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NATIONALTEAM: Das Pfeifkonzert hallt nach

Der Unmut des Schweizer Publikums gegen Haris Seferovic ist auch am Tag danach das dominierende Medienthema. Dabei hätte doch die Vorbereitung der WM bereits begonnen.
Christian Brägger
Nationaltrainer Vladimir Petkovic (links) und Verbandschef Peter Gilliéron planen bereits die WM in Russland. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Nationaltrainer Vladimir Petkovic (links) und Verbandschef Peter Gilliéron planen bereits die WM in Russland. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Christian Brägger

Die Pfiffe gegen Haris Seferovic sind ein Ärgernis. Laut Yann Sommer «ein No-Go, unverständlich». Dem Schweizer Goalie fehlen in der Nacht des Erfolgs die Worte, Breel Embolo ist «fassungslos». Und Verbandschef Peter Gilliéron sagt später, «die Schweizer Zuschauer brauchen wahrscheinlich etwas Erziehung. Aber ich weiss nicht, wie.»

Im Grunde lohnte es sich nicht, über das Thema weiter zu reden. Die vierte WM-Teilnahme in Serie hat den Raum verdient, nicht ein Misstritt des Publikums. Doch etwas Wunderbares ereignete sich auf dem Platz in den Momenten nach dem Schlusspfiff, als Seferovic nicht wusste, ob er vor Seelenschmerz weinen oder mit den Teamgefährten jubeln soll. Der verletzte Valon Behrami umarmte den Stürmer, später Embolo, irgendwann der Captain Stephan Lichtsteiner. Oder Fabian Schär. Jung und alt, Routiniers und solche, die es einmal werden, vereint mit einem vermeintlichen Sündenbock. Mehr Teamgeist geht nicht, es ist einer der Verdienste von Trainer Vladimir Petkovic und eine Waffe, mit der diese Schweizer ins WM-Turnier ziehen werden.

Rückblick: Die Ausgangslage als Hypothek

Der Fussball vergisst bekanntlich schnell, schon ein paar Tage später besteht meist die Möglichkeit, Resultate und Ereignisse zu revidieren. Bis zum nächsten Länderspiel der Nationalmannschaft aber dauert es Monate, für Seferovic eine lange Zeit. Dabei war doch die Schweiz zuletzt sportlich und emotional genug gefordert: nach dem EM-Aus in Frankreich gegen Polen und nach der Niederlage gegen Portugal – notabene der einzigen im zehnten und letzten WM-Qualifikationsspiel. Die Kräfte wieder zu bündeln, sich neu zu sortieren, positiv und hungrig zu bleiben und weiter hart an sich zu arbeiten, das ist nicht einfach. Rückschläge sind Hypotheken, Störfeuer, an dem Teams Schaden nehmen können. Die Schweiz hat es dennoch geschafft, das Scheitern in Frankreich und in Lissabon beiseite- zuwischen. Mit dem zweiten 0:0-Spiel unter Petkovic erreichte sie jetzt ebenso Grosses wie mit dem ersten, als sie an der EM gegen den Gastgeber die Achtelfinalqualifikation sicherstellte. Doch wie wird sie mit den Pfiffen umgehen? Man weiss es nicht, gut möglich, dass sie noch mehr zusammenrückt.

Petkovic jedenfalls fordert mehr Weitsicht des Publikums, wie seine Spieler müsse es mit beiden Füssen auf dem Boden und realistisch bleiben. Wenn der Tessiner solche Ratschläge gibt, sagt dies nicht irgendwer. Sondern der statistisch beste Nationaltrainer, den der Verband je hatte. Im Gegensatz zum Publikum sehen hier die beiden Parteien, was sie aneinander haben. Sie erkennen ihre fruchtbare Beziehung, zu der sich auch die Spieler gesellen – die Dreierkiste gedieh zuletzt prächtig. So spürt auch Gilliéron eine Reife im Team und spricht davon, selten eine derart starke Gruppe gesehen zu haben. «Sie ist solidarisch und hat die Mentalität der kleinen Schweiz definitiv abgelegt.»

Ausblick: Alles noch besser machen

Am 1. Dezember wird die Schweiz ihre Gruppengegner kennen. Weil sie im Lostopf zwei ist, könnte es ein schwieriges Unterfangen werden, nur schon die Vorrunde zu überstehen. Zumal aus Topf eins ein Hochkaräter droht. «Wir sind hungrig, der Gedanke, wie weit wir kommen können, interessiert uns nicht. Wir wollen vieles besser machen und als Konsequenz daraus so viel wie möglich erreichen», sagt Petkovic. Heisst: maximaler Ertrag für maximalen Aufwand.

Einen Ertrag anderer Art haben die Spieler bereits erhalten, der Verband belohnt sie für die WM-Qualifikation mit zwei Millionen Franken. Einer wie Seferovic, der im Parcours nach Russland stets zum Einsatz kam, erhält also eine Prämie von rund 180000 Franken. Der SFV kann diese Summen verschmerzen. Ihm sind 8,1 Millionen Euro gewiss, so viel schüttet die Fifa jedem WM-Teilnehmer aus. Davon bezahlt er die WM-Reisen, Trainingslager oder die Organisation von Testspielen. Gut möglich, dass die Schweizer die Vorbereitung der WM, die am 14. Juni beginnt, wie schon vor der EM in Lugano absolvieren. Zwei Testspiele gegen starke Gegner wollen sie im nächsten Halbjahr austragen, als WM-Teilnehmer haben sie gute Argumente, diese auch zu erhalten. Gerade hier hat Petkovic ein Manko festgestellt, hier will er nachlegen.

Auch wenn es bisweilen den Anschein macht, der Trainer habe sein WM-Team mehr oder weniger im Kopf, wird seine Moderation des 23-Mann-Kaders spannend zu beobachten sein. Neben den Gesetzten sowie den Jungen wie Denis Zakaria, die den Konkurrenzkampf hochhalten, wird es Härtefällen geben. «Es ist nicht leicht, ins WM-Kader zu kommen, aber es ist auch nicht leicht, rauszufallen», sagt Petkovic. Das Pfeifen fällt leichter.

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