Nationalmannschaft

Nati-Trainer Vladimir Petkovic: «Der Winterschlaf ist vorbei! Wir brauchen wieder Nahrung»

Wie das Schweizer Nationalteam und sein Trainer Vladimir Petkovic aneinander gewachsen sind.

Etienne Wuillemin
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Nationaltrainer Petkovic sagt: «Der Winterschlaf ist vorbei! Wir brauchen wieder Nahrung.» Am besten einen Sieg gegen Lettland.Keystone

Nationaltrainer Petkovic sagt: «Der Winterschlaf ist vorbei! Wir brauchen wieder Nahrung.» Am besten einen Sieg gegen Lettland.Keystone

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Der Bär ist wieder da. Aufgewacht aus dem Winterschlaf. Hungrig wie letzten Herbst. Bereit also, um das nächste Opfer zu verspeisen. So präsentierte das Vladimir Petkovic, als er gestern zur Lage der Fussball-Nation sprach. Er hat seine Metapher mit dem Bären lieb gewonnen. Also hält er ein Plakat in die Luft. Es braucht da auch nicht weiter zu stören, dass der Bär auf dem Bild etwas gar eckig ist. Und im Hintergrund auch noch ein Schweizer Ball zu sehen ist, der die Kegel der anderen Nationen zu Fall bringt.

«Der Bär hat gut geschlafen, weil er einen vollen Bauch hatte», ruft Petkovic in den Raum und meint die vier Siege zu Beginn der WM-Qualifikation. «Aber jetzt ist fertig geschlafen! Der Bär braucht wieder Nahrung. Drei Punkte müssen es sein. Denn wir wollen unser Schicksal weiter in den eigenen Händen haben.»

«Dann ist der Trainer schuld»

Die Ausgangslage vor dem nächsten WM-Qualifikationsspiel gegen Lettland am Samstag ist vorzüglich. Sollte die Schweiz die nächsten vier Spiele – nach Lettland warten die Färöer, Andorra und erneut Lettland – tatsächlich gewinnen, reichen zwei Unentschieden gegen Ungarn und in Portugal zum Abschluss in jedem Fall für Rang 1 und die direkte WM-Qualifikation.

Es sind Gedankenspiele, die Petkovic derzeit nicht beschäftigen. Er will nicht zu weit vorausblicken. Und genauso wenig interessieren ihn allfällige Rekorde. Gewinnt die Schweiz in Genf gegen Lettland, bedeutet dies den besten Start in eine Qualifikation der Geschichte. Und sie würde ihre längste Siegesserie überhaupt egalisieren. «Das bedeutet mir gar nichts», beteuert der 53-Jährige, «ich habe meine Zeit nicht auf Wikipedia verbracht. Ob vier, fünf, sechs oder achte Siege – völlig egal. Hauptsache, wir gewinnen gegen Lettland.» Er sagt es mit einem Lachen im Gesicht.

Petkovics gute Laune kommt nicht von ungefähr. Er hat mit seinem Team eine Verwandlung durchgemacht, die noch vor einem Jahr undenkbar schien. Zur Erinnerung: Ende März 2016 fanden die Testländerspiele in Irland (0:1) und gegen Bosnien-Herzegowina (0:2) statt. Die Stimmung war, rund zehn Wochen vor der EM, auf dem Nullpunkt. Und Petkovic an einem Punkt angelangt, an dem er sich ebenfalls hinterfragte.

Doch Trainer und Team gelang es, in der EM-Vorbereitung den Schalter umzulegen. Es entstand ein Spirit, der zu guten Auftritten und immerhin in den EM-Achtelfinal führte. Und nach dem unglücklichen Aus im Penaltyschiessen gegen Polen folgte kein Bruch wie etwa bei den Österreichern. Sondern ein optimaler Start in die neue Qualifikations-Phase. Plötzlich hat man das Gefühl, die Schweiz gewinne mitunter auch Spiele, die sie früher nicht gewonnen hätte – beispielsweise beim 2:0 gegen Europameister Portugal oder dem 3:2 in Ungarn.

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Siege in den ersten fünf Spielen einer Qualifikation sind einer Schweizer Fussball-Nationalmannschaft noch nie gelungen. Gegen Lettland geht es für die Schweiz neben den drei Punkten auch um diesen Rekord.

Fünf Siege en suite – damit würde die Schweiz auch ihre längste Siegesserie überhaupt egalisieren. Unter Trainer Karl Rappan siegte sie zwischen dem
6. April 1960 und dem 20. Mai 1961 ebenfalls fünfmal. Die damaligen Siege: Chile (h) 4:2, Holland (h) 3:1, Frankreich (h) 6:2, Belgien (a) 4:2, Belgien (h) 2:1.

Nun steht eine neue Herausforderung an. Vorab deshalb, weil einige Nationalspieler Probleme neben dem Platz haben. Sei es wegen Verletzungen, Sperren oder sonstigen klubinternen Schwierigkeiten, die dazu führen, dass sie nicht regelmässig spielen bei ihren Vereinen.

Petkovic wählt den Weg des Vertrauens. Er sagt: «Ich werde niemanden ins Abseits stellen bei ersten Schwierigkeiten. In der Nationalmannschaft habe ich schon viele Spieler mit einem ganz anderen Gesicht gesehen als bei den Vereinen. Und ich bin überzeugt, dass sie dieses schöne Gesicht weiterhin zeigen.» Der Nationaltrainer meint Spieler wie Schär, Djourou, Seferovic, Mehmedi, Stocker Xhaka – oder Shaqiri.

Stretching oder Popcorn

Xherdan Shaqiri ist wieder einmal Thema Nummer 1. Die medizinische Abteilung der Schweiz ist überzeugt, dass Shaqiri am Samstag fit ist. Eine andere Frage ist, welches Zeichen Petkovic aussenden würde, wenn er auf einen Spieler setzt, der seit dem 21. Januar kein Spiel mehr bestritten hat. «Es besteht gewiss ein Risiko», sagt Petkovic, «aber ich nehme gerne Risiko auf mich. Und wenn es schiefgeht – dann ist eben der Trainer schuld.»

Nati-Trainer Petkovic über Xherdan Shaqiri «Es besteht gewiss ein Risiko, aber ich nehme gerne Risiko auf mich. Und wenn es schiefgeht – dann ist eben der Trainer schuld.»

Nati-Trainer Petkovic über Xherdan Shaqiri «Es besteht gewiss ein Risiko, aber ich nehme gerne Risiko auf mich. Und wenn es schiefgeht – dann ist eben der Trainer schuld.»

Keystone

So sagt er das. Entspannt wie auch sonst. Und betont gleichzeitig, dass er in den vielen Verletzungen von Shaqiri kein generelles Problem sieht. Eine gewisse Selbstdisziplin fordert Petkovic selbstredend trotzdem. «Niemand verfolgt Shaqiri 24 Stunden am Tag. Und auch ich werde nie kontrollieren, ob er um Mitternacht Stretching macht oder noch Popcorn isst.»
Das Länderspieljahr 2017 soll die Schweiz an die WM vom nächsten Jahr in Russland führen. Die Vorzeichen stehen gut.

Und geht es so weiter wie zuletzt, werden ziemlich bald auch Gespräche über die Zukunft von Petkovic folgen. Sein Vertrag läuft bis zum Ende dieser WM-Qualifikation. Führt er die Schweiz nach Russland, dürfte Petkovic einen neuen Vertrag bis Ende 2019 erhalten – wenn er denn will. Es würde jedenfalls überraschen, wenn die Gespräche von Zögern und Zaudern begleitet wären wie bei der letzten Vertragsverlängerung. Das Popcorn liegt schon mal bereit.