Kolumne

Nekrologe statt News

Klaus Zaugg schreibt in seiner Kolumne über den Sportjournalismus in Zeiten der Coronakrise.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg

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Worüber schreiben, wenn der Sport in Zeiten der Virus-Krise stillsteht? Das Problem stellt sich erst recht für die Sportredaktion der hoch angesehenen nationalen Nachrichten-Agentur Keystone-SDA. In normalen Zeiten ist sie das grosse Bienenhaus der Medienwelt. Aus aller Welt tragen fleissige Journalistinnen und Journalisten ohne Unterlass den Nektar der Neuigkeiten herbei, der im grossen «Bienenhaus» am Hauptsitz in Bern zum Nachrichten-Honig für die werte Kundschaft der druckenden und sendenden Medien verarbeitet wird.

Nun ist die Virus-Krise auch über die Sportwelt gekommen. Die fleissigen Bienen finden bald keine Nahrung mehr und sind sowieso dazu angehalten, nicht mehr herumzufliegen. Noch gibt es Meldungen über Absagen, Verschiebungen und Klagen der verschiedenen Verbände, Klubs und Veranstalter zu verbreiten. Aber bald ist abgesagt, verschoben und beklagt, was abgesagt, verschoben und beklagt werden kann. Und dann?

Sandro Mühlebach ist der umsichtige Chefredaktor der Sportredaktion bei Keystone-SDA. Er hat im Rund-E-Mail an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine «To-do-Liste» in Zeiten der versiegenden Sport-Neuigkeiten verschickt. Auf jeden ausgefallenen Hockeyspieltag liefert seine Redaktion beispielsweise eine Nostalgie-Geschichte aus vergangenen Playoffzeiten. Und angeregt wird das Schreiben von…Nekrologen. Also die Darstellung der Biografie und die Würdigung des Lebenswerkes eines Verstorbenen. In diesem Falle geht es um das Verfassen von Nekrologen auf Vorrat von noch lebenden Sportgrössen. Damit die Nekrologe zur Hand sind, wenn es so weit ist.

Was auf den ersten Blick ein wenig makaber scheint, ist auf den zweiten Blick ein Fingerzeig, der uns in Erinnerung ruft, was in einer von jugendlichen Helden geprägten Sportwelt gerne verdrängt und vergessen wird: Haltet ein, jedes Leben ist endlich. Gleich dem Ordensgruss der Trappisten: «Memento Mori!» («Gedenke des Todes!»). Einen Augenblick innezuhalten schadet wahrlich nicht. Und irgendwie bin ich erleichtert, dass mir Sandro Mühlebach versichert hat, über meine Wenigkeit sei kein Nekrolog geplant.