NEUANFANG: Das Herz eines Schalkers

Ein Mann, ein Verein – Gerald Asamoah und der FC Schalke sind untrennbar verbunden. Der ehemalige Fussballprofi geniesst im Ruhrpott noch immer ein hohes Ansehen. Trotz seiner Bekanntheit musste er nach dem Karriereende sein Leben neu ordnen. Heute ist der 38-Jährige dank eines Studienabschlusses an der Universität St. Gallen Manager in einem der erfolgreichsten Nachwuchszentren Europas.

Alexandra Pavlovic, Gelsenkirchen
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An der Universität St.Gallen hat sich Gerald Asamoah zum Sportmanager ausbilden lassen. (Bild: Michel Canonica)

An der Universität St.Gallen hat sich Gerald Asamoah zum Sportmanager ausbilden lassen. (Bild: Michel Canonica)

Gerald Asamoah? Legende! Vorbild! Einer von uns! Wer sich in Gelsenkirchen nach dem ehemaligen Fussballprofi erkundigt, erhält immer wieder dieselben Antworten. Der 38-Jährige hat auf Schalke einen hohen Stellenwert. Im Ruhrgebiet muss man sich diesen allerdings hart erarbeiten. Asamoah hat es geschafft, weil er von ganz unten an die Spitze und bis ins deutsche Nationalteam gekommen ist. Junge Talente sehen in ihm ihr Vorbild. Fans bezeichnen ihn wegen seiner unkomplizierten Art als einen von ihnen. «Asa», wie sie Asamoah nennen, ist Kult auf Schalke. Der Fussball hat in der 260'000 Einwohner zählenden Stadt eine wichtige soziale und integrative Funktion. Der FC Schalke 04 gehörte nicht nur zu den Gründungsmitgliedern der Fussball-Bundesliga, sondern ist auch ein bekannter Ausbildungsverein.

Obwohl Asamoah im Sommer 2015 seine Karriere beendet hat, ist das Interesse an seiner Person nicht abgeflaut. Im Gegenteil. Der Mann mit dem strahlenden Lächeln löst noch immer einen Hype aus, wo immer er auch auftaucht. Was ihn selber überrascht. «Es ist schön, eine derartige Wertschätzung erfahren zu dürfen», sagt Asamoah. Er habe während seiner aktiven Zeit nie darüber nachgedacht, einmal Legendenstatus zu erreichen. Sein einziges Ziel war es, Fussball zu spielen und die Leute im Stadion glücklich zu machen. Bis vor zwei Jahren stand der gebürtige Ghanaer täglich auf dem Rasen. Umkleidekabine, Trainings und Fussballspiele bestimmten seinen Alltag. Heute ist das anders. Sitzungen, Gespräche, Spielerbeobachtungen oder öffentliche Anlässe dominieren nun sein Leben. Asamoah ist nicht mehr Fussballer, sondern Manager der Schalker U23-Mannschaft. Einem Team aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FC Schalke, das sich Knappenschmiede nennt. Dass er selber einmal – wie sein Ziehvater, der frühere Schalke-Manager Rudi Assauer – ein Team managen würde, hätte er nie gedacht. «Ich wollte nach meinem Karrierenende weiterhin etwas mit Fussball machen», sagt Asamoah. Er sah sich aber eher als Trainer. «Ich und Manager? – Für mich unvorstellbar.» Doch es kam anders.

Im Rückblick eine «naive Denkweise»
«Als junger Mann denkst du nicht darüber nach, was du in ferner Zukunft nach der Karriere machen möchtest», sagt Asamoah. «Fussballer leben in den Tag hinein. Es interessiert meist nicht das Morgen und Übermorgen, sondern das Hier und Heute.» Trainings, gutes Essen, genügend Schlaf und die Vorbereitung auf das nächste Spiel bestimmen den Alltag der meisten. Diese Denkweise sei im Rückblick etwas naiv gewesen, sagt der frühere Profi. «Auch ich wusste nicht konkret, was ich später einmal machen möchte – das einzig wichtige war, dass es etwas mit Fussball zu tun hat.» Er hatte das Glück, gute Freunde und einen umsichtigen Berater zu haben. Noch während seiner Zeit als Aktiver machte er sein Trainerdiplom und wurde vom FC Schalke fest als Vereinsbotschafter engagiert. «Diese Möglichkeit bekommt nicht jeder in seiner Laufbahn, das ist mir bewusst.» Doch er verspürte den Drang nach mehr.

So kam es, dass ihm die Clubverantwortlichen nach seinem Karriereende ein vereinseigenes Studienangebot in Kooperation mit der Universität St.Gallen unterbreiteten. In der Ostschweiz können frühere Profisportler, Manager und Unternehmer ein Sportmanagement-Studium absolvieren. Kostenpunkt: 14950 Euro. Aufwand: 18 Präsenztage. «Ich wusste zunächst nicht, was ich sagen sollte und habe mir das Ganze einmal angehört», sagt er. Eine Universität war für ihn ungewohntes Terrain. Er traute sich nicht zu, mithalten zu können. «Da sind doch bestimmt alles bereits studierte Leute. Was willst du da, Asa?», habe er sich gefragt. Er hatte manchmal Angst, zu versagen. Doch «Asa» ist keiner, der einfach aufgibt.

Im vergangenen März startete der Studiengang in St. Gallen. Unter den 30 Studenten befand sich auch der ehemalige Schalker Profi. Verbrachten die Teilnehmer zunächst einige Tage in St.Gallen, ging es im Mai nach Gelsenkirchen und dann im Juli nochmals in die Ostschweiz. Viel von St.Gallen hat der 38-Jährige nicht gesehen. Lediglich zum Nachtessen war die Klasse in der Stadt. Für mehr hat die Zeit nicht gereicht. «Wir sind nun im Endspurt. Nur noch eine Präsentation und das Schreiben der Abschlussarbeit, dann ist es geschafft», sagt er im Juli vor dem erfolgreichen Abschluss. Die Freude war ihm anzusehen. «Der Anfang war hart, aber ich bin stolz, dass ich es durchgezogen habe.»

Hotelbesitzer und Fussballmanager
Als Student musste der ehemalige Fussballer in eine andere Rolle schlüpfen. Auf einmal sass er acht bis zwölf Stunden in einem Schulzimmer und beschäftigte sich mit Fächern wie Sportmarketing, Unternehmertum oder Führung von Sportunternehmen. Themen, mit denen er während seiner Zeit als Sportler kaum in Berührung gekommen war. Obwohl auch andere ehemalige Profisportler den Lehrgang absolvierten, konnte er sich nicht vorstellen, was genau auf ihn zukommen würde. Er hatte Respekt vor der neuen Aufgabe. Doch seine Sorge sei unbegründet gewesen, stellt er heute fest. «Ich habe mich nach anfänglichen Startschwierigkeiten schnell zurechtgefunden.» Besonders bereichernd war der Austausch mit seinen Mitstudenten und Dozenten. «Man entdeckt neue Qualitäten an sich und lernt, was es heisst, ein Unternehmen oder Team zu führen.» Zugute komme ihm das nicht nur für seine künftige Tätigkeit als Manager, sondern auch als Hotelbesitzer. «Ich habe eines in Ghana und verstehe nun auch besser, wie ich gewisse Dinge anpacken muss.»

Asamoah ist keiner, der auf der faulen Haut liegt. Als Perfektionist lehnt er sich nie zurück, sondern sucht stets neue Herausforderungen. «Ich versuche, jede Hürde zu meistern.» Solche gab es für den früheren Mittelfeldspieler einige. 1990 etwa, als er mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, wo seine Eltern seit 1980 lebten. Aufgewachsen war Asamoah in Ghana bei seiner Grossmutter und hatte ein Internat besucht. In Deutschland absolvierte er zunächst die Hauptschule, ehe er eine Ausbildung als Hotelfachmann und Koch begann. Doch er spielte lieber mit dem runden Leder. Für ihn gab es nur den Fussball, und im Innern wusste er schon immer, dass er Profi werden würde. Im Juni 2000 unterschrieb Asamoah mit 18 Jahren seinen ersten Profivertrag bei Hannover. Ein Jahr blieb er, danach wollte ihn Schalke. Seither ist er – mit zwei Jahren Unterbruch – dem Ruhrpott treu geblieben.

So kennt man Asamoah, stets gut gelaunt und immer am Lachen. (Bild: Michel Canonica)
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Vom Fussballer zum Studenten. Gerald Asamoah an der HSG. (Bild: Michel Canonica)
Die Universität war neues Terrain für Asamoah. Er hatte zu Beginn manchmal Angst zu versagen. (Bild: Michel Canonica)
«Als junger Mann denkst du nicht darüber nach, was du in ferner Zukunft nach der Karriere machen möchtest», sagt Asamoah (Bild: Michel Canonica)
Asamoahs Traum von einer Profikarriere drohte mit 20 Jahren zu platzen. Ärzte stellten bei einem Routinecheck einen Herzfehler fest. (Bild: Michel Canonica)
Gerald Asamoah ist ein Perfektionist. Er lehnt sich nie zurück, sondern sucht stets neue Herausforderungen. (Bild: Michel Canonica)
Geht neue Wege: An der Universität St.Gallen hat sich der ehemalige Schalke Spieler zum Sportmanager ausbilden lassen. (Bild: Michel Canonica)
Der ehemalige Bundesliga-Profi Gerald Asamoah ist Kult auf Schalke. Dass er einmal Legendenstatus erreichen würde, hätte er nie gedacht. (Bild: Michel Canonica)
Als bekennender Protestant glaubt Asamoah daran, dass Gott ihm hilft. (Bild: Michel Canonica)

So kennt man Asamoah, stets gut gelaunt und immer am Lachen. (Bild: Michel Canonica)



Schockdiagnose mit 20 Jahren
Doch sein Traum von einer Profikarriere drohte mit 20 Jahren zu platzen. Ärzte stellten bei einem Routinecheck einen Herzfehler fest: Hypertrophe nicht-obstruktive Kardiomyopathie. Eine Verdickung der Herzwände. Man sagte ihm, wenn er weiter Fussball spiele, könnte er eines Tages tot umfallen. Exitus durch plötzlichen Herztod. Für den jungen Spieler war das ein Schock. Doch Schalke gab sein Talent nicht so leicht auf und suchte nach einem Spezialisten. Eine Operation rettete Asamoahs Karriere; er stand wieder auf dem Rasen und in der höchsten deutschen Liga. Fussball spielen konnte er fortan ohne Probleme. Nur: Bei jedem Spiel musste ein Defibrillator in Reichweite sein.

Sein Ehrgeiz und der Glaube an sich selber haben Asamoah weit gebracht. Die Bilanz: 323 Bundesliga-Spiele, 50 Tore, zweimaliger Gewinner des deutschen Cups und viermal Bundesliga-Zweiter. Der Schalker war zudem der erste gebürtige schwarze Afrikaner, der für die Deutsche Nationalmannschaft auflaufen durfte. Als damals 20-Jähriger Nationalspieler hatte er nicht nur das Ziel, Tore zu erzielen, sondern auch, den Rassismus zu bekämpfen. Er wollte die Leute wachrütteln, wie er sagt. Wegen seiner Hautfarbe hatten ihn einmal während eines Spiels die gegnerischen Fans mit Bananen beworfen. Den Rassismus besiegt hat er zwar nicht, aber dunkelhäutige Spieler sind heute weniger oft rassistischen Beleidigungen ausgesetzt. Asamoah hat bewiesen, dass man mit Verzicht, Ehrgeiz und Fleiss Träume verwirklichen kann. Über Ausrutscher oder Skandale ist in den Medienarchiven kaum etwas zu finden. Hat der 38-Jährige in seiner Karriere alles richtig gemacht? «Mit meinem heutigen Wissen würde ich gewisse Dinge vielleicht anders machen. Dennoch bereue ich keine meiner Entscheidung», sagt Asamoah. Wenn er von seinen Erlebnissen erzählt, erwähnt er auch immer die Fans. Diese dürfe ein Sportler nie vergessen. «Sie haben mich schliesslich zu dem gemacht, der er heute bin.» Er beispielsweise nahm sich für ein Foto oder Autogramm immer Zeit – ob er privat oder mit dem Verein unterwegs war. «Die Fans sind nicht dumm, die merken sofort, wer ehrlich ist und wer nicht.» Er sei daher überzeugt, dass sie verstehen, dass auch Fussballer normale Menschen seien, die nicht nur zu Hause rumsitzen, sondern nach einem Spiel auch einmal gerne ausgehen.

«Alles ging sehr schnell»
Dass sich Asamoah alles selber erarbeitet hat, spürt man aus seinen Worten heraus. Er ist keiner, der damit angeben muss, wie hart sein Weg zum Profi war. Wenn er sich ein Ziel setzt, tut er alles dafür, um es zu erreichen. Eines davon war das Bestehen des HSG-Lehrgangs. Er wollte nicht einfach nach St. Gallen kommen, weil es ein gutes Angebot war und in seinen Lebenslauf passte. Er wollte kommen, damit er von anderen profitieren und das Gelernte nutzen kann. Inzwischen hat er es bereits vom Studenten zum Manager geschafft. «Alles ging auf einmal sehr schnell», sagt Asamoah. «Ich bin nun für die U23-Mannschaft tätig.» Braucht aber eine solche Mannschaft ihn? Und ist ein ehemaliger Fussballprofi der Richtige für den Job? «Mein Abschluss sagt ja noch nichts über meine Qualitäten als Manager aus», gibt Asamoah zu. Er müsse sich zuerst einmal beweisen. «Ob ich der Richtige für den Job bin, wird sich in der Zukunft zeigen.» Sein Ziel sei es, das Team aus der unteren Tabellenhälfte zu führen. Danach schaue er weiter. «Die U23 ist für Schalke enorm wichtig», sagt er. Die Absolventen der Knappenschmiede seien sehr gefragt. «Dass wir hier gute Arbeit leisten, beweisen Eigengewächse wie Julian Draxler oder Leroy Sane.»

Wenn es Neider gebe, die sagten, er habe den Job nur wegen seines Namens erhalten, beschäftige ihn das nicht. Im Gegenteil: «Solche Aussagen spornen mich noch mehr an, alles zu geben und das Beste aus mir und dem Team herauszuholen.» Was das heisst, wurde kurz nach seinem Amtsantritt sichtbar. Asamoah verstärkte die Mannschaft mit vier neuen Spielern und holt auch einen neuen Trainer. Zuvor hatte er sich Zeit genommen und mit jedem Mitarbeiter und allen Spielern gesprochen. «Schalke hat mein Leben geprägt. Hier war jeder für mich da. Dieses Gefühl will ich zurückgeben, und als Manager habe ich nun die Möglichkeit dazu», sagt Asamoah. Er will nicht ein Funktionär sein, der im Büro sitzt und sich ab und zu nach «seinen Jungs» erkundigt. Er will mittendrin statt nur dabei sein. Bei gewissen Entscheidungen habe ihm das Studium in St. Gallen geholfen. «Dort habe ich gelernt, wie ich mit meinen Mitarbeitern umgehen muss, damit alle an einem Strang ziehen.» Man müsse jeden Einzelnen schätzen. «Auch die Arbeit einer Putzfrau ist wichtig. Auch sie trägt Wesentliches zum Unternehmenserfolg bei.»

Wer Respekt gibt, bekommt diesen zurück, ist Asamoah überzeugt. Till Beckmann, administrativer Leiter der Knappenschmiede, arbeitet regelmässig mit ihm zusammen und sagt, dass der Umgang vom ersten Tag an gelöst war. «Asamoah ist trotz Kultstatus noch immer der gleiche», sagt Beckmann. Für ihn zählt, dass Schalke mit dem 38-Jährigen den bestmöglichen Mann engagieren konnte. «Asa weiss, wo die Spieler hin wollen und wo die Spieler hin müssen. Aber vor allem weiss er, wie gross die Anforderungen sind, um die Ziele zu erreichen.» Gibt es tatsächlich nichts Negatives über den früheren Profi zu berichten? Beckmann sagt: «Sein einziger Nachteil ist, dass er Berufsanfänger ist.» Das mache er aber durch seine Erfahrungen wett.

Asamoah würde nie einen Spieler hinhalten
Ähnlich positiv tönt es von der Team-Psychologin Theresa Holst und dem Physiotherapeuten Marc Magnier. Ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint – sie sind bei jedem Training dabei. So auch Asamoah. «Mit seiner Präsenz zeigt er nicht nur uns, wie wichtig wir ihm sind, sondern auch den Spielern», sagt Magnier. Er könnte sich als Manager zurücklehnen und auf Ergebnisse warten. Doch so einer ist Asamoah nicht. «Er ist trotz seines Erfolges ein ehrlicher Typ mit einem grossen Herzen. Starallüren kennt der Kerl nicht.» Das bestätigt auch einer seiner Spieler, Tjorben Uphoff. Der 22-Jährige will eines Tages ebenso erfolgreich sein wie sein Team-Manager es war. «Er ist für uns nicht nur ein Vorbild, sondern auch der lebende Beweis, was man im Profisport alles erreichen kann.» Als ehemaliger Spieler wisse er, wie reagiert werden müsse, wenn es einmal nicht so laufe. «Er spricht die Dinge direkt an, ohne Wenn und Aber. Und er ist vor allem immer ehrlich zu uns», sagt Uphoff. Darum werde er von der Mannschaft so geschätzt. In der Tat würde er nie einen jungen Spieler hinhalten, wenn es ihm nicht reicht. Was aber, wenn die Eltern das Gespräch suchen oder gar der Berater Geld anbietet, damit sein Schützling spielt? «Von so etwas habe ich noch nie gehört.»

Asamoah hat die Hochs und Tiefs eines Fussballerlebens mitgemacht. Nach der Profikarriere werden noch viele weitere Erlebnisse auf ihn zukommen. Um das alles bewältigen zu können, braucht es einen starken Rückhalt. Für Asamoah waren dies seine Familie, sein Ziehvater Rudi Assauer, den er stets anrufen und um Rat fragen konnte, und seine Frau Linda. Sie ist es, die sich um die drei Kinder kümmert und dem 38-Jährigen den Rücken frei hält. Kraft gibt Asamoah aber auch der Glaube. Als bekennender Protestant glaubt er daran, dass Gott ihm hilft. Als Profi ging der gebürtige Afrikaner einen Weg steil nach oben. Dies will er nun auch als Manager tun.