweiz, was für einen Wechsel schon so früh ins Ausland?

St.Gallens Jérémy Guillemenot (rechts(

St.Gallens Jérémy Guillemenot (rechts(

Andy Müller/Freshfocus

Kürzlich hat er sich wieder mit Guillemenot unterhalten, sie trafen sich nach einem Spiel der St.Galler bei den Young Boys. Bruggmann, der auch Assistenztrainer der Schweizer U20-Nationalmannschaft ist, sagt:

«Die intensiven Momente im Fussball verbinden. Es ist eine Genugtuung, wenn man sieht, dass man den jungen Spielern etwas mitgegeben hat auf ihren Weg.»

Er war lange hin- und hergerissen: «Soll ich mich auf eine Trainerkarriere konzentrieren? Oder besser auf ein Amt als Technischer Leiter?» Er hat sich entschieden und ist sich bewusst: Bald wird er weniger auf dem Platz stehen, und wohl mehr am Schreibtisch versuchen, den Fussball trotz der Coronakrise in eine gute Zukunft zu führen. «Wir wollen als Verband sicht- und spürbar sein.»